VOOZH about

URL: https://www.waz.de/politik/article410942596/ukraine-krieg-kaelte-russland-putin.html

⇱ Ukraine: „Was die Kinder erleben, verschwindet nicht einfach aus ihrem Gedächtnis“


Funke Mediengruppe
Interview

Ukraine: „Was die Kinder erleben, verschwindet nicht einfach aus ihrem Gedächtnis“

Berlin. Viele Ukrainer sind traumatisiert, sagt Experte Christof Johnen. Die Angriffe auf Energieanlagen wie zuletzt in Kiew könnten ihre Not verschärfen.
Von Sophie Feiber, Volontärin
Kiew: Leben in Kälte und Dunkelheit

weitere Videos

Keine Heizung bei bis zu minus 18 Grad in der Nacht: Seit Tagen harren viele Menschen in Kiew in kalten Wohnungen aus. Mit nur wenigen Stunden Strom am Tag. Nach russischen Luftangriffen am 9. Januar brach die Energieversorgung in der ukrainischen Hauptstadt weitgehend zusammen. 6000 Wohnblocks waren anfangs betroffen, die Reparaturarbeiten dauern an.

Die zunehmenden Angriffe auf die Energieinfrastruktur alarmieren Hilfsorganisationen. Über die humanitäre Lage in der Ukraine nach fast vier Jahren Krieg hat unsere Redaktion mit Christof Johnen vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) gesprochen. Er verantwortet die humanitäre Hilfe des DRK.

Herr Johnen, wie geht es den Menschen in Kiew nach den verheerenden Angriffen?

Johnen: Nach den Angriffen auf Kiew sind zum Zeitpunkt des Interviews ungefähr 200.000 Menschen in der Hauptstadt und Umgebung ohne Strom beziehungsweise Heizung. Die Menschen leiden nicht nur unter der enormen Kälte, sondern auch unter der Fortsetzung der Angriffe auf die Stadt, der Ungewissheit und Angst. Unsere Schwestergesellschaft, das Ukrainische Rote Kreuz, betreibt mobile Wärmestuben. Dort werden die Menschen mit dem Nötigsten versorgt. Sie erhalten etwas zu essen sowie psychosoziale Unterstützung und können ihr Handy aufladen. Aber die Lage ist sehr schwierig. Insbesondere ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen, Personen mit chronischen Erkrankungen und Familien mit kleinen Kindern leiden.

Christof Johnen verantwortet als Leiter der Internationalen Zusammenarbeit die humanitäre Hilfe des DRK. Im vorletzten Jahr war er selbst in der Ukraine. © DRK | Gero Breloer

Und wie schätzen Sie die humanitäre Lage in der Ukraine derzeit ein?

Johnen: Im Moment geht es vielerorts darum, den Menschen über den Winter zu helfen. Das bedeutet Hilfe in Form eines Zugangs zu beheizten Orten, zuverlässiger Stromversorgung durch Notstrom, heißer Getränke und Mahlzeiten. Anhaltende Angriffe und längere Stromausfälle verursachen zudem erheblichen psychosozialen Stress, weshalb kontinuierliche psychosoziale Unterstützung nötig ist. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind noch immer zwölf Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer auf humanitäre Hilfe angewiesen – das sind fast 40 Prozent der Bevölkerung. Die Bedürfnisse der Menschen sind dabei verschieden, auch geografisch gesehen. Manche brauchen Hilfe aufgrund der Witterung und Gefahrenlage, andere brauchen medizinische Hilfe und Beistand.

Was fehlt den Menschen am meisten?

Johnen: Die Stimmung in der Ukraine ist nicht gut. Die Menschen sind erschöpft und müde. In den umkämpften Gebieten fehlt es den Menschen vor allem an Sicherheit und Schutz. Viele sind nur deshalb geblieben, weil ihnen die Mittel zum Weggehen fehlen. Im restlichen Land wollen vertriebene Menschen vor allem dahin zurückkehren, wo sie herkommen, damit sie ihr altes Leben wieder führen können. Die landesweiten Angriffe hinterlassen nicht nur Spuren an Gebäuden und Infrastruktur, die andauernde Angst vor Angriffen hat tiefergehende psychologische Auswirkungen auf die Menschen.

Was macht das emotional mit den Menschen?

Johnen: Ich glaube, es gibt kaum einen Menschen in der Ukraine, der nach den letzten vier Jahren nicht traumatisiert ist. Jeder ist in irgendeiner Form betroffen. Entweder direkt, weil er oder sie sein Haus verloren hat, oder weil irgendjemand aus der Familie verletzt oder getötet wurde. Oder indirekt, weil man keine Arbeit mehr hat. Seit Jahren hoffen die Menschen auf Verbesserungen der Lage, auf Frieden – das ist zermürbend.

Auch interessant

Wie unterstützt das DRK die Zivilbevölkerung konkret?

Johnen: Wir arbeiten seit vielen Jahren eng und vertrauensvoll mit dem Ukrainischen Roten Kreuz zusammen. Ein Schwerpunkt ist die Gesundheitsversorgung – vor allem im ländlichen Raum. Im gesamten Land sind mehr als 80 mobile Gesundheitsteams unterwegs, die nach einem festen Zeitplan Dörfer anfahren, Menschen untersuchen und versorgen. Über die letzten Jahre wurden über 1,5 Millionen Beratungen und Untersuchungen durch diese Teams durchgeführt. In den Orten, in denen es sonst keine Versorgung gibt, kombinieren wir das mit weiteren Hilfen. Freiwillige des Ukrainischen Roten Kreuzes besuchen Bedürftige, oft alte alleinstehende Menschen, die weitere Unterstützung brauchen. Sie versorgen sie mit Lebensmitteln, Brennholz oder holen Wasser aus Brunnen. Freiwillige leisten auch psychosoziale Unterstützung, sie sprechen mit den Menschen über ihre Ängste und Sorgen. Zum Beispiel in Gemeindehäusern oder in Schulen. Aber auch die physische und psychische Genesung von Verletzten ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit und wird leider noch lange ein Teil unserer Unterstützung sein.

Helfen Sie auch im Katastrophenschutz?

Johnen: Unsere Schwestergesellschaft arbeitet eng mit den staatlichen Katastrophenschutzbehörden zusammen. Sogenannte Emergency Response Teams des Ukrainischen Roten Kreuzes rücken zum Beispiel gemeinsam mit dem staatlichen Zivilschutz nach Luftangriffen aus. Sie retten Menschen aus Trümmern und versorgen sie notfallmedizinisch. Falls nötig, bringen die Helfer die Betroffenen auch in Notunterkünfte, geben ihnen Nahrung und Essen. Diese Teams sind jede Nacht im Einsatz, und die meisten machen das freiwillig. Das ist eine extrem gefährliche Arbeit.

Einsatz einer Schnelleinsatztruppe des Ukrainischen Roten Kreuzes in Kiew: Nach Luftangriffen suchen Freiwillige in den Trümmern nach Verschütteten. © IFRK | Ukrainisches Rotes Kreuz

Sie waren 2024 in der Ukraine. Was hat Sie bei dieser Reise besonders bewegt?

Johnen: Ich war im Süden in Odessa und Umgebung, in Rivne an der belarussischen Grenze und in Kiew. Diese Stationen waren bewusst gewählt, weil die Situation in den jeweiligen Orten verschieden ist. Ein Moment, der mich besonders bewegt hat, war, als ich mit meinen Kollegen in Rivne auf Züge aus den umkämpften Regionen gewartet habe. Aus den Waggons stiegen Senioren und Frauen mit kleinen Kindern. Alles, was sie bei sich trugen, waren Plastiktüten – das war alles, was sie hatten. Viele waren schon immer arm, doch nach Jahren des bewaffneten Konflikts ist ihre Lage dramatisch.

Auch interessant

Was hat sich seit 2022 in der Arbeit von Hilfsorganisationen verändert?

Johnen: Die Art unserer Unterstützung hat sich sehr gewandelt und wir passen diese fortlaufend an, um bedarfsgerecht zu helfen. In den ersten Monaten des bewaffneten Konflikts war es zum Teil chaotisch. Millionen waren auf der Flucht. Damals haben wir viele Hilfsgüter aus Deutschland geliefert, von Nahrungsmitteln bis zu Decken. Inzwischen transportieren wir eigentlich nichts mehr in die Ukraine, die Beschaffungen finden vor Ort statt. Von uns werden in der Regel auch keine Nahrungsmittelpakete verteilt, außer in kleinen, stark umkämpften Gebieten und an ältere, immobile Menschen. Stattdessen geben wir Geldkarten aus, auf denen ein bestimmtes Guthaben ist. Damit können die Menschen einkaufen gehen und das besorgen, was sie wirklich brauchen. In Akutsituationen wie gerade in der Hauptstadt und Umgebung unterstützen wir bestmöglich mit flexiblen Mitteln, damit schnell und bedarfsgerecht agiert werden kann.

Christof Johnen (59) ist seit fünf Jahren Leiter der Internationalen Zusammenarbeit beim Deutschen Roten Kreuz, zuvor war er dort schon Teamleiter. Sein Weg führte gleich nach dem Abitur zum DRK: Im Kreisverband Jülich-Düren (NRW) absolvierte er seinen Zivildienst. Während seines Studiums der Volkswirtschaftslehre jobbte er beim DRK als Rettungssanitäter. Beruflich widmete er sich in mehreren Stationen im In- und Ausland der humanitären Hilfe.

Das heißt, alle werden ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgt?

Johnen: Im Großen und Ganzen, ja. Trotzdem gibt es bedürftige Familien, die nicht genug Essen haben. In der Ukraine mangelt es aber grundsätzlich nicht an Lebensmitteln. Wenn es jedoch zu starken Kämpfen kommt, kann es sein, dass bestimmte Orte für zwei Wochen nicht zugänglich sind. Dies ist dann eine sehr prekäre Situation.

Wer leidet am meisten unter dem Krieg?

Johnen: Senioren, Kinder und Menschen mit Behinderung. Aber auch Familien, in denen die Väter fehlen, weil sie entweder kämpfen oder getötet worden sind. Aber wie bereits gesagt, alle sind betroffen.

Ein Bus als fahrende Krankenstation: In der Region Donezk werden verwundete Soldaten von Freiwilligen in Krankenhäuser gebracht. © FUNKE Foto Services | André Hirtz

Und wie geht es den Kindern, die in diesem Krieg aufwachsen?

Johnen: Der Großteil der Kinder geht in der Ukraine zur Schule, es gibt auch gute Onlineangebote, wenn nötig. Das ist wichtig für sie. Aber was die Kinder erleben, verschwindet nicht einfach aus ihrem Gedächtnis. Hilfsorganisationen, Lehrer, Kinderpsychologen versuchen, ihnen die Möglichkeit zu geben, ihr Erlebtes auszudrücken. Das sieht man zum Beispiel, wenn die Kleinen malen. Das sind nicht nur schöne bunte Bilder mit Blumen und Häuschen. Die ukrainischen Kinder malen sehr viel Dunkles. So werden schreckliche Geschichten verarbeitet.

Was bedeutet der Krieg für die Zukunft der Kinder?

Johnen: Wenn es irgendwann zu einem Frieden und einem Wiederaufbau kommt, wird vor allem auch die junge Generation eine Rolle spielen. Aber umso länger der bewaffnete Konflikt dauert und umso zermürbender er wird, desto schwieriger ist es für Kinder und Jugendliche, Hoffnung und Willen zu behalten, psychisch voll zu gesunden und so aktiv zu dem „Nachher“ beizutragen.

Podcast-Folge
Das Beste aus dem ersten Jahr
Meine schwerste Entscheidung

Wie blicken Sie auf das Jahr 2026, was wird besonders herausfordernd?

Mir machen die Angriffe auf die Energieinfrastruktur Sorgen. Sie werden seit dem letzten Sommer intensiver und betreffen die gesamte Versorgungskette. Bisher hat die Ukraine solche Schäden beeindruckend schnell repariert. Aber wir wissen aus dem Irak und aus Syrien, dass Reparaturen immer schwieriger werden. Und dass es einen Kipppunkt gibt, ab dem eine längerfristige Zerstörung nicht verhindert werden kann. Je nachdem, wie intensiv die Angriffe werden und wie lange der Winter dauert, könnte sich die Situation deutlich verschlechtern.

Und was macht Ihnen Hoffnung?

Johnen: Die Menschen vor Ort, die sich auf beeindruckende Weise gegenseitig helfen. Wir können aus Deutschland dank der hoffentlich anhaltenden Spendenbereitschaft unterstützen, aber die Arbeit vor Ort machen die Ukrainerinnen und Ukrainer. Es herrscht ein großer Wille und viel Solidarität. Was diese Gesellschaft leistet, das ist unglaublich. Das berührt mich sehr.

Mehr lesen über

Zur Startseite
Wir haben neue Nachrichten für Sie
Zur Startseite

Kennen Sie schon unsere PLUS-Inhalte?
Jetzt WAZ testen