Zerstörte Synagogen: So leben die letzten Juden von Damaskus
Das Leben in vielen Vierteln von Damaskus erzählt Geschichten von Jahrhunderten, von Aufstieg und Fall, von Krieg und Friedenshoffnung, aber auch von Armut, Elend und Zukunftsangst. Doch unweit der zerbombten Stadtteile gibt es einen Ort, der noch immer für Hoffnung, aber auch für das Zusammenleben der Syrer steht: das jüdische Viertel von Damaskus.
Hier leben Muslime, Christen und Juden zusammen. Ob Palästinenser oder Syrer, sie wohnen Tür an Tür. Sie kaufen gemeinsam ein, diskutieren und verspotten sich, der eine sagt, du bist ein Terrorist, der andere, du bist ein Spion von Netanjahu. Doch ihre Freundschaft verbindet sie. Bakhour Chamntub ist heute einer der wenigen Juden auf der Straße.
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In seinem Leben spiegelt sich die wechselvolle Geschichte des Landes. Denn Syrien war einst Heimat einer der größten jüdischen Gemeinden der Region. Rund 100.000 Juden und Jüdinnen sollen damals dort gelebt haben. Anfang der 90er-Jahre verließen viele das Land. Heute leben nur noch sieben von ihnen in Damaskus. „Fast ausschließlich ältere Männer und Frauen. Ich bin der Jüngste“, sagt der 75-Jährige.
„Der Krieg in Gaza beeinträchtigt das Zusammenleben nicht“
Bakhour Chamntub arbeitete damals als Schneider. Seine Nachbarn nennen ihn „Schneider Eid“. Im Viertel ist er bekannt. Wenn er durch die Straßen geht, vergeht keine Sekunde, ohne dass ihn jemand grüßt. In seinem alten Haus erzählt der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, dass in den vergangenen Tagen zwei jüdische Frauen gestorben seien. „In ihren letzten Jahren haben sich unsere palästinensischen Nachbarn um sie gekümmert“, sagt der Syrer und berichtet, dass muslimische Bestatter die jüdischen Toten waschen, „bevor sie sie auf ihren eigenen Friedhöfen beerdigen“.
Die Frage, ob der Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und der anschließende Krieg in Gaza das Zusammenleben zwischen ihm und seinen Nachbarn beeinträchtigt haben, verneint Chamntub. „Wir diskutieren über die aktuelle Lage respektvoll miteinander, lachen uns aus und gehen am Ende zusammen essen oder etwas trinken.“
Assad verbot Juden in Syrien die Ausreise
Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Syrien reicht fast 3000 Jahre zurück. „Wir sind nicht irgendeine Gemeinde in diesem Land, wir sind ein Teil Syriens“, sagt Chamntub. Der Schneider blickt auf die Zeit zurück, als die jüdische Gemeinde in Damaskus blühte, als die Synagogen voll waren.
Aber auch auf die Jahre der Unterdrückung, Diskriminierung und Angst unter dem Assad-Regime. Denn trotz Religionsfreiheit hatte die jüdische Gemeinde schon unter den beiden Assad-Diktaturen schwer zu leiden. Sie wurden daran gehindert, ins Ausland zu reisen, damit sie nicht nach Israel gehen. Ausgenommen waren medizinische Härtefälle. „Wer aber reisen wollte, musste sich bei der Polizei melden und eine Genehmigung einholen“, sagt Chamntub. Datum, Ziel und Zweck der Reise: Alles sei akribisch notiert worden.
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Außerdem, so Chamntub, durften Juden damals nicht mehr als eine Immobilie besitzen. „In den 80er-Jahren erhielten Juden etwas mehr Freiheiten, vor allem was Handel und Immobilienbesitz betraf“. Doch die Reisebeschränkungen wurden erst nach Beginn der israelisch-palästinensischen Friedensgespräche, die 1991 erstmals in Madrid stattgefunden hatten, aufgehoben. „Danach sind viele Juden ausgewandert. Die meisten gingen nach Europa und in die USA.“
Der 75-Jährige und die anderen Jüdinnen und Juden des Viertels haben sich entschieden zu bleiben, um das Erbe und die Häuser ihrer Vorfahren zu bewahren. „Wir haben die Häuser abgeriegelt. Und das Assad-Regime hat verboten, dass jemand diese Häuser kauft oder verkauft“, sagt er.
Erster Besuch von Juden aus den USA nach Assads-Sturz
Doch vom kulturellen Erbe ist nicht mehr viel übrig: Ursprünglich hatte die jüdische Gemeinde 24 Synagogen in Damaskus. Doch während des 13-jährigen Bürgerkriegs wurden die meisten zerstört, darunter die Synagoge in Dschobar, eine der ältesten Synagogen der Welt. „Diese Synagoge wurde 720 Jahre vor Christus erbaut“, betont Chamntub den historischen Wert. Doch jetzt seien Mauern und Dächer eingestürzt. Geblieben sei den Juden in Damaskus nur die kleine al-Farandsch-Synagoge im jüdischen Viertel.
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Nun haben jüdische Syrer im Exil ihm angeboten, „Spenden zu sammeln, um die Synagogen zu sanieren“, so Chamntub. Denn Juden in Damaskus können erstmals seit Jahrzehnten wieder gemeinsam in einer Synagoge beten. So versammelten sich syrische Juden aus den USA bereits in der Farandschi-Synagoge in der Altstadt von Damaskus. „Das letzte Mal habe ich diese Synagoge besucht und hier gebetet, bevor ich nach Amerika gegangen bin“, sagte ein 77-Jähriger, der seit den 90er-Jahren in den USA lebt.
Der Sturz des Regimes hat in der jüdischen Gemeinde die Hoffnung auf mehr Religionsfreiheit geweckt. Die neue De-facto-Regierung der HTS hat versprochen, dass die Islamisten die Rechte der Minderheiten garantieren würden. Doch Chamntub bleibt vorsichtig und versucht, laut zu bleiben, damit weder die Häuser seiner Gemeinde noch die Synagogen beschlagnahmt werden. Trotzdem freut er sich über die neue Entwicklung in seinem Land und hofft, dass dadurch mehr syrische Juden aus der Diaspora zurückkehren. „Denn es ist ihr Land.“
