Ostsee wird Nato-Meer: Schweden sieht Russland isoliert
Am 15. Oktober 2025 verfolgten schwedische Streitkräfte ein russisches U-Boot, das über den Großen Belt in die Ostsee eingedrungen war – eskortiert von schwedischen Kampfflugzeugen und Marineeinheiten. „Unseres Wissens trat ein russisches U-Boot gestern via Großer Belt in die Ostsee ein“, erklärte das schwedische Militär.
Für Verteidigungsminister Pål Jonson ist der Vorfall kein Einzelfall, sondern Teil eines größeren Musters. Russland, so seine Einschätzung, mache die Ostsee gezielt zum Schauplatz hybrider Angriffe gegen Europa und die Ukraine. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) sagt Jonson: „Russlands Aggression in der Ostsee hat die Region zur Frontlinie hybrider Kriegsführung gemacht.“
Er sieht darin weit mehr als militärische Provokationen. Was sich in den Gewässern zwischen Stockholm, Tallinn und Kaliningrad abspiele, sei Ausdruck einer neuen Art der Auseinandersetzung – eine, die konventionelle Grenzen sprenge und militärische Mittel mit politischem Druck, wirtschaftlicher Einflussnahme und technologischen Operationen verknüpfe. „Was in der Ostsee geschieht, ist Teil von Russlands Krieg“, betont Jonson.
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Ostsee: Russland verliert strategische Bewegungsfreiheit
Nach Einschätzung des Verteidigungsministers hat Moskau in den Gewässern der Ostsee deutlich an Bewegungsfreiheit verloren. Zwar unterhält Russland weiterhin Marinebasen in Kaliningrad und St. Petersburg, doch im Vergleich zur Zeit des Kalten Krieges habe sich das militärische Kräfteverhältnis „komplett verschoben“, sagt Jonson im Gespräch mit dem RND.
Heute verfügen Schweden und die NATO-Partner sowohl bei der Präsenz auf See als auch bei der Überwachung über „die Oberhand“, so Jonson weiter. Seit dem Beitritt Finnlands und Schwedens gilt die Ostsee als nahezu vollständig vom westlichen Bündnis umschlossen – Russlands Zugang zu strategisch wichtigen Seewegen ist damit stark eingeschränkt.
Militärexperten bestätigen diese Einschätzung. Demnach hat die Nato ihre Aufklärungs- und Überwachungskapazitäten in der Region in den vergangenen Jahren massiv ausgebaut – mit modernisierten Radarstationen, Satellitenbeobachtung und einem dichten Netz von Unterwasser-Sensoren, das selbst kleinste Bewegungen registriert.
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Jonson fordert Mentalitätswandel in Europa: „Wir müssen in den Kriegsmodus wechseln“
Neben der militärischen Dimension betont Jonson die Notwendigkeit eines europäischen Bewusstseinswandels. Europa, sagt der schwedische Verteidigungsminister, müsse begreifen, dass Frieden kein Naturzustand sei, sondern täglich verteidigt werden müsse. „Wir brauchen in ganz Europa ein tiefes Bewusstsein dafür, dass uns der gemeinsame Wunsch nach einem Leben in Frieden antreibt“, so Jonson. Er fordert, die bisherige Friedensmentalität abzulegen und stattdessen entschlossener zu handeln: „Ein Mentalitätswandel ist nötig: Wir müssen in den Kriegsmodus wechseln, um entschlossen abzuschrecken, zu verteidigen und den Frieden zu bewahren.“
Sein Appell richtet sich an die europäischen Regierungen gleichermaßen wie an ihre Gesellschaften: Europa müsse lernen, den Frieden aktiv zu sichern – nicht nur, ihn zu erhoffen. Schon zuvor hatte Jonson auf einem Panel in Berlin erklärt, der Kontinent müsse vom „Peacetime Mindset“ zur „Wartime Readiness“ übergehen.
Russland und die NATO: Putins hybride Angriffe testen Europas Entschlossenheit
Jonsons Appell bleibt nicht theoretisch. Der schwedische Verteidigungsminister verbindet den geforderten Bewusstseinswandel unmittelbar mit der sicherheitspolitischen Realität – und mit Moskaus Vorgehen. Russland, so Jonson, setze auf eine Strategie der permanenten Nadelstiche: militärische Provokationen, Cyberattacken und Desinformationskampagnen sollen die europäischen Demokratien zermürben und den Zusammenhalt des Westens auf die Probe stellen. „Die Nähe zu Russland hat uns gelehrt: Frieden ist kein Geschenk. Frieden ist etwas, das wir jeden Tag verteidigen müssen“, sagt Jonson.
Deshalb fordert er von den europäischen Staaten und der Nato klare Antworten – auf hybride Operationen ebenso wie auf Verletzungen des Luftraums. „Russland ist bereit, politische und militärische Risiken einzugehen und seine hybriden Operationen zu intensivieren. Deshalb müssen wir kontern und zurückschlagen“, betont er.
Jonson zeigt sich überzeugt, dass Putins Strategie der ständigen Provokation am Ende ins Leere laufen werde – weil Europa heute entschlossener, koordinierter und wachsamer reagiere als noch vor wenigen Jahren. Auch in Berlin wächst die Entschlossenheit: Bundeskanzler Friedrich Merz kündigte eine härtere Gegenwehr gegen Putins hybride Angriffe an.
Hybride Bedrohung: Sabotage, Desinformation, Cyberangriffe
Was das schwedische Verteidigungsministerium unter „hybriden Operationen“ versteht, reicht weit über klassische Kriegführung hinaus. Gemeint ist ein Arsenal verdeckter Methoden – von Cyberangriffen und Sabotageakten bis hin zu Propaganda und gezielter Desinformation. Diese Instrumente zielen darauf ab, politische Instabilität zu erzeugen, demokratische Prozesse zu untergraben und das Vertrauen in staatliche Institutionen zu schwächen.
In den vergangenen Monaten haben sich die Vorfälle dieser Art gehäuft. Sicherheitsbehörden berichten von Sabotageversuchen an Unterseekabeln und Energieinfrastruktur in der Ostsee – Vorfällen, die mehrere europäische Regierungen Russland zuschreiben. Auch Desinformationskampagnen über angebliche NATO-Aktivitäten in der Region nehmen laut westlichen Geheimdiensten deutlich zu. Für Schweden und seine Partner steht damit fest: Der Konflikt mit Russland wird längst nicht nur auf dem Schlachtfeld geführt, sondern auch im digitalen Raum, unter der Meeresoberfläche und in den Köpfen der Menschen.
