Flucht aus der Ukraine, Neustart in Velbert: Schuhmacher wird 100
Geboren wurde er am 25. März 1926 in Mannheim – nicht Mannheim am Rhein, sondern Mannheim bei Odessa, gut 2200 Kilometer von Langenberg entfernt. Dort, in einer deutschen Kolonistensiedlung in der heutigen Ukraine, lebten die Vorfahren von Peter Dettling, die 1808 aus dem Badischen ausgewandert waren, seit Generationen. Die Region war damals auch als Bessarabien bekannt; rund um Mannheim/Odessa gab es sechs deutsche Dörfer mit deutschen Schulen. Von der russischen Sprache hat Peter Dettling bis heute nur wenig behalten: „Lesen kann ich Russisch schon, aber nix verstehen!“, sagte er einmal mit einem Schmunzeln.
Flucht, Lazarett – und Ankunft in Langenberg
Im März 1944 begann für ihn der große Treck. Das Dorf wurde aufgegeben, die Familie floh nach Deutschland. Als Soldat wurde er schwer verwundet, verlor sein rechtes Bein und kam nach Aufenthalten in insgesamt 13 Lazaretten schließlich 1946 nach Langenberg – dank eines Mitgefangenen, der ihm das Rheinland empfohlen hatte. Seinen Geburtsort hat Peter Dettling bis heute nie wieder besucht. Auf die Frage warum, antwortete er nüchtern: „Das Elternhaus ist abgebrannt. Was soll ich da?“
In Langenberg fand er einen Neuanfang. Ab 1947 erlernte er das Schuhmacherhandwerk bei Meister Hans Stumpe am Kreiersiepen – erste Erfahrungen hatte er bereits als Kriegsgefangener in Malmedy gesammelt. 1953 bestand er die Meisterprüfung; sein Meisterstück, ein Paar Schuhe, verschenkte er später. Zunächst am Öhlersberg, dann in der Hellerstraße führte er bis 1992 seine eigene Werkstatt. Die war weit mehr als eine Reparaturstelle für Schuhwerk: Man kam dorthin auch mit Geschichten, Neuigkeiten, Sorgen und Freuden.
Seine zukünftige Frau arbeitete gegenüber
Gegenüber seiner Ausbildungsstätte hatte Peter Dettling damals auch seine spätere Frau entdeckt: Hannelore Schubert saß dort und fertigte Hüte – „Putzmacherin“ nannte sich dieser heute fast vergessene Beruf. 1954 heirateten sie in der Kirche St. Michael, getraut von Pfarrer Felten. 61 Jahre waren sie verheiratet; Hannelore Dettling verstarb 2015. Gemeinsam hatten sie zwei Söhne und sechs Enkelkinder – einer der Söhne lebt heute in den USA. Gemeinsam unterstützten sie auch russlanddeutsche Aussiedlerfamilien, die nach Langenberg kamen.
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Peter Dettling ist der Pfarrgemeinde St. Michael tief verbunden. In der Kolpingsfamilie – Adolf Kolping war bekanntlich selbst Schuhmacher, bevor er Priester wurde – und im Kirchenchor fand er über viele Jahre Halt und Gemeinschaft. Sein besonderes Steckenpferd aber ist die Geschichte: die seiner Familie und die der Stadt Langenberg, die ihm längst zur Heimat geworden ist. Im Arbeitskreis Alt-Langenberg wirkte er jahrelang mit, half bei der Gestaltung der Ausstellungen im alten Rathaus und schrieb in dieser Zeitung über die Kapitulation am Kriegsende in Langenberg, den Arbeitskreis und die Bedeutung von Langenberger Straßennamen.
Feier mit Familie und Freunden
Bis ins hohe Alter kümmert er sich um seinen Garten, der in roten und blauen Farben erstrahlt. Und die selbstgemachte Johannisbeer- und Brombeermarmelade ist in der Familie bis heute ein Muss.
An diesem Mittwoch nun feiert das Langenberger Urgestein im Kreise seiner Familie sowie Nachbarn und Freunden seinen ganz besonderen Geburtstag. Die Redaktion gratuliert herzlich!
