Auf einer Insel im Nirgendwo: „Yunan“
Das Gefühl des Verlorenseins und die gegenteilige Empfindung von Geborgenheit liegen oft sehr nahe zusammen. Zum Beispiel auf einer Nordseeinsel mitten im Wattenmeer: Da steht der exilierte Schriftsteller Munir (Georges Khabbaz) und schaut in die windumtoste Ferne, um ihn herum nur die kargen Marschfelder der Hallig, auf der er sich befindet, und die Nordsee. Sein Arzt hat ihm geraten, doch einfach mal wegzufahren und auszuspannen. Ob er diesen doch eher unwirtlichen Ort gemeint hat? Aber genau hier wird Munir einen raren Moment der Zugehörigkeit erleben.
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Der junge Regisseur Ameer Fakher Eldin ist 1991 in Kyiv als Kind von syrisch-palästinensischen Eltern zur Welt gekommen und lebt seit vielen Jahren in Hamburg. Vom Verlust und der Suche nach Heimat versteht er also etwas. In „Yunan“, der in diesem Jahr im Wettbewerb der Berlinale Premiere feierte, liefert er eine atmosphärische Beschreibung dessen, was es heißt, sich nirgendwo zu Hause zu fühlen und welche tiefen, existenziellen Ängste damit verbunden sind.
Woher Munir ursprünglich kommt und wie es ihn nach Deutschland verschlagen hat, spart der Film aus. In den ersten Szenen hört und sieht man ihn schwer atmen. Munir leidet unter Attacken von Atemnot, aber der Arzt kann keine physische Ursache finden. Die Szenen, die Munir in einem düsteren, regnerischen Hamburg zeigen, deuten darauf hin, dass seine Krankheit tatsächlich mehr ein Ausdruck seiner Seele ist. Mit dem Schreiben kommt er auch nicht richtig voran. Er telefoniert mit seiner im Herkunftsland verbliebenen Schwester, die die demenzkranke Mutter pflegt. Diese erkennt den Sohn am Telefon nicht und hält ihn für ihren Arzt.
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Die Kommunikation mit der Mutter klappt nur dann, wenn er sie bittet, „die Geschichte“ noch mal zu erzählen. Die alte Frau kennt nur den Anfang: Da gab es einen Schafhirten, der weder Mund noch Ohren noch eine Nase hatte. Dafür aber eine Frau, deren Lächeln „so schön war wie der Spalt in einem Granatapfel“. In einer Art biblischen Szenerie verkörpert Sibel Kekilli diese Frau, die mit großer Geduld ihrem Mann (Ali Suliman) nachschaut. Immer wieder kehrt Munirs Fantasie und der Film in diese Szenerie zurück, wie zu einem Rätsel, von dessen Beantwortung das weitere Schicksal von Munir abhängt.
Ein eingepackter Revolver verrät Munirs Plan
Auf der realen Ebene des Films fährt Munir zur oben beschriebenen Hallig. Nicht etwa, um wie vom Arzt verschrieben auf andere Gedanken zu kommen, sondern, ein eingepackter Revolver verrät es, seinem Denken ein endgültiges Ende zu setzen. Im Gasthaus von Valeska (Hanna Schygulla) findet er eine Unterkunft. Die ältere Frau, der Schygulla eine wunderbare Wärme, gepaart mit scharfer Geistesgegenwart und viel Sinn für Humor verleiht, begegnet dem melancholischen Mann mit großer Offenheit, ohne jedoch allzu freundlich zu sein. Dennoch gibt es vom ersten Moment ihrer Begegnung etwas, das vermuten lässt, dass sie eine entscheidende Rolle dabei spielen wird, den Schriftsteller vom Selbstmord abzuhalten. Sie scheint zu sehen, wer er wirklich ist.
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„Yunan“ ist ein Film, bei dem man Dinge wie Feuchtigkeit, Wind und Kälte förmlich auf der eigenen Haut spürt – und den man deshalb mehr miterlebt als intellektuell begreift. Die Handlung besteht eher aus einer Abfolge an malerischen Szenen denn aus einem Plot. Immer noch unentschlossen über die eigene Zukunft beobachtet Munir, wie die Hallig-Bewohner sich für einen Jahrhundertsturm rüsten. Der mürrische Sohn von Valeska, verkörpert von Tom Wlaschiha, bereitet Sandsäcke vor und will Munir wegschicken. Aber Valeska beharrt darauf zu bleiben. Sie erklärt dem Ausländer den Unterschied zwischen Insel und Hallig. Letztere wird naturgemäß von Zeit zu Zeit überflutet. Die verteilten Bauernhäuser sind auf Warften errichtet. Als die Flut da ist, werden daraus kleine Inseln, die Gefahr laufen, vollends weggeschwemmt zu werden.
Aber das ganz große Drama bleibt aus. Als die Fluten wieder zurückgehen, gesellt sich Munir ein wenig mehr unter die Bewohner, aber ohne falsche Vertrautheiten. Als er dann nach Hamburg zurückkehrt, hat der Hirte in seiner Geschichte immer noch keinen Mund. Doch Munir scheint aus den Momenten von Geborgenheit inmitten vom Sturm Gelassenheit geschöpft zu haben – und besser atmen zu können. Wie sehr der Film einen mitgerissen hat, merkt man daran, dass es einem als Zuschauer ganz ähnlich geht.
Drama D/I/CAN 2025, 125 min., von Ameer Fakher Eldin, mit Georges Khabbaz, Hanna Schygulla, Sibel Kekilli
