Chaoten im Wald: Warum der Forst ein „Hooligan-Problem“ hat
Zusammenfassung
- Dem Wald in NRW geht es etwas besser als in den Vorjahren. Das liegt vor allem daran, dass es zuletzt oft geregnet hat.
- Eine echte Trendwende sei das aber noch nicht, erklärt NRW-Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen (CDU). Der Klimawandel werde den Bäumen weiter schwer zusetzen.
- Nicht nur Wetterextreme belasteten den Wald. Menschen legten dort zunehmend ein „liederliches Verhalten“ an den Tag. Mit fatalen Folgen für den Lebensraum Wald.
Der Wald in NRW scheint nicht nur unter Wetterextremen, sondern zunehmend auch unter dem Verhalten von „Chaoten“ zu leiden, die dort mit Fahrrädern rasen, Müll abladen und Feuer legen.
„Manche machen im Wald einfach ihr Ding“
„Wir erhalten immer mehr Meldungen aus den Regionalforstämter zu Schäden, die im Wald angerichtet werden. Zum Beispiel rasen Mountainbike-Fahren zunehmend ohne Rücksicht auf Verluste quer durch die Wälder“, sagte NRW-Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen (CDU) am Donnerstag bei der Vorstellung des neuen Waldzustandsberichtes. Radsport-Vereine würden sich verantwortungsvoll im Wald benehmen. Es gebe aber immer mehr Einzelpersonen, „die in den Wald gehen, um einfach ihr Ding zu machen“. Der Wald könne es nicht ertragen, wenn der Mensch dort Rennstrecken baue und die Rinden alter Bäume abreiße.
„Von Gedankenlosigkeit bis Vandalismus ist alles dabei“
„Das ist ein respektloser und liederlicher Umgang mit dem Wald. Solch ein Verhalten muss abgestellt werden“, betonte Gorißen. Das gelte auch für Menschen, die im Wald leichtsinnig mit Feuer umgingen. Die Waldbrand-Gefahr sei zwar zuletzt wegen der vielen Niederschläge relativ gering gewesen, aber das sei kein Grund für Nachlässigkeit. Waldbrände würden zu nahezu 100 Prozent von Menschen verursacht, so Gorißen. „Von Gedankenlosigkeit – Ich rauche im Wald und denke mir nichts dabei – bis hin zu Vandalismus ist alles dabei und nimmt zu.“
Kaum zu glauben: Einige Hundebesitzer werfen Kotbeutel im Wald weg
Ralf Petercord, Wald-Experte im Landwirtschaftsministerium berichtete von Hundebesitzern, die im Wald einen „gedanklichen Fehler“ machten: „Der Hund macht en Häufchen, die Besitzer nehmen den Kotbeutel und packen das Häufchen ein, wie sie es in der Stadt machen. Und dann werfen sie den Beutel weg.“ Dieses Verhalten sei eine Katastrophe. Es sei besser, das Häufchen im Wald liegen zu lassen oder den Beutel mitzunehmen. „Die Leute meinen es nicht böse, aber denken falsch. Dieses Problem sehen wir immer wieder“, betonte Petercord.
Der Zustand des Waldes in NRW hat sich in diesem Jahr leicht verbessert, so die Landesregierung. Die Fläche mit jungen, widerstandsfähigen Bäumen nehme zu, der Wald werde jünger und bunter, auch dank der vielen Niederschläge. Der Borkenkäfer suche inzwischen nur noch einzelne Bäume heim. Eine echte Trendwende sei das aber nicht.
„Der Patient Wald lag auf der Intensivstation und ist gerade entlassen worden“
„Der Patient Wald lag auf der Intensivstation und ist gerade entlassen worden. Er befindet sich aber weiter unter Beobachtung, und wir müssen viel für ihn tun“, sagte Ministerin Gorißen. 29 Prozent der Bäume zeigten in diesem Jahr eine gesunde, dichte Baumkrone - zwei Prozent mehr als im Vorjahr. Auch der Anteil der Bäume mit einer leicht verlichteten Krone habe sich um drei Prozent auf 37 Prozent verbessert. Der Anteil schwer geschädigter Bäume sei um fünf Prozent auf 34 Prozent zurückgegangen.
Vereinzelte Nachfragen von Waldbesitzern nach Förderung von Fichten-Monokulturen beantwortet das Land mit einem klaren Nein: „Auf die Fichte kann man nicht mehr setzen. Sie hat keine Zukunft.“
Kein Grund zur Entwarnung
Laut der NRW-Landesregierung dürfe die leichte Erholung der Wälder nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Klimawandel weitere negative Auswirkungen auf den Wald habe. Zudem seien die Einwirkungen aus Industriegesellschaft und Verkehr groß. „Ursache für die Waldschäden ist nach wie vor auch die Versauerung der Waldböden durch langfristige Säure- und Nährstoffeinträge. Hinzu kommen Schäden durch die Auswirkungen des Klimawandels – Dürre und Hitze, die das Feinwurzelsystem und die Leitungsbahnen der Bäume schädigen, sowie Schäden durch Insekten wie etwa den Eichenprachtkäfer.“
Nicht nur Nadelbäume, sondern auch heimische Laubbäume seien stark betroffen. So sei die Eiche besonders geschädigt – nur sieben Prozent der Eichen wiesen keine Kronenverlichtung auf. Zwar habe auch die Eiche vom Regen profitiert, doch es gehe ihr weiterhin vergleichsweise schlecht. Der Buche hingegen gehe es deutlicher besser: 24 Prozent der Buchen zeigten keine Schäden und 40 Prozent geringe Schäden.
Die nächste extreme Dürre wird den frisch erholte Wald wieder zurückwerfen
Die Frage, ob der leicht erholte und inzwischen verjüngte Wald in NRW widerstandsfähiger wäre, wenn es 2026 erneut zu einer extremen Dürre käme, beantwortete die Ministerin zurückhaltend: „Das würde uns Sorgen bereiten. Der Wald erholt sich nur langsam und leidet immer noch unter den Folgen der vergangenen Jahre. Der kleinste Anteil des Waldes ist richtig gesund. Daher haut jedes extreme Dürrejahr richtig rein.“
Warnungen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt vor einem dramatischen Waldflächen-Verlust in Deutschland relativierte Ralf Petercord. Das Zentrum beziehe sich in seiner Analyse auf die Kronendichte, die tatsächlich abgenommen habe, nicht aber auf Verluste von Waldflächen. „Wir haben nicht einen Hektar Wald verloren. Das ist nicht so wie in den Tropen, wo Wald in Ackerland umgewandelt wird. Hier ist und bleibt Waldfläche Wald“, so der Referatsleiter im Landwirtschaftsministerium.
