Der Werth als Königsallee? Wie Wuppertal als Textilhauptstadt heute aussehen könnte
Von außen prasselt Regen an die Fensterscheiben der alten Bandweberei Gold-Zack in Wuppertal. Drinnen hört man davon jedoch nichts, so laut klackert und klappert der Webstuhl. Mit atemberaubender Geschwindigkeit schießen die Stoffe an sogenannten Holzschiffchen durch die Maschine. Wie ein Schweizer Uhrwerk getaktet heben und senken sich die Räder und Hebel, um die bunten Fäden in ein graziles Muster zu verwandeln.
Vor hundert Jahren wäre dies der Einblick in den Alltag einer deutschen Textilfirma. Heute ist es hingegen lediglich Anschauungsmaterial des Bandwebermuseums, das seine Besucherinnen und Besucher mitnimmt in die Blütezeit der Wuppertaler Industrie-Epoche.
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Um 1900 florierte in Wuppertal die Textilindustrie
Damals florierte die bergische Garnwirtschaft. Es war die Zeit, kurz nachdem Kaiser Wilhelm zur Jungfernfahrt in der Schwebebahn aufgebrochen war: Wuppertal, der Textilnabel der Welt. Hier wurde die aktuelle Mode produziert: Stoffe mit Blümchenverzierung, Spitzen und Rüschen. Wie wir heute wissen, sollten sich diese Zeiten ändern.
Trotz eines zwischenzeitlichen Wiedererstarkens der Textilindustrie nach dem zweiten Weltkrieg konnten sich die Firmen hierzulande nicht halten. Aber wie würde Wuppertal heute aussehen, wenn der Lauf der Geschichte einen anderen Einschlag genommen hätte?
Würden wir heute über einen Werth flanieren, der der Düsseldorfer Königsallee gleicht? Würden Scheichs aus aller Herren Länder den Airport Wuppertal International (WPT) ansteuern, um sich feinste Geschmeide für die Hochzeit ihrer Kinder zu sichern? Und hätte die Stadt keinen Berg voll Schulden, sondern bloß unschuldige Berge?
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Einheitliche Konfektionsgrößen vertrieben verschnörkelte Muster vom Textilmarkt
„Das ist ein spannender Gedanke“, sagt Christiane Spletter vom Förderverein des Bandwebermuseums. „Grundsätzlich verläuft die Welt ja in Auf- und Abschwüngen. Moden kommen und gehen, mal sind die einen Regionen wirtschaftsstark, mal die anderen. Das hat auch Wuppertal zu spüren bekommen.“
Die Webstühle, die in Wuppertal um 1900 genutzt wurden, waren auf verschnörkelte Muster mit hoher Qualität ausgerichtet. Im Laufe der Zeit kamen immer mehr die einheitlichen Konfektionsgrößen in Mode. Die Schnörkeleien verschwanden und Masse ging vor Klasse.
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„Wenn Wuppertal eine Insel wäre, frei von äußeren Einflüssen, hätte sich diese Mode möglicherweise gehalten und wäre noch aufwändiger geworden“, sagt Spletter. In diesem Szenario würden wir heute vielleicht alle Klamotten tragen wie Sonnenkönig Ludwig XIV.
Seit den 1980er-Jahren wanderte die Textilindustrie aus Wuppertal nach Asien ab
Doch der Gedanke, dass Wuppertal dafür eine Insel hätte sein müssen, zeigt ein Problem auf, dass Wuppertal immer haben wird: seine Topografie. „Irgendwann ist der Stadt einfach der Platz ausgegangen“, sagt Spletter. Viele Firmen wären wohl in die Randgebiete ausgewichen – was sie es auch in der Realität getan haben.
„Ich glaube nicht, dass man stattdessen die Wuppertaler Wälder gerodet hätte“, sagt Spletter und verweist auf das zunehmende Umweltbewusstsein, das sich mit der Zeit durchgesetzt hat. „Auch die Wupper wäre kein schwarzer Fluss geblieben.“
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Seit den 80er-Jahren wanderte die Textilindustrie nach und nach gen Asien ab. Mit den dortigen niedrigen Löhnen und allgemein schlechten Arbeitsbedingungen konnten die deutschen Firmen nicht mehr mithalten. Um zu überleben, setzen sie auf High-Tech-Produkte: Feuerwehranzüge zum Beispiel, die enorm hohen Temperaturen standhalten müssen und keine Mängel tolerieren.
Die Entwicklungen der Automobil- und Textilindustrie weisen Parallelen auf
Allerdings ist das ein Nischengeschäft. Viele Unternehmen gingen Pleite. Das bedeutete auch das Aus vieler Zuliefererfirmen. Eine im Kern ähnliche Entwicklung kann man aktuell in der Automobilindustrie entdeckten.
Damals wie heute hatte es sich die Industrie bequem gemacht im gemachten Nest des wirtschaftlichen Aufschwungs. Innovationsgeist und Gespür für die neue Mode (im Fall der Autoindustrie die Elektromobilität) wurden versäumt.
Insofern veranschaulichen die Einfamilienhäuser der Werkarbeiter aus Wolfsburg, Ingolstadt und Bietigheim-Bissingen wahrscheinlich am besten, wie man an den Stadträndern eines Textil-reichen Wuppertal heute wohnen würde. Das Briller Viertel wäre weiterhin für die Firmenchefs vorgesehen.
Fair Fashion sagt Fast Fashion den Kampf an – auch in Wuppertal
Da Wuppertal nie eine Residenzstadt war, kann man sich eine prunkvolle Barmer Königsallee nur schwer vorstellen. Sicherlich wäre einiges moderner und einige alte Häuser wären besser in Schuss. Doch der zweite Weltkrieg hätte auch vor einem reichen Wuppertal nicht halt gemacht.
Mittlerweile sagt Fair Fashion der Fast Fashion den Kampf an. Es ist zwar immer noch ein Kampf zwischen David und Goliath, aber nach und nach kehren die ersten Modelabels nach Europa zurück. Seit 2018 produziert die Wuppertaler Bandweberei Kafka wieder in Handarbeit und exportiert via Online-Versand.
Vielleicht gibt es bald eine Renaissance von Spitzen, Rüschen und Stickereien. Warum sollte damit nicht auch ein Comeback der Wuppertaler Textilindustrie einhergehen? Alles scheint möglich, in einer Welt des Auf und Abs. In einer Welt, in der Moden kommen, gehen und mit neuer Verkleidung wieder zurückkehren.
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