Gesetz spaltet NRW: Bürger fordern Naturschutz, Bauern protestieren
Ein klares Votum für die Natur: 86 Prozent der Menschen in NRW befürworten mehr Maßnahmen zum Schutz und zur Wiederherstellung von Mooren, Wäldern und Wiesen. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Civey-Umfrage im Auftrag des Naturschutzbunds Deutschland (NABU), für die 5000 Menschen befragt wurden. In ganz Deutschland ist die Zustimmung nur in Niedersachsen und Hamburg noch höher (je 88 Prozent).
Anlass zur Umfrage ist das neue EU-Gesetz zur Wiederherstellung der Natur, das im Sommer 2024 in Kraft trat. Ziel ist, bis 2030 mindestens je 20 Prozent der EU-Land- und Meeresflächen zurück in einen naturnahen Zustand zu bringen. Auf Land ist das in etwa so viel wie die Fläche von Frankreich und Griechenland zusammen, die geplante Wiederherstellung der Meere umfasst eine Fläche, die etwas größer ist als Ostsee und Schwarzes Meer zusammen.
Naturschutz: Wiederherstellung der Natur sorgt für Konflikte in NRW
Mit der Verordnung sollen Lebensräume für Tiere und Pflanzen geschaffen und Ökosysteme so gestärkt werden, dass sie wieder mehr Wasser und Kohlenstoff speichern können. Konkrete Maßnahmen sind zum Beispiel die Wiedervernässung von ehemaligen Mooren oder begradigte Flüsse wieder natürlich durch die Landschaft schlängeln lassen.
NABU-Präsident Jörg-Andreas Krüger sagt: „Die Bundesländer haben nun die Chance, diesen Arbeitsauftrag aus der Bevölkerung anzunehmen und die Wiederherstellung der Natur in Deutschland zum Erfolg zu führen. Weitere Verzögerungen und Grundsatzdebatten entsprechen nicht dem Willen der Menschen – sie erwarten von der Politik Lösungen.“
In Deutschland steht die Umsetzung noch aus, mit einem ersten Entwurf rechnet das Bundesumweltministerium im Frühjahr 2026. Doch das Gesetz sorgt bereits jetzt für Konflikte – auch in NRW.
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Landwirte und Agrar-Minister kritisieren Naturschutz-Gesetz
Widerstand kommt vor allem aus der Landwirtschaft. Der Präsident des Rheinischen Landwirtschaftsverbandes Erich Gussen etwa kritisiert den mit dem Gesetz einhergehenden Bürokratieaufwand: „Verordnungen wie die zur Wiederherstellung der Natur führen zu einer Vielzahl zusätzlicher Nachweispflichten und Dokumentationen. Diese bürokratischen Belastungen schüren die Frustration auf den Betrieben.“
Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, bezeichnete das Gesetz sogar als „Rückschritt für die Kooperation zwischen Landwirtschaft und Naturschutz“. Das Naturwiederherstellungsgesetz dürfe kein Landwirtschaftsverdrängungsgesetz sein.
Auch NRW-Agrarministerin Silke Gorißen (CDU) positionierte sich gegen das Gesetz. Die praktische Umsetzung sowie die Finanzierung seien nicht hinreichend geklärt. „Es besteht die Sorge, dass die Landwirtschaft für die Wiederherstellung von Flächen und resultierenden Ernteausfällen selbst aufkommen muss.“
Im Juni dieses Jahres beteiligte Gorißen sich an zwei Schreiben an die EU-Kommission sowie an die Bundesminister für Landwirtschaft und Umwelt, in dem mehrere CDU-geführte Landesagrarministerien die vollständige Aufhebung des Gesetzes forderten. Interessant: Laut NABU-Studie stimmen 90 Prozent der Anhänger von CDU/CSU dem Gesetz zu.
Ohne Naturschutz keine Landwirtschaft
Naturschützer kritisieren die Haltung der Agrarministerin. „Gerade in einem Agrarland wie NRW muss Ministerin Gorißen Verantwortung übernehmen und sich aktiv für die Umsetzung des Gesetzes zur Wiederherstellung einsetzen“, erklärt Dr. Heide Naderer, Landesvorsitzende des NABU NRW. „Das Gesetz sichert langfristig auch die Existenzgrundlage der Landwirtschaft und eröffnet den Landwirtinnen und Landwirten neue Perspektiven, zum Beispiel durch die Honorierung von Naturschutzleistungen.“
Die Kosten seien ein „notwendiges Übel, um auf Klimakrise und Artensterben zu reagieren“, argumentiert der BUND weiter. Eine Haltung, die offenbar die Mehrheit der Bürger teilt: Für 70 Prozent ist der Schutz der Artenvielfalt der wichtigste Grund für Naturschutz.
Ein auffälliger Widerspruch zeigt sich jedoch bei der Wahrnehmung von Klimafolgen: Obwohl nur wenige Befragte eine gesunde Natur direkt mit Klimaschutz (35 Prozent) oder Schutz vor Extremwetter (23 Prozent) verbinden, fürchten sich gleichzeitig 52 Prozent vor Dürre und 41 Prozent vor Starkregen. Dabei können intakte Ökosysteme dem Klimawandel entgegenwirken und Extremwetterfolgen abschwächen: „Sie speichern nicht nur Kohlenstoff, sondern helfen auch, den Landeswasserhaushalt zu regulieren“, schreibt der NABU. Davon profitiere auch die Landwirtschaft.
