Was hinter einer Creme steckt: Ein Blick ins Labor einer Velberter Apotheke
Ich dachte – ehrlich gesagt –, ich lande im Chemieunterricht. Dabei will ich heute eigentlich etwas ganz anderes: In der Apotheke zum Schlotschmet an der Blumenstraße 1 meine eigene Wund- und Heilsalbe herstellen.
Was von außen oft nach „ein bisschen Creme anrühren“ aussieht, entpuppt sich schon beim ersten Blick ins Labor als echte Präzisionsarbeit: Abzugshaube, Geräte, sterile Arbeitsflächen. In Chemie war ich zwar nie schlecht, aber das hier fühlt sich nach einer anderen Liga an.
Erst desinfizieren, dann loslegen
Bevor ich überhaupt anfangen darf, heißt es: Umziehen. Kittel, Haube, Handschuhe, Maske. Dann werden Arbeitsfläche und Geräte desinfiziert – und das gründlich. Und schon beim ersten kleinen Fehler wird klar, wie ernst das Ganze ist. Ich fasse aus Versehen die Spitze des Spatels an, die ich eigentlich nicht mehr berühren darf. „Kein Problem, wir machen das einfach nochmal sauber“, sagt Özlem Karagülle ruhig. „Aber am besten wirklich nur noch unten anfassen.“ Spätestens da weiß ich: Das hier ist Präzisionsarbeit.
Özlem Karagülle ist pharmazeutisch-technische Assistentin, kurz PTA. Seit nun bald 20 Jahren arbeitet sie in der Schlotschmet-Apotheke in Velbert und ist dort für Rezepturen, Verkauf, Beratung und vieles mehr zuständig. Heute zeigt sie mir, wie ich meine erste eigene Hautcreme herstelle.
Milligramm statt „Pi mal Daumen“
Los geht es mit der Zitronensäure. 0,005 Gramm soll ich abwiegen. Ich habe absolut kein Gefühl dafür und liege direkt hundertfach drüber. Ein paar Krümel zu viel – und schon passt es nicht mehr. Und zurück in die Flasche darf nichts. Ich atme einmal tief durch und schaue Özlem an. „Das ist gar nicht schlimm, das passiert jedem am Anfang“, sagt sie aufmunternd.
Mit zwei kurzen Handgriffen macht der Profi aus meinen 0,5 Gramm schnell die gewünschten 0,005 Gramm. Und das mit einer Leichtigkeit und Präzision, die mich begeistert. „Das ist alles Übungssache“, versichert mir Özlem, „man bekommt mit der Zeit ein Gefühl dafür“.
Dann kommt die Basiscreme im „Sandwichverfahren“: erst zehn Gramm, dann die Zitronensäure, dann nochmal Creme. Klingt einfach, fühlt sich aber an wie Backen für Profis. Ich versuche also mit voller Konzentration, bloß keinen Fehler mehr zu machen und so präzise wie möglich zu arbeiten. Ich sage mir immer wieder: „Bloß nichts verschütten. Bloß nichts umstoßen.“ Und habe dabei immer die Waage im Blick.
Zittern erlaubt, Fehler lieber nicht
Richtig spannend wird es bei der Flüssigkeit: Dexpanthenol-Konzentrat. Mit einer Pipette tropfe ich Milligramm für Milligramm in die Mischung. Meine Hand zittert leicht. Ein Tropfen zu viel und alles wäre hinüber. „Ganz ruhig, das sieht schon richtig gut aus“, sagt Özlem aufmunternd. „Fürs erste Mal machst du das richtig gut.“
Am Ende sollen es 30 Gramm Creme sein. Mit jedem Schritt bekomme ich ein besseres Gefühl für die Menge. Dann heißt es: rühren – und zwar gründlich. Rühren, Ränder abschaben, wieder rühren und das mehrmals. „Heute machen wir das extra per Hand“, erklärt sie. „Normalerweise läuft vieles über Maschinen. Aber so bekommt man ein Gefühl dafür, wie viel Arbeit dahintersteckt.“
Blick durchs Glas
Ob die Creme gelungen ist, zeigt die Qualitätskontrolle: Zwei kleine Kleckse auf einem Objektträger, zusammendrücken und gegen das Licht halten. Sind noch Kristalle zu sehen? „Das sieht richtig gut aus“, sagt Özlem. Ein Moment, in dem ich ehrlich erleichtert bin.
Beim Abfüllen zählt wieder jedes Detail. Nichts verschmieren, sauber arbeiten. Am Ende zeigt die Waage: knapp zwei Gramm Verlust. „Für den Anfang absolut in Ordnung“, sagt sie lachend.
Am Ende halte ich meine eigene Creme in der Hand. Mit Etikett: „Lavinia testet“. Und bin ein bisschen stolz.
Viel mehr als nur Verkauf
Dass hinter so einer Salbe viel mehr steckt als „ein bisschen mischen“, wird auch im Gespräch mit Inhaber Patrick Fitzon und Apothekerin Lan Fitzon klar. „Es passiert so viel im Hintergrund, was man gar nicht sieht“, erklärt Lan Fitzon.
Tatsächlich werden hier täglich Salben und individuelle Medikamente hergestellt. Oft speziell für einzelne Patienten. Viele kommen dafür sogar aus umliegenden Städten. Besonders aufwendig sind dabei Medikamente für Kinder. „Da muss die Dosierung ständig mit dem Wachstum angepasst werden“, erklärt der Apothekenchef.
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Die Herstellung vor Ort ist komplex. Es braucht Fachwissen, Zeit und regelmäßige Kontrollen. Geräte müssen gewartet, Prozesse dokumentiert werden. „Wirtschaftlich ist das nicht unbedingt“, sagt Patrick Fitzon offen. Und trotzdem machen sie es gerne. „Wir machen das für die Kunden. Und am Ende sind es die glücklichen Gesichter, gerade bei Eltern, die zählen“, erklärt Lan Fitzon.
Der Beruf ist das was man daraus macht.
Patrick Fitzon, Apotheker und Inhaber der Apotheke zum Schlotschmet
Zuhören gehört dazu
Neben der Herstellung spielt vor allem der Kontakt zu den Menschen eine große Rolle. „Empathie ist extrem wichtig“, sagt der Apotheker. „Oft kommen Patienten mit einem Rezept und haben eigentlich ein ganz anderes Problem.“ Apotheker sind die Schnittstelle zwischen Arzt und Patient, prüfen Wechselwirkungen, halten Rücksprache, hören zu. „Das kann keine Online-Plattform oder KI ersetzen.“
Mehr von Lavinia testet
Mehr als nur ein Kittel
Ich gehe mit meiner Creme und vor allem mit einem neuen Blick auf den Beruf. Ein Kittel alleine macht noch keinen Apotheker. Aber nach diesem Tag habe ich zumindest eine Ahnung davon, wie viel Können, Konzentration und Verantwortung wirklich dahinterstecken.
