„Ich denke an Menschen, die nicht wissen, wann sie das nächste Mal essen“
Noch wird nicht gegessen. Im Gemeindehaus der Matthäuskirche in Herne-Baukau riecht es nach Zwiebeln und Kreuzkümmel. Stühle rücken näher zusammen, mehr als hundert Gäste werden erwartet. Vor dem Eingang stehen zwei lange Tische, Schüsseln noch unter der Folie. Aus der Küche klappern Töpfe, jemand ruft nach einem Löffel.
Zur selben Zeit, ein paar Kilometer weiter im Treffpunkt Eickel, tragen Frauen dampfende Töpfe durch einen Saal. Kinder rennen zwischen den Tischen hindurch, jemand singt leise zur Musik aus den Lautsprechern. Rund 20 Tische sind gedeckt, mit Wasserflaschen, Schalen mit Datteln und Blumensträußen. Es sind zwei Orte, zwei Abende, ein Zusammenkommen – und es ist Ramadan, der muslimische Fastenmonat.
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Treffen in der Kirche: „Jeder bringt etwas“
In der Matthäuskirche treten die ersten Gäste zögernd ein, bleiben im Türrahmen stehen, als müssten sie sich erst orientieren. Manche umarmen sich, andere setzen sich an freie Plätze. Kurz vor Beginn sucht ein älterer Mann nach einem Platz. Eine Familie rückt wortlos zusammen. „Hier ist noch Platz“, sagt eine Mutter und zieht ihre Tochter näher heran. Er setzt sich und nickt dankend.
Zur gleichen Zeit wird es in Eickel lauter. In der Küche stehen an die sechs Frauen, rühren in großen Töpfen, lachen, reden durcheinander. Immer wieder kommen Menschen herein, bringen Schüsseln, Getränke, selbstgemachte Speisen für das Buffet. „Jeder bringt etwas“, sagt Marli Balde. So funktioniere es hier. Sie hat den Abend mitorganisiert. Was als kleines Treffen begann, wächst. Immer mehr kommen, manche sind aus afrikanischen Ländern wie Guinea, Gambia, Sierra Leone, leben in Herne und Umgebung. Nicht nur Afrikaner, Türken, Christen oder Muslime, sagt sie, alle seien eingeladen. Man solle sich kennenlernen, austauschen, keine Scheu voreinander haben.
Jeder bringt etwas.
Marli Balde, Mitorganisatorin
Zurück in der Matthäuskirche läuft Ayse Mesture Akkus durch die Reihen, schüttelt Hände, bleibt hier und dort stehen. Sie hat den Abend gemeinsam mit lokalen Initiativen organisiert; für einen Samstag im Fastenmonat, der auch für nicht-Muslime zugänglich sein soll. Ihr Ziel: Menschen zusammenbringen – und die Politik gleich mit dazu. Die Grußworte beginnen. Ein Pfarrer spricht von Tischen als Orten der Verständigung. Ein Bundestagsabgeordneter von Vielfalt und Gemeinschaft und davon, dass Begegnung nicht von selbst entstehe, sondern gewollt sein müsse.
Lachen, teilen, essen: Das Fasten brechen
In Eickel gibt es keine Reden. Dort beginnt der Abend, so wie im Jahr zuvor, direkt mit Trubel. Auch hier wird für einen Samstag im Fastenmonat ein interkultureller Austausch angeboten. Und immer dabei: Marli Balde. Sie ist überall zugleich, trägt Tabletts, begrüßt Gäste in bunten Roben und lacht. Ein älteres Ehepaar sitzt etwas abseits. Die Stebles sind zum ersten Mal gekommen. Sie haben Balde unterstützt, als sie 2015 nach Deutschland kam. Später sagt sie über das Ehepaar: „Sie sind mein ganzes Herz.“
In der Matthäuskirche wandern die Blicke auf die Uhr. Jemand flüstert: „Gleich.“ Dann wird es still. Die Sonne ist untergegangen, das Fastenbrechen beginnt. Datteln gehen von Hand zu Hand. Gläser werden gefüllt. Erst ein Schluck Wasser, Dattel, dann den Löffel in die Suppe. In Eickel hingegen gibt es keinen Moment der Stille. Manche gehen zum Gebet nach oben, andere greifen sofort zu. Große silberne Platten werden auf die Tische gestellt. Es gibt Reis, Gemüse und Fleisch. Sechs Menschen essen gemeinsam daraus und reichen einander Stücke weiter. „Sehr scharf“, sagt eine Frau und stellt eine Schale Soße dazu.
Was ist Ramadan?
Der Ramadan ist der heilige Fastenmonat im Islam, in dem Muslime weltweit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Essen, Trinken und andere weltliche Bedürfnisse verzichten. Er steht für Besinnung, Nächstenliebe und spirituelle Reinigung. Das tägliche Fasten wird nach Sonnenuntergang traditionell mit Datteln und Wasser gebrochen – nach dem Vorbild des Propheten. Der Ramadan findet einmal im Jahr statt, verschiebt sich durch den islamischen Mondkalender aber jedes Jahr um etwa zehn Tage.
Fremde kennenlernen: „Da möchte man etwas zurückgeben“
In der Matthäuskirche bildet sich eine Schlange am Buffet. Niemand drängt. Vor einer Platte bleibt eine Frau stehen. „Was ist das?“, fragt sie. „Çiğ Köfte“, sagt der Mann hinter ihr. „Probieren.“ Ein paar Schritte weiter erklärt jemand gefüllte Auberginenröllchen. Und dann liegen die Speisen auf fremden Tellern. Der Raum wirkt plötzlich größer, offener.
Zwischen Mitarbeitenden des Gesundheitsamts, Familien und Ehrenamtlichen sitzt Birsel Habrichi-Pulat. Sie ist zum ersten Mal hier. Eingeladen hat sie ein Kollege. „Er ist so herzlich. Da möchte man etwas zurückgeben.“ Sie schaut sich um. Menschen reden, lachen, bleiben doch oft bei denen, die sie kennen. Interkulturelle Begegnung gelinge nicht automatisch, sagt die 50-jährige Fachzahnärztin. „Der Schlüssel ist das Lächeln.“ Ein freundlicher Blick und oftmals eröffnen sich Gespräche.
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In Eickel sagt Mamadou Tanou Diallo etwas Ähnliches. Viele blieben zunächst unter sich, sagt er. Man müsse sich trauen, aufeinander zuzugehen. „Einmal im Jahr. Da kann man doch zusammensitzen.“ Er wünscht sich, dass mehr passiert zwischen den Tischen. Dass Fragen gestellt werden. Dass Kontakte entstehen und Menschen sehen, dass afrikanische Kultur mehr ist als das, was man aus dem Fernsehen kennt. Das gebe er auch an die Kinder weiter. Viele von ihnen sind in Deutschland geboren, wachsen zwischen Sprachen, Traditionen und Erwartungen auf. Das interkulturelle Fastenbrechen ist für sie auch Unterricht.
Der Schlüssel ist das Lächeln.
Birsel Habrichi-Pulat, Besucherin
Zwischen den Tischen wird es voller. Teller werden weitergereicht, jemand sammelt Müll ein. Und doch: Die Gruppen bleiben spürbar für sich.
In den Räumen der Matthäuskirche sitzen Politiker neben Familien und Fremde nebeneinander. Birsel Habrichi-Pulat spricht von einem berührenden Abend. Und doch von einem Zwiespalt: Während hier gemeinsam gegessen werde, denke sie an Menschen, die unfreiwillig hungern. Wer faste, wisse, dass er später essen könne. „Dann denke ich an Menschen, die nicht wissen, wann sie das nächste Mal essen.“
Mariam ist zum ersten Mal im Treffpunkt Eickel. Sie kommt aus Sierra Leone, sitzt neben einer Freundin und schaut sich um. Ihr Blick fällt auf die nicht-muslimischen Gäste im Nebenraum, die beisammenbleiben. Dann die afrikanischen Gäste. „Alles ist gut hier“, sagt sie. Das Essen schmecke, die vielen Gäste seien nett. Sie habe nicht erwartet, dass die afrikanische Community in Herne so groß ist. Kulturen zu mischen sei wichtig, sagt sie.
Es sind zwei Abende, zwei Räume, die ähnlicher und gleichsam nicht unterschiedlicher sein könnten. Und doch stellt sich an beiden Orten die gleiche Frage: Wie kommt man wirklich miteinander ins Gespräch?
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Später stehen an beiden Orten die Menschen vor beiden Gebäuden. Sie tauschen Nummern aus, schütteln sich die Hände, nehmen Reste mit nach Hause. Wer gekommen ist, kennt ein paar neue Gesichter mehr. Vielleicht beginne interkultureller Austausch genau so, sagt Diallo. Mit einer Dattel, einem Platz am Tisch und mit dem Versuch, Nähe zu schaffen. Auch mit jemandem, den man noch nicht kennt.
