Der Fokus der vorliegenden Arbeit richtet sich auf das Phänomen des religiösen Fundamentalismus, der sich, obwohl „Produkt der Moderne“, aus seinen jeweiligen historischen Rahmenbedingungen ableitet, dabei aber einen Partizipations- und Geltungsanspruch auf Diskurse der Gegenwart aufrechterhält. Zentrale Wesensmerkmale des Fundamentalismus sind dabei in seinem Selbstverständnis, in Organisation und Weltsicht seiner Gruppen Selektivität, Exklusivität, Dogmatik und ein immanentes Reflexionsverbot, welches die absolute Lehre von der Gottessouveränität zum Staatsmodell und gleichzeitig zu einem Gesellschaftsentwurf erhebt.
Eine theoretische Diskussion um den Fundamentalismus-Begriff sowie seine Anwendbarkeit auf den islamischen Kontext soll u. a. zwischen verschiedenen Islaminterpretationen differenzieren und anhand des kolonialen Beispiels Britisch-Indiens Anwendung finden.
Darüber hinaus stellt die Phase von 1906 bis 1947 einen entscheidenden historischen Entwicklungsprozess für das Selbstverständnis von Religion und Politik im modernen Staat Pakistan dar. Deshalb ist es das Anliegen der Arbeit, neben der fundamentalistischen Position der Jama`at-i-Islami (JI) und ihres Gründers Sayyid Abul `Ala Maududi auch die „islamische Identität“ der Kolonialzeit zu berücksichtigen, der politisch durch die Forderungen der Muslimliga und die Zwei-Nationen-Theorie Mohammad Iqbals und Mohammad Ali Jinnahs Ausdruck verliehen wurde und die heute maßgeblich das Selbstverständnis der pakistanischen Nation prägt.
Die Wandlung der Jama`at-i-Islami zu einer politischen Partei soll Rückschlüsse auf die von Maududi vertretene Reinterpretation islamischer Werte und den Charakter der Organisation als islamisch-fundamentalistische Partei Pakistans erlauben und so zum Verständnis des ambivalenten Verhältnisses beitragen, dass die Partei gegenüber dem Staat, und von diesem repräsentiert, einem „offiziellen“ Islam, pflegt. Schlüsselereignisse, die durch Formen der Interaktion zwischen diesen beiden unterschiedlichen Anschauungen durch Konfrontation oder Kooperation geprägt waren, sollen den Strategiewechsel der JI nachzeichnen, den diese in ihrem Bestreben, einen islamischen Staat zu etablieren, vollzogen hat und nunmehr auf demokratisch-parlamentarischem Wege die politische Öffentlichkeit für ihre Anschauungen zu vereinnahmen sucht. (Bildbeilagen vorhanden!)