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Maria Paula Gutierrez Meneses (geboren am 8. April 1963 in Lourenço Marques; gestorben am 8. Februar 2026 in Coimbra, Portugal) war eine mosambikanische Sozialwissenschaftlerin und Historikerin. Meneses forschte und lehrte seit 2003 am Zentrum für Sozialwissenschaften an der Universität Coimbra in Portugal. Ihre Forschungsschwerpunkte lagen in den Bereichen Postkolonialismus, Wissensproduktion, Rechtspluralismus und kritische Rassismusforschung.

Leben und Ausbildung

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Maria Paula Meneses wurde 1963 in Lourenço Marques (heute Maputo) in der damaligen portugiesischen Kolonie Mosambik geboren.[1] Ihr Vater war in Mosambik geboren und hatte Medizin in Coimbra studiert, wo er Meneses Mutter kennenlernte.[2]

Maria Paula Meneses absolvierte ihre Schulausbildung in Maputo, zunächst an der Grundschule Rainha Santa Isabel, später am Liceu Dona Ana da Costa Portugal, das nach der Unabhängigkeit Mosambiks 1975 in Escola Secundária Josina Machel umbenannt wurde. Sie gehörte zur „Generation des 8. März (1977)“, die nach dem Willen des sozialistischen Präsidenten Samora Machel zur neuen Bildungselite der Volksrepublik Mosambik ausgebildet werden sollte. Von 1981 bis 1987 studierte sie in der Sowjetunion Geschichte, zunächst an der Universität Woronesch,[3] dann an der Staatlichen Universität Leningrad (heute Sankt Petersburg), wo sie ihren Masterabschluss machte. Anschließend lehrte sie als Assistentin bzw. ab 1989 als Dozentin an der Eduardo-Mondlane-Universität in Maputo, der größten und ältesten Universität Mosambiks, wo sie 1990/91 die Abteilung für Anthropologie und Archäologie leitete. Daneben gehörte sie der Gruppe an, die 1989–1991 im Kulturministerium Mosambiks die Verordnung zum Gesetz über das nationale Kulturerbe ausarbeitete.[4]

Zum Promotionsstudium ging sie von 1991 bis 1993 an die Rutgers University in den Vereinigten Staaten,[5] wo sie 1999 mit einem Ph.D. in Anthropologie abschloss.[6] Thema ihrer Dissertation war Ein technologischer Ansatz zum Acheuléen im südlichen Mosambik und seine Relevanz für die Erforschung des Acheuléen im südlichen Afrika. Parallel dazu und danach lehrte sie weiterhin als Dozentin für Antropologie an der Eduardo-Mondlane-Universität in Maputo, wo sie 2000 zur Assistenzprofessorin ernannt wurde. Von 2001 bis 2003 beriet sie das mosambikanische Ministerium für Hochschulbildung, Wissenschaft und Technologie. Seit 2003 war sie am Zentrum für Sozialwissenschaften an der Universität Coimbra tätig.[7]

Forschung und Lehre

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In ihrer wissenschaftlichen Arbeit befasste sich Meneses vor allem mit den Beziehungen zwischen Wissen, Macht und Gesellschaften. Ein besonderer Schwerpunkt lag auf den Erfahrungen von Bevölkerungsgruppen, die von kolonialer Gewalt betroffen waren. Sie forschte unter anderem zu postkolonialem Rechtspluralismus, zur Beziehung zwischen offizieller Geschichtsschreibung, Erinnerungskulturen und alternativen Zugehörigkeitsnarrativen in zeitgenössischen Identitätskonflikten sowie zu kritischen Ansätzen der Rassen- und Kulturforschung.[4]

Als interdisziplinäre Wissenschaftlerin mit transnationaler Ausrichtung hinterfragte sie gängige Stereotype der Wissensproduktion sowie die institutionellen und gesellschaftlichen Kontexte, in denen Wissen entsteht.[4]

Am Zentrum für Sozialwissenschaften der Universität Coimbra leitete Meneses mehrere Forschungsprojekte und lehrte in den Promotionsprogrammen Postkolonialismen und globale Bürgerschaft sowie Feministische Studien. Sie war als Gastdozentin und Rednerin an Universitäten in Afrika, Lateinamerika, Asien und Europa tätig, unter anderem in Angola, Südafrika, Brasilien, Argentinien, Indien, Spanien, dem Vereinigten Königreich, Deutschland und Frankreich.[4]

Darüber hinaus arbeitete sie mit der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Eduardo-Mondlane-Universität in Maputo zusammen und unterrichtete an der Pädagogischen Universität in Maputo im Rahmen des Promotionsprogramms für Zeitgeschichte. Zudem betreute sie Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler über das Forschungsnetzwerk des CODESRIA (Council for the Development of Social Science Research in Africa).[4]

Missbrauchsvorwürfe

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Im März 2023 veröffentlichten Lieselotte Viaene, Catarina Laranjeiro und Miye Tom im Sammelband Sexual misconduct in academia: informing an ethics of care in the university (Routledge, März 2023) einen Beitrag unter dem Titel „The walls spoke when no one else would: Autoethnographic notes on sexual-power gatekeeping within avant-garde academia“.[8] In diesem warfen sie, ohne den Namen der Institution zu nennen, Boaventura de Sousa Santos (ebenfalls nicht namentlich genannt, sondern nur als „Star-Professor“ bezeichnet) „intellektuellen Extraktivismus“ und systematischen Missbrauch von Studierenden und Doktoranden vor, während dessen „Lehrling“ (gemeint ist Bruno Sena Martins) und die „Wächterin“ (gemeint ist Maria Paula Meneses) dieses System stützen und als seine „Gatekeeper“ agieren würden.[9]

Sousa Santos, Sena Martins und Meneses leugneten die Vorfälle und kritisierten den Beitrag als „pseudowissenschaftlich“ und „diffamierend“. Meneses schickte eine Unterlassungserklärung an den Verlag, der das Kapitel daraufhin zurückzog.[7][10] Eine eingesetzte Untersuchungskommission untersuchte Vorwürfe gegenüber 14 von 32 Personen; im Abschlussbericht kam die Untersuchungskommission zum Schluss, dass es in der Tat systematischen Missbrauch an der Einrichtung gab, ohne dabei jedoch Namen zu nennen.[11] In Folge dessen trat Boaventura de Sousa Santos von seiner Position am Zentrum for Sozialwissenschaften zurück;[12] Meneses wurde von den Vorwürfen freigesprochen.[13][14]

Nach eigener Darstellung erkrankte Meneses in Folge der Anschuldigungen und des ausgeübten Drucks an einer schweren Depression. Im Januar 2025 wurde bei ihr Bauchspeicheldrüsenkrebs im vierten Stadium diagnostiziert. Sie starb am 8. Februar 2026 im Instituto Português de Oncologia de Coimbra Francisco Gentil in Coimbra.[6]

Zahlreiche bekannte mosambikanische, portugiesische und brasilianische Persönlichkeiten bedauerten Meneses Tod und würdigten ihre akademische Leistung.[6][15]

Die Arbeiten von Maria Paula Meneses erschienen in wissenschaftlichen Zeitschriften, Sammelbänden und Forschungsberichten in verschiedenen Ländern, darunter Mosambik, Portugal, Spanien, Senegal, die Vereinigten Staaten, das Vereinigte Königreich, Deutschland und Kolumbien.

Im folgenden eine Liste ihrer Publikationen (Monographien und Anthologien):

  • mit Boaventura de Sousa Santos: Os Saberes Nascidos na luta: construindo as epistemologias do Sul. Lisboa: Edições 70 (2024)
  • mit Boaventura de Sousa Santos: Conocimientos Nacidos en las Luchas: construyendo las Epistemologias del Sur. Madrid: Akal (2020)
  • mit Boaventura de Sousa Santos: Knowledges Born in the Struggle. Constructing the Epistemologies of the Global South. New York: Routledge (2019)
  • Os Saberes Feiticeiros em Moçambique: Realidades materiais, experiências espirituais. Coimbra: Almedina (2019)
  • mit João Arriscado Nunes, Carlos Lema Añón, Antoni Aguiló Bonet, Nilma Lino Gomes: Construyendo las Epistemologías del Sur. Buenos Aires: CLACSO e Fundación Rosa Luxemburgo (2018)
  • mit Karina Bidaseca: Epistemologías del Sur. Buenos Aires: CLACSO e CES (2018)
  • mit Sheila Pereira Khan, Bjørn Enge Bertelsen: Mozambique on the Move. Challenges and Reflections. Leiden: Brill (2018)
  • mit Carolina Peixoto, Na oficina do sociológo artesão. São Paulo: Cortez (2018)
  • mit Bruno Sena Martins: Direitos e Dignidade: Trajetórias e experiências de luta. Coimbra: CES (2016)
  • mit Iolanda Vasile: Desafios aos Estudos Pós-Coloniais. As Epistemologias Sul-Sul. Coimbra: CES (2014)
  • mit Boaventura de Sousa Santos: Epistemologías del Sur (perspectivas). Madrid: Akal (2014)
  • mit Bruno Sena Martins: As guerras de Libertação e os Sonhos Coloniais: alianças secretas, mapas imaginados. Coimbra: Almedina (2013)
  • mit Júlio Lopes: O Direito por fora do Direito: as instâncias extra-judiciais de resolução de conflitos em Luanda. Coimbra: Almedina (2012)
  • mit Boaventura de Sousa Santos: Epistemologias do Sul. Coimbra: Almedina (2011)
  • mit Boaventura de Sousa Santos: Epistemologias do Sul. S. Paulo: Cortez (2010)
  • mit Margarida Calafate Ribeiro: Moçambique: das palavras escritas. Porto: Afrontamento (2008)
  • mit Boaventura de Sousa Santos, João Carlos Trindade: Law and Justice in a Multicultural Society: The Case of Mozambique. Dakar, Senegal: CODESRIA (2006)
  • O Acheulense em Moçambique. Maputo: Promédia (2004)
  • mit Alexandrino José: Moçambique, 16 anos de historiografia: focos, problemas, metodologias, desafios para a década de 90. Maputo: CEGRAF (1991)

Einzelnachweise

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  1. Patrícia Cruz Almeida: Faleceu a antropóloga Maria Paula Meneses. In: Diário As Beiras. 9. Februar 2026, abgerufen am 10. Februar 2026 (portugiesisch).
  2. Celso Castro, Guilherme Mussane: Maria Paula Meneses (depoimento, 2011). (pdf; 1,4 MB) Fundação Getúlio Vargas, 2013, S. 2, abgerufen am 10. Februar 2026 (portugiesisch, Interview mit Maria Meneses).
  3. Celso Castro, Guilherme Mussane: Maria Paula Meneses (depoimento, 2011). (pdf; 1,4 MB) Fundação Getúlio Vargas, 2013, S. 18, abgerufen am 10. Februar 2026 (portugiesisch, Interview mit Maria Meneses).
  4. a b c d e Curriculum Vitae: Maria Paula Meneses. (pdf; 332 kB) In: ladyss.com. 2023, abgerufen am 10. Februar 2026 (französisch).
  5. Celso Castro, Guilherme Mussane: Maria Paula Meneses (depoimento, 2011). (pdf; 1,4 MB) Fundação Getúlio Vargas, 2013, S. 23, abgerufen am 10. Februar 2026 (portugiesisch, Interview mit Maria Meneses).
  6. a b c Morreu antropóloga moçambicana e investigadora de Coimbra Maria Paula Meneses. In: rtp.pt. 9. Februar 2026, abgerufen am 10. Februar 2026 (portugiesisch).
  7. a b Boaventura de Sousa Santos: Maria Paula Meneses (1963–2026). In: Brasil 247. 9. Februar 2026, abgerufen am 10. Februar 2026 (brasilianisches Portugiesisch).
  8. Lieselotte Viaene, Catarina Laranjeiro, Miye Nadya Tom: The walls spoke when no one else would: Autoethnographic notes on sexual-power gatekeeping within avant-garde academia. In: Researchgate.net. März 2023, archiviert vom Original am 14. November 2024; abgerufen am 12. Februar 2026 (englisch).
  9. CES. Dez mulheres denunciam casos de abuso sexual e moral contra Boaventura de Sousa Santos e outros investigadores. In: observador.pt. 2. Oktober 2023, abgerufen am 12. Februar 2026 (portugiesisch).
  10. A "Sentinela" assume carta de ameaça à editora britânica e queixa-crime contra autoras. In: dn.pt. 23. September 2023, abgerufen am 12. Februar 2026 (portugiesisch).
  11. Marta Gonçalves: Caso Boaventura Sousa Santos: relatório admite que houve “padrões de conduta de abuso de poder e assédio”. In: expresso.pt. 13. März 2024, abgerufen am 12. Februar 2026 (portugiesisch).
  12. Comunicado da Direção do CES. In: Centro de Estudos Sociais Universidade de Coimbra. 26. November 2024, abgerufen am 12. Februar 2026 (portugiesisch).
  13. Comunicado da Direção do CES. In: Centro de Estudos Sociais Universidade de Coimbra. 12. Dezember 2024, abgerufen am 12. Februar 2026 (portugiesisch).
  14. Manuel Ribeiro: Morreu, Maria Paula Meneses, antropóloga que dedicou a sua vida aos estudos pós-coloniais. In: Euronews. 11. Februar 2026, abgerufen am 12. Februar 2026 (portugiesisch, wiedergegeben auf MSN.com).
  15. Nota de Pesar: Falecimento de Maria Paula Meneses. Centro de Estudos sobre África e Desenvolvimento, 9. Februar 2026, abgerufen am 12. Februar 2026 (portugiesisch).
Personendaten
NAME Meneses, Paula Maria
ALTERNATIVNAMEN Meneses, Paula; Gutierrez Meneses, Maria Paula
KURZBESCHREIBUNG mosambikanische Sozialwissenschaftlerin und Historikerin
GEBURTSDATUM 8. April 1963
GEBURTSORT Lourenço Marques
STERBEDATUM 8. Februar 2026
STERBEORT Coimbra