Ja, ich bin geflüchtet – und sehr stolz darauf
Es war Herbst, als ich nach Deutschland kam. 21 Jahre alt war ich damals. Ich hatte meine Heimat Syrien, meine Familie, mein Zuhause zurückgelassen. Heute bin ich 30, eingebürgert, Volontärin bei der Funke Mediengruppe. Nun wird es Zeit für mich zu reden, Zeit zu schreiben, denn vom Schweigen rund um die großen Geheimnisse meines Lebens habe ich genug. Ich habe auch keine Angst mehr vor Mitleid, vor Etiketten wie „Schutz suchend“. Oder „bemitleidenswert und schwach“. Heute, neun Jahre nach meiner Ausreise, bin ich bereit zu sagen: Ich bin geflüchtet. Mit geradem Rücken. Mit klarem Blick.
Schweigen: Das musste ich bereits im Alter von sechs Jahren
Ich bin in An-Nabk aufgewachsen, einer Kleinstadt nördlich von Damaskus. Überall waren die Bilder von Hafiz al-Assad. An den Fassaden der Schulen. An den Ampeln. Auf grauen Mauern. Sein Gesicht war immer da, groß und streng, als würde er auf uns herabsehen. Als Kind wusste ich nie, was ich von ihm halten sollte.
Einmal begleite ich meinen Vater und meinen Bruder zu einem Besuch. Wir verbringen unbeschwerte Stunden. Am Ende wollen uns die Gastgeber neben einem Porträt von Assad fotografieren. Stolz erzähle ich es meinem Vater. Doch er bleibt reglos. In seinen Zügen erkenne ich Zorn. Abneigung. Schließlich geht er fort. Das Foto machen sie trotzdem. An diesem Tag begreife ich: Mein Vater liebt diesen Mann nicht.
An den 10. Juni 2000 erinnere ich mich noch genau. Ich bin sechs Jahre alt und komme aus der Schule nach Hause. Ich reiße die Tür auf und rufe: „Hafiz al-Assad ist tot!“ Mein Vater erstarrt. So habe ich ihn noch nie gesehen. Er kniet sich zu mir, nimmt meine Hand. Und flüstert: „Ich weiß. Aber sag das nie wieder. Nicht hier.“ An diesem Tag habe ich zum ersten Mal gespürt: Meine Stimme gehört mir nicht. Ich habe gelernt zu schweigen.
Mit dem Zugang zum Internet bröckelt das Schweigen, das mich umgeben hat
Zehn Jahre später bekomme ich Zugang zum Internet. Ich beginne zu lesen. Mit jedem Klick bröckelt das Schweigen, das mich umgeben hat. Ich stoße auf Berichte über das Massaker von Hama, bei dem die syrischen Streitkräfte 1982 mit Massenmorden, Verhaftungen, Bränden und Plünderungen die Stadt in Schutt und Asche legten, um den Aufstand der Muslim-Brüder niederzuschlagen. Ich lese über die Gefängnisse von Tadmur und Saidnaya, wo Folter an der Tagesordnung ist. Mit jedem Satz, den ich entdecke, wächst meine Erschütterung. Ich finde meine Stimme – aber sie erstickt an all dem, was ich sagen muss.
Wut beherrscht meine Gefühle. Wut auf das Regime, Wut auf das, was es getan hat. Aber auch Wut auf meine Eltern. Warum sprechen sie nicht mit mir? Warum tun sie so, als sei alles normal, obwohl wir in einer Diktatur leben? Obwohl jeder überwacht wird: Nachbarn, Kollegen, sogar Familienmitglieder. Jeder kann ein Spitzel sein. Jeder ein verlängerter Arm der Angst.
Das Land meiner Kindheit, sogar mein eigenes Zuhause wird mir fremd. Ich begreife: Auf den Straßen, auf denen ich sorglos gespielt habe, könnten Menschen gefoltert worden sein. Dann erfahre ich, dass mein Vater selbst einmal verhaftet wurde. Niemand hatte mir davon erzählt. Nicht einmal das. Die Gründe bleiben im Dunkeln – selbst er weiß sie nicht genau. Ein falsches Wort gegen die Regierung, mehr nicht, mutmaßt er. Wochen vor meiner Geburt kam er frei, sagt meine Mutter.
Meine Freundinnen und ich demonstrieren. Und wir schwören: „Wir bleiben.“
Mit meinen Freundinnen schauen immer wieder den Film „Eat Pray Love“ mit Julia Roberts. Wir träumen uns hinaus, stellen uns vor, wie wir durch die Straßen Roms laufen und Pizza essen. Wir sagen uns: Dieses Land gehört uns nicht. Wenn wir leben wollen, müssen wir gehen. Ich bin 17, noch mitten in der Pubertät. Und plötzlich mitten in einer Revolution. Die ersten Demonstrationen beginnen. Ich schleiche mich aus dem Haus, heimlich, das Herz hämmert. Meine Familie weiß nichts. In der Menge reiße ich den Mund auf, rufe „Freiheit! Freiheit!“. Zum ersten Mal spüre ich Zugehörigkeit. Zum ersten Mal Wurzeln. Tief, fest, unaufhaltsam.
Viele packen ihre Sachen, doch wir Freundinnen schwören: „Wir bleiben, was auch geschieht.“ Zwischen Protestplakaten, Facebook-Posts und flüsternden Nächten wird unsere Freundschaft zu etwas Großem. Die Revolution schweißt uns zusammen. Wir demonstrieren. Wir posten. Wir teilen. Unsere Stimmen füllen die Straßen. Unsere Träume die Netzwerke. Wir glauben an Veränderung. Bei einer Demo dreht sich meine Freundin Lubaba lachend zu mir um. „Ich hätte nie gedacht, dass Damaskus nach einer Demo schöner sein könnte als Rom selbst. Ich will nicht mehr weggehen.“
Wie so viele denke ich: Der Kampf dauert nicht lange. Ein paar Monate. Ein Jahr. Zwei, wenn es schlimm kommt. Tunesien hat es geschafft. Ägypten auch. Wir glauben, die Welt lässt uns nicht fallen und dass Al-Assad angesichts von Handykameras, Livestreams und Satellitenbildern niemals den Mut haben wird, ein neues Hama-Massaker zu befehlen.
Wir haben uns geirrt. Assad schickt Scharfschützen auf die Dächer. Lässt Panzer rollen. Er antwortet auf unsere Rufe mit Munition. Auf unsere Blumen mit Blut. Sie schlagen zu, zünden an, sperren ein, lassen verstummen. Unsere Stimmen. Unsere Kehlen. Unsere Hoffnung. Wir haben Angst. Und mit der Angst stirbt unser Versprechen. „Wir bleiben.“ Wir haben es uns so oft gesagt. Aber es prallt ab an der Realität und zerbricht. Und wir zerbrechen mit.
In Syrien rollten die Panzer – und meine Freunde brechen ihr Versprechen
Anfang 2012 verliebe ich mich in Rashad. Doch dann wird er erwischt, als er Parolen an die Wand sprüht. Er kann der Haft entkommen und flieht nach Jordanien.
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2013 geht meine Cousine Nour. Sie ist ein Jahr älter als ich und studiert Grafikdesign. Sie besorgt uns die verbotenen Sprühdosen; offiziell braucht sie sie für ihre Arbeit. Nachts ziehen wir los. Schreiben an die Wände, was am Tag niemand zu sagen wagt: „Freiheit“, „Revolution“, „Widerstand“. Ein Jahr später verschwindet die Nächste. Rawan geht nach Saudi-Arabien. Dann Lubaba. Dann Hiba. Jede von ihnen hat versprochen zu bleiben. Jede bricht ihr Wort. Und mir wird klar: Die Revolution ist vorbei. In Damaskus – und in mir. Wir haben verloren. Was mich getragen hat, der Glaube an eine bessere Zukunft, ist zerfallen.
Ich beginne mein Studium in Damaskus. Islamwissenschaft. Wer die Gesellschaft verstehen und verändern will, muss ihren Glauben begreifen: Das war mein Gedanke. Doch nichts ist leicht in den Jahren, die folgen. Es gibt kaum Strom, kaum Wasser. Jeden Tag sehe ich, wie Al-Assads Soldaten an den Checkpoints junge Männer aus den Bussen holen. Sie sind in meinem Alter. Manche sogar jünger. Wohin bringen sie sie? Ins Gefängnis? Zur Armee? In ein Loch, aus dem keiner zurückkommt? Niemand weiß es. Und niemand fragt.
Ich wollte doch Freiheit. Nun wünsche ich mir, das Leben wäre einfach vorbei
Das Leben liegt schwer auf mir. Wie Blei. Die Spirale aus Angst, Gewalt und Schweigen lässt keinen Raum für einen unbeschwerten Alltag. Ist das meine Zukunft? Ich wollte doch Freiheit, sonst nichts. Nun wünsche ich mir manchmal, das Leben wäre einfach vorbei. Ich wünsche mir, dass mich die nächste Rakete trifft. Nicht aus Mut, sondern weil dieses Leben für mich schwerer ist als das Sterben. Diese Leere, dieses Verstummen fressen mich auf.
Und doch mache ich weiter. Ich studiere in Damaskus. Und ich fange an, heimlich als Journalistin zu schreiben. Ich schreibe über das, was vor unserer Tür liegt. Über das fehlende Brot. Über die Menschen, die aus bombardierten Städten fliehen. Über den Verkehr und die Menschenrechtsverletzungen.
Mein Versprechen lastet wie Blei auf mir. Soll ich wirklich bleiben – oder gehen?
Ich schreibe unter einem Pseudonym. Später unter mehreren. Je mehr ich beiEnab Baladi, einer Non-Profit-Organisation, und auf Twitter schreibe, desto größer wird die Angst, enttarnt zu werden. Gefasst zu werden. In irgendeinem Gefängnis zu verschwinden. Doch niemand weiß, was ich tue. Weder meine Familie noch meine engsten Freunde. Es ist mein Geheimnis. Und dann mein zweites Leben.
Es ist wie damals beim Vater: Damaskus ist voller Bildern von Al-Assad. Sein Gesicht hängt an Wänden, Laternen, Mauern – so allgegenwärtig, dass selbst mein Blick fliehen möchte. Seine Soldaten ziehen durch die Straßen, schwankend vor Macht. Trunken vom Gefühl des Sieges.
Mein Versprechen zu bleiben, liegt auf mir wie ein Sargdeckel. Mein Vater sagt, Exil sei ein langsames Sterben. Aber er weiß nicht, dass ich jetzt schon langsam sterbe. Täglich. Und er weiß nicht, dass ich schreibe. Nicht, dass ich jeden Tag an einem der zahllosen Checkpoints stehe und meine Atemzüge zähle.
Dann treffen wir uns in der Türkei und heiraten tatsächlich
Dann steht mein Entschluss fest: Ich muss Syrien verlassen. Ich suche nach Wegen aus dem Land; ich bin spät dran. Ein Visum nach Europa? Unmöglich. Es gibt keinen Weg über Land. Es gibt nur das Meer. Da schreibt Rashad, inzwischen Student in Deutschland: „Ich kann dich heiraten und nach Deutschland bringen. Unsere Liebesgeschichte verdient eine Chance.“ Ich habe Angst, dass unsere Beziehung dem Druck nicht standhält, dass wir uns verlieren, bevor wir uns überhaupt gefunden haben. Ich sage: Nein.
Tage später stoße ich auf einen Satz von Nietzsche: „Gebt uns eine Frist und eine kleine Ehe, damit wir sehen, ob wir zur großen taugen.“ Da begreife ich: Die Ehe erscheint mir nicht länger als eine endgültige, Furcht einflößende Entscheidung. Sie ist eine Erfahrung. Ein Versuch, dem Ungewissen entgegenzutreten.
Wir treffen uns in der Türkei und heiraten tatsächlich. Er reist zurück nach Deutschland, ich nach Syrien. Nach einem Jahr kommt der Bescheid: Ich darf nach Deutschland.
Auf dem Weg nach Beirut ein letzter Blick zurück
Am frühen Morgen hält das Taxi. Ich verabschiede mich von meiner Familie, umarme sie fest. Dann steige ich ein. Ich wende den Kopf zur Seite, damit meine Geschwister meine Tränen nicht sehen. Der Wagen rollt los. Ich drehe mich noch einmal um. Mein kleiner Bruder steht da – sechs Jahre alt. Ich habe ihn miterzogen. Er sieht mich an, hat Tränen in den Augen. Etwas reißt in mir. Ich will aufspringen. Zurücklaufen. Ich will einfach nur: bleiben.
Beim Abschied möchte ich meine Arme ausstrecken und Syrien umarmen
Auf dem Weg nach Beirut, im Taxi, das mich zum Flughafen bringen soll, blicke ich aus dem Fenster. Ich wurde nicht nur vertrieben – ich wurde gezwungen, mich selbst zu verraten. Die Landschaft zieht vorbei, und ich beginne, Abschied zu nehmen – innerlich. Vom Land. Von den Kindern am Straßenrand, die ihre Hände nach Brot ausstreckten und um ein paar Münzen bitten. Von den Schabiha, Al-Assad-Anhängern, deren Körper vor Muskelspannung fast zu bersten scheinen. Von den endlosen Schlangen an den Tankstellen. Von den zerstörten Häusern, in sich zusammengefallen wie Erinnerungen. Ich möchte meine Arme ausstrecken und Syrien umarmen – das Land, die Menschen, selbst Al-Assad-Anhänger.
Mir fällt ein Satz von Milan Kundera ein: „Im Abendrot leuchtet alles im verführerischen Licht der Nostalgie – sogar die Guillotine.“ Aber Nostalgie ist gefährlich. Es ist noch zu früh dafür. Ich denke: Erst wenn ich den Kontrollpunkt der Vierten Division hinter mir habe, bin ich wirklich in Sicherheit. Was, wenn jemand sagt: „Steigen Sie aus.“ Was, wenn sie meine Artikel finden? Was, wenn sie meine früheren Aktivitäten entdecken? Die Nächte mit Sprühdosen, Parolen an den Wänden, Texte unter falschem Namen, Mails ins Exil. Die Demos, Gespräche über Bomben und Gefängnisse.
Um Deutsch zu lernen, lese ich sogar die Rückseiten von Shampoo-Flaschen
Ich atme erst auf, als das Flugzeug abhebt. Als sich die Maschine vom Boden löst, begreift mein Kopf: Diese Ära ist vorbei. Alles liegt hinter mir. Ich bin voller Hoffnung. Ich will leben. Lieben. Zuhören. Sprechen. Ich will meine Stimme zurück. Doch der Anfang in Norddeutschland ist still. Ich fülle die Tage mit der neuen Sprache. Mit deutschen Dingen. Ich lerne nach Plan, ich höre zu. Den Auswanderern, den Einheimischen. Immer wieder höre ich denselben Satz: „Die Sprache ist der Schlüssel.“ Also wird Deutsch mein Mittelpunkt. Ich lese alles, was ich finden kann. Bücher, Flyer, Werbetexte. Sogar die Rückseiten von Shampoo-Flaschen. Ich will einen Platz in diesem Land.
Viele der Denker, die mich geprägt hatten, schrieben auf Deutsch. Immanuel Kant. Viktor Frankl. Stefan Zweig. Erich Fromm. Hermann Hesse. Und vor allem: Rainer Maria Rilke – mein Lieblingsdichter. Ich bin endlich in Deutschland und fühle mich ihnen verbunden. Ich lese über die Weiße Rose, über Sophie und Hans Scholl – junge Menschen, die sich dem Nazi-Regime widersetzten. Nun bin ich im Land und spüre eine Nähe, die vielleicht größer ist als zu den Menschen in meiner Stadt, die für Al-Assad applaudieren.
Doch ich spüre schnell: Viele Deutsche wollen wenig wissen über Menschen wie mich. Über die Brüche in meinem Leben, über meine Heimat. Über das, was Diktatur und Krieg mit den Menschen machen. Also treffe ich eine Entscheidung: Ich lasse meine Geschichte hinter mir und nenne mich Kosmopolitin.
Die erste Frage lautet immer: Woher kommst du?
Diese Frage kommt immer sofort: „Woher kommst du“? Vor allem, wenn ich Fehler mache, ein Verb falsch beuge, den Artikel verwechsle. Ich weiche aus, antworte höflich, vage. Aber je mehr ich die Antwort meide, desto hartnäckiger wird mein Gegenüber. Ich kann mich an die Frage nicht gewöhnen, sie ist jedes Mal ein Schlag ins Gesicht. Und ich weiß zunächst nicht genau, warum. Verletzt sie mich, weil ich nirgendwo wirklich zu Hause bin? Schließlich begreife ich: Es geht nicht darum, mich zu verstehen. Es geht darum, mich einzuordnen.
Später lese ich einen Satz von Hannah Arendt. In ihrem Text „Wir Flüchtlinge“ beginnt sie mit einem Geständnis: Weder sie noch die anderen mochten das Wort. Sie taten alles, um es loszuwerden. Ich verstehe das. Verdammt gut. Und doch merke ich: Dieses Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen, immer zu funktionieren, nicht aufzufallen – es bleibt. Es beherrscht meinen Alltag.
Dann kommt die Rückeroberung von Aleppo Ende 2016. Ich bin tief enttäuscht. Assad hat gewonnen. Um abzuschalten, suche ich Zuflucht in der deutschen Gesellschaft. Doch für das, was ich erlebt habe, ist in Deutschland kein Platz. In den Medien ist von der „Flüchtlingskrise“ die Rede. Wenn Syrien überhaupt vorkommt, dann im Zusammenhang mit „Bürgerkrieg“. Ein Wort wie ein Deckel – es verschließt alles, was nicht in die Erzählung passt.
Ich studiere wieder. Und soll dann alle Antworten über die Lage in Syrien haben
Inzwischen studiere ich Medienwirtschaft und Journalismus. Es ist ein Tag wie viele andere. Ein Seminarraum, ein halbes Dutzend Studierende. Das Thema lautet: journalistische Objektivität. Es geht um die syrische Stadt Ghuta, um den von Assad verordneten Angriff dort mit Chemiewaffen. Die Professorin äußert Zweifel. Ob der Angriff wirklich so stattgefunden habe, fragt sie. Es sei doch „unlogisch“.
Wut steigt in mir hoch und die Trauer über die Toten dort. Ich weiß, dass es passiert ist. Freunde von mir waren dort. In meinem Körper kocht die Fassungslosigkeit. Wenn der Giftgasangriff „unlogisch“ war – war dann all das andere logisch? Die Verhaftungen? Die Folter? Die Städte, die zu Ruinen wurden? War der Holocaust logisch?
Der Raum wird still. Dann blickt sie zu mir. Sie weiß, dass ich aus Syrien komme. Und fragt: „Was ist Ihrer Meinung nach der wahre Grund für den Konflikt zwischen Russland und den USA auf syrischem Boden?“ In mir breitet sich Verzweiflung aus. Ein Moment der Überforderung. Ich flüchte mich in den erstbesten Satz, den ich finde: „Macht. Es geht um Macht.“ Es ist ein leerer Satz, ein hilfloser Satz. Ich schäme mich.
Zu Hause lese ich über Revolutionen. Über Freiheitsbewegungen. Über die deutsche Vergangenheit. Ich lese, als würde ich mich bewaffnen gegen das Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Doch irgendwann begreife ich: Es ist umsonst. Niemand will wirklich wissen, was in meinem Heimatland passiert ist. Meine Geschichte ist zu schwer, zu komplex, zu unbequem. Also beginne ich, eine leichtere Version von mir selbst zu entwickeln.
Ein Unfall am See. „Ruf um Hilfe!“, schreit meine Freundin.
Ein See, nicht weit von Wilhelmshaven, wo ich lebe und studiere. Ich bin mit einer deutschen Freundin dort, wir wollen Wasserski fahren. Der Mann vor mir lässt plötzlich den schweren Holzgriff los, der über ein Seil mit dem Motor verbunden ist. Der Griff schleudert zurück und trifft mich im Gesicht.
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Ich spüre den Schlag gegen den Kiefer, mein Körper erschlafft. Das Wasser zieht mich runter. Von irgendwo ruft jemand: „Alles okay?“ Und ich, reflexhaft: „Ja, ja – alles gut. Kein Problem.“ Ich kämpfe darum, den Kopf über Wasser zu halten.
Damit niemand mein Straucheln sieht. Vom Ufer schreit meine Freundin: „Ruf um Hilfe! Bist du verrückt?“ Die Betreuer holen mich heraus. Die Freundin ist wütend. Ich solle einen Bericht schreiben, sagt sie. Für den Fall, dass später etwas passiert. Entschädigung, Versicherung, Nachweis. Auf dem Rückweg fragt sie: Warum hast du so laut und klar „Nein“ gesagt? Obwohl du ganz offensichtlich Hilfe gebraucht hast.
Zuerst wusste ich es selbst nicht. Aber irgendwann wurde mir klar: Mein Schweigen war ein Reflex. Einer, der sich über Jahre in mir eingeschrieben hatte. Ich suchte eine Heimat. Und Deutschland bot sie mir an. Als der Libanon, die Türkei und Jordanien keine Geflüchteten mehr aufnahmen, war Deutschland das Land, das mir eine Chance gab. Also war ich der Gast, der nicht stört. Der nichts verlangt. Der selbst beim Ertrinken noch den Kopf oben hält. Ich habe meine Stimme kleingemacht, damit sie nicht auffällt. Und plötzlich war sie weg. Wann habe ich angefangen zu glauben, mein Schmerz sei zu laut? Zu fremd? Wann habe ich gelernt, dass er besser gar nicht vorkommt? Was bedeutet Zugehörigkeit, wenn sie verlangt, dass man sich verschluckt?
Ich blicke auf mein Integrations-Ich. Und sehe, wie es schrumpft
Wie schwer diese angestrebte Leichtigkeit tatsächlich wiegt, wird mir Anfang 2021 bewusst – bei einem Workshop der Jugendpresse in Berlin. Ich schlage einen Artikel vor. Ein Text über das politische Engagement von Syrerinnen und Syrern in Deutschland. Ich spreche mit meinen deutschen Kolleginnen und Kollegen, vorsichtig und tastend.
Doch ihr Desinteresse ist deutlich. Syrer, sagen sie, sollten sich mit Deutschland beschäftigen. Sie sollten sich integrieren. Ich bin überrascht, wie weh mir das tut. Ich dachte, ich hätte mich längst damit abgefunden, dass Syrien hier niemanden interessiert. Auf dem Heimweg blicke ich auf mein angepasstes, pflichtbewusstes Integrations-Ich. Ich sehe, wie es schrumpft. Und an seine Stelle tritt ein anderes Gefühl: Fremdheit. Tiefer, als ich es erwartet hätte.
Trotz allem schreibe ich meinen Beitrag. Bei den Recherchen treffe ich Thomas Krüger, den Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung. Er sagt einen Satz, der in mir nachhallt: „Die syrischen Aktivist:innen in Deutschland sind nicht nur Mitstreiter für Freiheit und Demokratie. Wir sollten ihnen zur Seite stehen – und von ihnen lernen.“ Etwas in mir reagiert sofort. Wie eine alte Wunde, aus der plötzlich neue Wurzeln wachsen. Zum ersten Mal seit Langem fühle ich mich angekommen. Gesehen. Mehr als nach 100 Stunden Integrationskurs. Vielleicht, denke ich später, habe ich zu lange auf Menschen gehört, die nie ihr Zuhause verloren haben. Die nie in einem Land leben mussten, das sie nicht verstand.
„Flüchtling“: Das Wort klebt an mir wie Staub auf nasser Haut
Und je länger ich darüber nachdenke, desto größer wird die Unsicherheit: Was bedeutet das überhaupt – Zugehörigkeit? Und was heißt es, deutsch zu sein? Ich suche nach Antworten, finde aber keine klare Definition, kein Regelwerk, keinen Katalog von Pflichten, der am Ende das Siegel „integriert“ verleiht. Soll ich mich dem Norden zugehörig fühlen? Oder dem Süden? Den konservativen Werten? Den progressiven? Wem genau soll ich ähneln, um dazuzugehören?
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Lange versuchte ich, meine Herkunft unsichtbar zu machen. Nicht aus Scham – sondern aus dem Wunsch, der Etikettierung zu entkommen. Ich will nicht der „Flüchtling“ sein. Nicht die Person sein, auf die Blicke voller Mitleid treffen, noch bevor ein Wort gewechselt wird. Das Wort klebt an mir, zäh und unbeirrbar, wie Staub auf nasser Haut. Es geht nicht ab. Es bleibt. Und mit ihm all das, was man mit mir zu meinen glaubt.
Irgendwann beginne ich, die Kluft zu begreifen: die Kluft zwischen meiner alten Heimat und der neuen, zwischen dem, was war, und dem, was ich zurücklassen musste. Ich versuche, die eigene Flucht zu verstehen – nicht nur als biografische Zäsur, sondern als politisches Ereignis. Je mehr ich über Syrien lese, über deutsche Geschichte, über Freiheitsbewegungen weltweit, desto mehr beginne ich, auch mich selbst zu verstehen.
Mit der Zeit wird mir klar: Diese Flucht ist kein individuelles Scheitern. Im April 2025 waren laut UNHCR weltweit über 122 Millionen Menschen auf der Flucht – ein Rekord, ein Symptom kollabierender Systeme, politischer wie moralischer.
Ich komme aus Syrien. Die Flucht, der Krieg, die Revolution haben mich nicht gebrochen. Sie haben mich geformt. Ich bin nicht hier, weil ich Mitleid suche. Ich bin hier, weil ich Nein gesagt habe. Ein Nein zur Diktatur. Zur Demütigung. Zur Aussichtslosigkeit.
Ein Nein, das mich gezwungen hat, zurückzulassen, was ich liebte. Meine Familie. Mein Zimmer. Meinen kleinen Bruder. Der Schmerz ist geblieben. Ich trage ihn im Brustkorb wie einen Stein. Aber heute gehört meine Stimme wieder mir. Und sie wird bleiben.
