Syriens Tötungsmaschinerie: „Damascus Dossier“ belegt Folter unter Assad
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Ein Jahr nach dem Regime-Sturz in Syrien offenbart eine neue Recherche das Grauen der Assad-Diktatur. Tausende Fotos toter Häftlinge und zahlreiche Dokumente syrischer Geheimdienste geben dunkle Einblicke in die grausamen Folterkammern der syrischen Gefängnisse. Es sind erschreckende Belege, die gleichzeitig aber auch Angehörigen die Chance bieten, einen Schussstrich nach jahrelanger Ungewissheit zu ziehen.
Mehr als 13000 Geheimdokumente und Fotos wurden dem NDR zugespielt, welche die Süddeutsche Zeitung als Teil des internationalen Rechercheprojekts Damascus Dossier ausgewertet hat. Das „Damascus Dossier“ zeugt von zahlreichen Einzelschicksalen in Syrien und von Familien, die zerrissen wurden.
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Proteste gegen Assad-Regime in Syrien: Familie al-Najja muss mit dem Leben bezahlen
So erzählt die „SZ“ die Geschichte von Thaer al-Najjar. Er und seine Familie nahmen 2011 an den Protesten gegen das Assad-Regime teil. Doch nach dem friedlichen Beginn der Proteste Anfang März eskalierte die Lage schnell, es kam zum Bürgerkrieg. Thaer versteckte sich bei seinen beiden Brüdern in Damaskus. Doch als er fliehen wollte, um beide nicht in Gefahr zu bringen, war es schon zu spät.
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Kurze Zeit später nahmen Assads Sicherheitskräfte die Brüder von Thaer fest. Eyad, der jüngste der drei, kam eine Woche später wieder frei, übersät mit blauen Flecken. Er starb kurze Zeit später. Doch was wurde aus Imad, dem ältesten Bruder? Das erfuhren Thaer al-Najjar und seine Familie erst jetzt, nach Veröffentlichung des hiesigen Datensatzes. Demnach belegt der Bericht einer Ärztin des Militärkrankenhauses bei Damaskus den Tod seines Bruders. Für Thaer ein Schock. Ein wenig Hoffnung sei in all der Zeit noch da gewesen, „mit diesem Dokument ist das vorbei. Das Herz ist gebrochen“, sagte er gegenüber der „SZ“.
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Tausende Leben bei blutigem Bürgerkrieg in Syrien ausgelöscht
Das Schicksal der Familie al-Najjar ist eine von tausenden Lebensbiografien, die durch den Bürgerkrieg in Syrien und dem martialischen Vorgehen des Assad-Regimes nicht nur Brüche erhielten, sondern oft einfach ausgelöscht wurden. Der Datensatz enthält auch tausende Dokumente der syrischen Geheimdienste, mit deren Hilfe Assad die Bevölkerung in Syrien unterdrückte, abhörte und folterte.
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Wie die Dokumente belegen, spielten besonders die Ärzte der Militärkrankenhäuser eine wichtige Rolle bei der Vertuschung der Gräueltaten. So sollen Ärzte als „Standard“-Todesursache auf vielen Totenscheinen „Herzstillstand“ vermerkt haben. Speziell in dem Krankenhaus in Harasta soll es eine eigens eingerichtete Folteretage gegeben haben, in der Patienten mit Zigaretten, Schlägen und Tritten misshandelt wurden.
Der große Datensatz ist auch für Behörden in Deutschland von Bedeutung, denn: Einige der damaligen Ärzte arbeiten heute in Deutschland. Und die Mediziner könnten theoretisch immer noch für die Taten in Syrien angeklagt werden. „Fotos, die uns zu Syrien vorliegen, ergänzen die Zeugenaussagen einzelner Personen. Sie machen besonders anschaulich für jeden sichtbar und damit auch objektivierbar, was einzelne Personen erlitten haben“, sagte Generalbundesanwalt Jens Rommel gegenüber NDR, WDR und SZ.
Ein Jahr nach Assads Regime-Sturz: Hunderttausende Syrer feiern auf den Straßen
Vor einem Jahr wurde Syriens Langzeitmachthaber Baschar al-Assad gestürzt. Hunderttausende Menschen feierten am Montag in Syrien den ersten Jahrestag des Sturzes der Assad-Herrschaft. Landesweit fanden nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Sana Feierlichkeiten, Militärparaden und Kundegebungen statt.
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Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa sprach in einer Rede von einem klaren Bruch mit der Vergangenheit. Das Land stehe vor einem „neuen Morgen“. Die Bevölkerung habe der Übergangsführung nach „Jahren der Unterdrückung und Ungerechtigkeit“ ihr Vertrauen geschenkt. Syrien habe seine „Würde und Freiheit“ zurückgewonnen.
Am zentralen Umajaden-Platz in der Hauptstadt Damaskus kamen seit Zehntausende Menschen zusammen. Mit Fahnen, Musik und Sprechchören feierten die Menschen das „erste Jahr der Befreiung.“ Teilnehmer beschrieben den Tag als „historisch.“
rk/dpa
