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⇱ „Markus Lanz“: „Wie Corona, Wirtschaftskrise 2008 und Ukraine-Krieg zusammen“ – Experte warnt vor Szenario


Funke Mediengruppe
TV-Kritik

Lanz will „Zeitgeschichte“ – doch Wissing spielt nicht mit

Volker Wissing berichtet bei „Lanz“, wie er das Ampel-Aus erlebt hat. Dann richtet sich der Blick auf Chinas Absichten mit Taiwan.
Von León Kottmann
Markus Lanz © ZDF und Markus Hertrich | Markus Hertrich

Vor anderthalb Jahren endete das Experiment Ampel-Koalition. Olaf Scholz entließ damals Finanzminister Christian Lindner und warf diesem „verantwortungsloses Handeln“ vor. Verkehrsminister Volker Wissing entschied sich damals, lieber der Regierung als seiner Partei die Treue zu halten. 

Nun hat er ein Buch mit dem Titel „Verantwortung“ geschrieben, in dem er seiner Partei „Fanatismus“ vorwirft und die schlechte Zusammenarbeit in der Regierung beschreibt. Für Markus Lanz ist das Ende der Ampel ein Stück „Zeitgeschichte“, weshalb er Wissing permanent zum genauen Ablauf des Bruchs und den FDP-Sitzungen befragt. 

Doch Wissing ist nicht der Whistleblower, den sich Lanz wünscht: Immer wieder zieht er sich darauf zurück, das „Beratungsgeheimnis“ nicht verletzen zu wollen. Deshalb werde er nicht aus internen Gesprächen oder Sitzungen zitieren. 

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Wissing: „Ich habe einiges aushalten müssen“ 

Wissing beschreibt deshalb größtenteils nur das, woran sich ohnehin viele Wähler schmerzlich erinnern: Wie die FDP in der Regierung ständig in einem „Abgrenzungsmodus“ gewesen war, um sich zu profilieren. Er habe schon damals einen anderen Weg aufgezeigt, sagt Wissing: „Profilierung geht in einer Regierung nur über gute Regierungsergebnisse. Dafür braucht man einen langen Atem. Darauf muss man Lust haben.“ 

Auch wenn Wissing Christian Lindner nicht namentlich erwähnt,wird klar: Darauf hatte dieser keine Lust. „Ich möchte nicht über Kollegen urteilen“, sagt Wissing. Doch er beschreibt eindrücklich, wie die Stimmung in der FDP vor dem Bruch war: „Ich habe einiges aushalten müssen, weil ich intern meine Meinung gesagt habe“, erzählt er. 

Immer wieder habe er dafür plädiert, Kompromisse einzugehen und konstruktiv mit SPD und Grünen zu sprechen: „Gute Zusammenarbeit geht nur mit Empathie für die andere Seite. Man muss verstehen, warum sie anders denken, und sollte ihnen erst mal unterstellen, dass sie es auch gut meinen.“ 

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Ein vernünftiger Politiker, aber schlechter Talkshowgast 

Das Ende der Koalition habe Wissing damals zugesetzt: „Ich habe körperlich gelitten, mich innerlich gewehrt, aber ich konnte es nicht verhindern.“ Als Scholz ihn damals im Vier-Augen-Gespräch fragte, ob er Minister bleiben wolle, auch wenn die FDP aus der Regierung austritt, habe er nicht überlegen müssen. 

Lanz will die Geschichte in der Sendung zum Leben erwecken und überhöht diesen Moment künstlich: „In welchem Raum hat das stattgefunden?“, will er wissen. „In einem Konferenzsaal“, antwortet Wissing schlicht. „Als Bürger stellt man sich das erhabener vor“, rechtfertigt Lanz seine überflüssige Frage, doch Wissing stellt klar: „Räume sind immer banal.“

So bleibt von Wissings Auftritt nicht viel Interessantes hängen. Eine erfolgreiche Eigenwerbung für sein Buch sieht anders aus. Doch gerade das macht Wissing auch auf seine Art bemerkenswert. Denn der Ex-Minister verkörpert einen Politiker, dem es mehr um Kompromisse und Sacharbeit geht als um kontroverse Statements. In einer Regierung kann so ein Politiker sehr wertvoll sein, doch in einer Talkshow sorgt er eher für Langeweile.  

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Krieg um Taiwan hätte dramatische Folgen 

Spannender ist da der Blick auf den Konflikt zwischen China und Taiwan im zweiten Teil der Sendung. Der Politikwissenschaftler Andreas Fulda warnt davor, dass China Taiwan bald angreifen könnte und beschreibt die heftigen Folgen, die das auch für Deutschland hätte. 

Dabei beschreibt er zwei Szenarien. Im ersten Szenario errichtet China eine Seeblockade in der Taiwanstraße, um Taiwan zu unterwerfen. Allein diese Blockade würde die Weltwirtschaft laut Fulda 2 bis 5 Billionen Dollar kosten und Deutschland in eine Rezession stürzen. Er vergleicht die Taiwanstraße deshalb mit der Straße von Hormus, deren Blockade derzeit auch starke negative Konsequenzen für die Weltwirtschaft hat. 

Allerdings wäre die Seeblockade laut Fulda noch das angenehmere Szenario. Sollte China eine Invasion Taiwans beginnen, prognostiziert er noch drastischere Folgen: „Wirtschaftlich wäre allein das erste Kriegsjahr wie die Corona-Pandemie, die Finanzkrise 2008 und der Ukraine-Krieg zusammen.“ 

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Lanz relativiert: „Ich glaube, die Chinesen wollen Business machen“ 

Fulda übt scharfe Kritik an vielen deutschen Unternehmen, die dieses Risiko in den letzten Jahren ignoriert hätten. Auch der Autor und China-Kenner Felix Lee warnt vor den wirtschaftlichen Folgen eines Konflikts: „Die Deutschen hängen sehr viel mehr drin, als man das hier erahnt.“ 

Lee betont, dass Chinas Bedrohungen gegenüber Taiwan ernst seien und verweist auf die Gleichschaltung in Hongkong: „Das sind keine leeren Worte.“ Chinas Armee werde Jahr für Jahr größer und schlagkräftiger, in Verbindung mit der riesigen Volkswirtschaft entstehe dadurch „eine Skalierung an Waffenpotenzial, bei der der ganze Rest der Welt nicht mehr mithalten kann“, so Lee. 

Angesichts dieser bedrohlichen Schilderungen wirkt Lanz’ Abschlussstatement bizarr: „Das ist alles nur ein Szenario“, hält er fest. „Ich glaube nicht, dass es dazu kommt.“ Lanz widerspricht damit allem, was Lee und Fulda in den Minuten zuvor erzählt haben. Er begründet das mit dem einfachen Argument: „Ich glaube, die Chinesen wollen Business machen.“ – „Ich hoffe, sie haben recht“, antwortet Fulda darauf nur.  

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