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⇱ Ansage an Trump: Bundeswehr schickt Soldaten nach Grönland - was dahinter steckt


Funke Mediengruppe
Gipfel gescheitert

Ansage an Trump: Bundeswehr schickt Soldaten nach Grönland - was dahinter steckt

Berlin. Deutschland und andere europäische Staaten unterstützen Dänemark beim Schutz Grönlands. Über den Hintergrund und die Grenzen der Mission.
Von Christian Kerl, Korrespondent
Kurz erklärt: Warum Trump nach Grönland greift

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Überraschende Wende im Ringen um die Zukunft Grönlands: Deutschland und andere europäische Nato-Staaten entsenden Soldaten nach Grönland, um Dänemark beim Schutz der Arktis zu unterstützen. Das Bundesverteidigungsministerium kündigte am Mittwochabend als ersten Schritt eine Erkundungsmission der Bundeswehr in Grönland an: Von diesem Donnerstag bis Samstag würden 13 Bundeswehroffiziere mit einem Airbus A400M der Bundeswehr als Erkundungsteam nach Nuuk auf Grönland reisen.

Die Erkundung werde zusammen mit Vertretern weiterer Nationen stattfinden. „Ziel ist es, die Rahmenbedingungen für mögliche militärische Beiträge zur Unterstützung Dänemarks bei der Gewährleistung der Sicherheit in der Region zu erkunden, beispielsweise für Fähigkeiten zur Seeraumüberwachung“, erklärte das Ministerium.

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Bundeswehr: Europäische Staaten setzen Zeichen

Zuvor hatte Dänemark angekündigt, ab sofort seine Militärpräsenz in und um Grönland zu erhöhen. Dazu sollten im Zusammenhang mit militärischen Übungen Flugzeuge, Schiffe und Soldaten verlegt werden – in enger Zusammenarbeit mit Nato-Verbündeten. Ziel ist nach Angaben des dänischen Außen- und des Verteidigungsministeriums, die Fähigkeit zum Einsatz unter den besonderen Bedingungen in der Arktis zu trainieren und die Präsenz des Verteidigungsbündnisses zu stärken.

Dabei geht es unter anderem um die Unterstützung grönländischer Behörden wie der Polizei, die Überwachung systemrelevanter Anlagen, den Einsatz von Kampfflugzeugen in und um Grönland, die Lösung von Marineaufgaben sowie die Entgegennahme alliierter Truppen. Grund dafür sei, dass sich „die sicherheitspolitischen Spannungen bis in die Arktis“ ausgedehnt haben. Neben Deutschland schickten bereits auch Schweden, Norwegen und Frankreich erste Militärangehörige nach Grönland. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sprach von „gemeinsamen Übungen“, die Dänemark organisiert habe und die unter dem Namen „Operation Arctic Endurance“ liefen

Zuvor war ein Krisengespräch zwischen den USA, Dänemark und Grönland ergebnislos verlaufen. Zwischen den Parteien bestehe weiterhin eine „fundamentale Meinungsverschiedenheit“, sagte der dänische Außenminister Lars Løkke Rasmussen nach dem Treffen mit US-Außenminister Marco Rubio und US-Vizepräsident JD Vance.

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Merz und Wadephul wollen gemeinsam mit den USA die Arktis schützen

Eine mögliche gewaltsame Annexion durch die USA wird in den offiziellen Erklärungen nicht erwähnt – doch ist es offenkundig, dass die europäischen Staaten jetzt ein Zeichen setzen und die Hemmschwelle der US-Regierung für einen amerikanischen Militäreinsatz höher legen wollen.

Die Europäer signalisieren, dass sich auf die von US-Präsident Donald Trump vorgebrachte Sicherheitsbedrohung Grönlands durch Russland und China auch gemeinsam im Bündnis reagieren lässt – das ist die Linie, die Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) mit den Regierungen Frankreichs und Großbritanniens verabredet hatte und die Außenminister Johann Wadephul (CDU) am Montag in Washington auch gegenüber US-Außenminister Marco Rubio vertrat.

Bislang allerdings vergeblich. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) forderte in einem Gastbeitrag für die „Zeit“, die Nato solle Grönland und die Arktis gemeinsam vor dem Zugriff Russlands und Chinas schützen. Dem Sicherheitsinteresse der USA sei mehr gedient, wenn Nato-Staaten die Sicherheit in der Arktis und im Nordatlantik gemeinsam schützen: „Alleingänge sind die schlechtere Alternative und gefährden den Fortbestand der Nato“, betonte Pistorius.

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Grönland: Darum scheint ein Nato-Einsatz unwahrscheinlich

Mit der Präsenz würden die Europäer eine amerikanische Intervention erschweren, verhindern würden sie sie nicht. Die Überlegenheit der US-Armee, die schon jetzt in Grönland  mit der Luftwaffenbasis Pituffik präsent ist, ist offensichtlich. Die US-Armee würde im Ernstfall wahrscheinlich ihre in Alaska stationierte 11. Luftlandedivision in Marsch setzen – zu ihr gehören zwei Arktisbrigaden, die für den Kampf im ewigen Eis ausgebildet und ausgerüstet sind. Die dänischen Streitkräfte – mit insgesamt nur 20.000 Soldaten – können dem kaum etwas entgegensetzen. Die Nato selbst wird nicht eingreifen.

Für einen Nato-Einsatz fehlt es an allen Voraussetzungen, auch wenn Dänemark versuchen würde, in der Allianz den Bündnisfall ausrufen zu lassen. Erstens müssten alle 32 Nato-Staaten einstimmig für den Einsatz stimmen – die USA als größter Nato-Staat würden das natürlich nicht tun. Dass ein Nato-Staat einen anderen angreift, ist im Nato-Vertrag gar nicht vorgesehen. Selbst wenn es in Europa die Idee gäbe – die Kommandostrukturen sind in der Hand der USA. In Mons bei Brüssel führt ein US-General das Oberkommando über die europäischen Nato-Truppen. Das Nordwest-Kommando der Nato einschließlich der europäischen Arktis befindet sich in Norfolk in den USA.

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Regierungsparteien und Grüne begrüßen Grönland-Einsatz

Der verteidigungspolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Thomas Erndl (CSU), begrüßte den Einsatz eines Bundeswehr-Erkundungsteams in Grönland: „Es ist richtig, dass Deutschland schnell auf die Einladung der dänischen Regierung reagiert und erkundet, wie der dänische Ausbau der Sicherheitsstrukturen um Grönland unterstützt werden kann“, sagte Erndl unserer Redaktion. Der Verteidigungsexperte fügte hinzu: „Damit zeigen die Europäer einerseits, dass sie die Sicherheitsbedenken der USA adressieren, und andererseits, dass jede nicht abgesprochene Aktion des US-Präsidenten eine unmögliche Situation hervorrufen würde.“

Die Grünen im Bundestag begrüßten die Erkundungsmission ebenso. Die sicherheitspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Sara Nanni, sagte unserer Redaktion: „Deutschland muss selbstverständlich dabei sein, wenn sich Dänemark in diesen schweren Stunden symbolischen Beistand wünscht.“ Als einen solchen symbolischen Beistand müsse man die Teilnahme an der dänisch geführten Übung „Operation Arctic Endurance“ verstehen. Nanni forderte zugleich von der Bundesregierung weitere Maßnahmen: Kanzler Merz müsse Trump klar machen, dass es Folgen für die USA auch in Deutschland hätte, sollte der US-Präsident tatsächlich ernsthaft die territoriale Integrität Dänemarks und Grönlands angreifen.

Von der SPD-Fraktion im Bundestag war eine zeitweise militärische Präsenz in Grönland schon vor einigen Tagen ins Gespräch gebracht worden. SPD-Fraktionsvize Siemtje Möller hatte gefordert, dass Europa Verantwortung für die eigene Sicherheit übernehmen müsse: „Dazu gehört auch eine sichtbare militärische Präsenz, etwa durch regelmäßige gemeinsame europäische Übungen in Grönland wie zum Beispiel Artic Light, um Bedrohungen jeglicher Art in der Arktis zu adressieren“, sagte Möller.

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