Ein Junge, ein frecher Spruch – und plötzlich war die ganze Klasse aufgeregt
„Rosen, Tulpen und Narzissen – alles darf die Mutti wissen“: nicht ganz fehlerfrei, dafür aber in feiner Handschrift. So beginnt dieser Spruch in einem Poesiealbum, aufgeschrieben im November 1970. Gleich daneben liegt ein anderes Büchlein. Auf einer Seite klebt ein „Philippchen“, ein Glanzbild, das zwei Vögel vor einem Blumenkranz zeigt. Den Spruch daneben kann heutzutage nicht mehr jeder lesen – denn 1934 schrieb man Sütterlin.
Der Verein Bücherstadt Langenberg hat in den vergangenen Wochen ein Fenster in die Vergangenheit geöffnet: Wer mochte, konnte (alte) Poesiealben in der Bücherquelle an der Kamper Straße abgeben. Leihweise. Besucherinnen und Besucher durften dann in den liebevoll gestalteten Büchlein blättern.
Ein Album aus dem Jahr 1887
Die Ausstellung ist nun vorüber, aber zum Abschluss hatte die Vereinsvorsitzende Isolde Marx die Besitzerinnen und Besitzer der Alben eingeladen, den einen oder anderen Spruch in kleinem Kreis vorzulesen. Eine Gelegenheit, die einige der Angesprochenen gerne genutzt haben.
Dabei sind die mehr oder weniger bemüht gereimten Sprüche gar nicht einmal das Wichtigste an diesem späten Nachmittag. Gerd Lumbeck etwa hat das Poesiealbum seiner Tante dabei. „Ich würde gerne etwas vorlesen, schließlich stammt das Album aus dem Jahr 1887“, sagt er. „Aber ich kann kein Sütterlin lesen.“
Stattdessen zeigt er eine aufgeblätterte Seite. Was allen sofort ins Auge fällt: wie akkurat und sauber die Handschriften aussehen. Schon entbrennt ein lebhaftes Gespräch darüber. Oder, nach ein, zwei weiteren Sprüchen, entdecken die Zuhörenden Gemeinsamkeiten. „Spannend“, findet etwa Klaus-Hermann Müller: „Vieles dreht sich um Fleiß und Demut. Und um Gott.“
Anekdoten über die Lehrer von früher
Allerdings haben sich nicht nur die Mitschülerinnen – und, in eher seltenen Fällen, die Mitschüler – in den Alben verewigt. „Meine Klassenlehrerin hat mir auch etwas geschrieben“, sagt Ruth Scharf, zeigt ihr Album und liest vor. „Die war eine Gute“, schiebt sie etwas wehmütig hinterher.
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Das weckt Erinnerungen. Wer kennt welche Lehrer? An welcher Schule haben die unterrichtet? Wer erinnert sich an skurrile Anekdoten? Wie die von dem Lehrer aus Velbert, der immer mit dem Bus nach Langenberg gefahren ist – und nach Karnevalsfeiern manchmal von den Schülerinnen und Schüler geweckt und ans Aussteigen erinnert werden musste?
Start eines neuen Kapitels
Währenddessen sitzt Claudia Rackel im Vorraum, selbst über ein Buch gebeugt. Langsam und sorgfältig schreibt sie fein säuberlich auf die erste Seite. „Ich beginne heute für den Bücherstadt-Verein ein neues Poesiealbum“, erzählt sie. „Sie kann Kalligrafie“, ergänzt Isolde Marx, „deswegen habe ich sie gebeten, die erste Seite zu gestalten“. Die Idee: „Wer die Bücherquelle besucht, darf uns gerne einen schönen Spruch in das Album schreiben“, erläutert die Vereinsvorsitzende.
Im Hinterzimmer tauschen sich die Gäste derweil weiter über Geschichten rund um ihre Büchlein aus. So zum Beispiel darüber, dass ein Junge für ganz viel Aufregung in der Klasse gesorgt hat, weil er den Satz „Du sollst Vater und Mutter ehren“ ergänzt hat. „Er hat geschrieben: Und wenn sie Dich schlagen, sollst Du Dich wehren“, berichtet die Besitzerin des Albums. „Das war ein Ding, sogar die Klassenlehrerin hat sich eingeschaltet.“ Heute unvorstellbar, murmelt ein anderer kopfschüttelnd, grinsend.
Auszug: Die Geschichte des Poesiealbums
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts entstand der Brauch, guten Freunden Namen, Wappen und Wahlspruch in das Stammbuch (nicht identisch mit dem Stammbuch im Sinne des Familienstammbuchs) zu schreiben. Im 18. Jahrhundert kamen zu den Sinnsprüchen auch Widmungen und viele Zeichnungen. Die Blütezeit hatte das Poesiealbum im 19. Jahrhundert.
Da Poesiealben meist ab dem Grundschulalter geführt wurden, sahen es die Erwachsenen in bildungspolitisch vorgeprägten Kreisen oft als pädagogisch wertvoll an: Denn so übten die Kinder nicht nur die Handschrift in Form der Schönschrift, sondern sie mussten auch Geschmack bei der Auswahl von Texten beweisen. Wobei Geschmack hier zeitgenössisch betrachtet werden muss.
Und dann ist die Stunde auch schon vorbei. Isolde Marx überreicht die Ausstellungsstücke ihren jeweiligen Besitzerinnen und Besitzern. Ganz begeistert ist die Vorsitzende des Bücherstadt-Vereins: „Die Resonanz war so toll, damit hatten wir nicht gerechnet“, sagt sie. „Aber vielleicht möchten die Menschen in diesen turbulenten Zeiten einfach mal ein paar schöne Zeilen lesen.“
