Grönländer geben sich gegenüber Trump trotzig: „Ein verrückter Mann“
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Die Maschine fliegt entlang der rauen Küste, draußen wirbelt Schneegestöber. Der Atlantik ist grau, das Land türmt sich weiß auf, und dann tauchen Häuser auf, wie bunte Einsprengsel in dieser Ödnis. Das also ist Nuuk, Hauptstadt von Grönland, dieser unwirtlichen, rohstoffreichen und strategisch immens wichtigen Insel in der Arktis, die Donald Trump den USA einverleiben will und dafür die Zukunft der Nato aufs Spiel setzt. Der stürmische Wind schüttelt das Flugzeug durch, dann landet die Boeing der Icelandair auf der verschneiten Landebahn.
Wir sind nach Grönland geflogen, weil wir wissen wollen, was die Menschen hier darüber denken, dass sie plötzlich ins Zentrum der Weltpolitik geraten sind. Die Insel, die sechsmal so groß ist wie Deutschland, hat gerade einmal 57.000 Einwohner, ein Drittel von ihnen lebt in der Hauptstadt im Südwesten. Grönland ist vor allem eine weiße Wüste aus Eis und Schnee.
Der Flughafen von Nuuk ist klein, die Wege sind kurz, die Architektur modern. Im Abflugbereich warten Männer in Olivgrün auf ihre Maschine nach Kopenhagen. Es ist der Erkundungstrupp der Bundeswehr, der sich nach zwei Tagen in Grönland auf den Weg nach Hause macht.
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Grönländer über Trump-Pläne: „Verrückt. Ein verrückter Mann“
Die Mission sei „sehr positiv“ gewesen, die Unterstützung durch die dänischen Kameraden konstruktiv, und man habe sich mit den Soldaten aus Frankreich, den Niederlanden und Island rege ausgetauscht, berichtet der Presseoffizier. Und auch die Bevölkerung habe positiv reagiert: „Es wurde gewunken, wir haben natürlich auch zurück gewunken.“
Es ist ungewöhnlich warm an diesem Sonntag. Erland, der Taxifahrer, der uns vom Flughafen in die Stadt fährt, zeigt auf das Thermometer. Nur minus drei Grad. „Gestern hat es geregnet. Nicht gut. Schnee ist viel besser.“ Regen bedeutet: Glatteis. Erland zeigt auf ein Auto am Straßenrand, das in einen Graben gerutscht ist. „Ist vorhin auch einem Freund von mir passiert.“ Was er von den Trump‘schen Annexionsgelüsten hält? Er lacht: „Verrückt. Ein verrückter Mann.“
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Trump lässt Grönländer zusammenrücken
Klar ist aber: Auch das weltpolitische Parkett ist derzeit sehr glatt. Der Streit um Grönland hat einiges in Rutschen gebracht. Erst am Vortag hat der US-Präsident Strafzölle gegen die europäischen Länder angekündigt, die sich gegen seine Pläne wehren, darunter auch Deutschland. Europa ringt um eine passende Antwort.
Nuuk ist auf einer hügeligen Felsenlandschaft gewachsen. Die Straßen sind breit, die meisten Häuser nur zwei- oder dreigeschossig und knallbunt, viele Baukräne ragen in die klare Winterluft. An manchen hängt die rot-weiße Fahne Grönlands. Vor dem Hans-Egede-Hotel, einem klotzigen Bau im Zentrum, machen Fernsehjournalisten aus aller Welt ihre Aufsager.
An einem Kleidungsgeschäft hängen Plakate: „Greenland is not for sale“ (Grönland ist nicht zu verkaufen). In den Eingangstüren von Kneipen kleben noch die Aufrufe zu der Demonstration am Samstag, zu der Tausende gekommen waren, um gegen die rüden Übernahme-Fantasien aus Washington zu protestieren. Trump hat die Grönländer zusammenrücken lassen.
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In der Bucht vor Nuuk kreuzt ein dänisches Kriegsschiff. Grönland ist autonom, hat ein eigenes Parlament, eine eigene Regierung. Eine eigene Streitkraft hat die Insel nicht. Noch ist Grönland nicht unabhängig, auch wenn sich viele Grönländer das wünschen. Noch hängt die Insel am Tropf der ehemaligen Kolonialmacht Dänemark, finanziell und sicherheitspolitisch.
Im Nationalmuseum unten am Ufer der Bucht kann man die wechselvolle Geschichte der Insel nachvollziehen. Die ersten Besiedlungen vor 4500 Jahren, die Ankunft der Wikinger im 10. Jahrhundert, die der Inuit 300 Jahre später, die dänische Kolonisierung im 17. Jahrhundert. Wie sich die Menschen hier in dieser unwirtlichen und lebensfeindlichen Umgebung eingerichtet haben. Was sie dazu sagen, dass jetzt eine neue Kolonisierung droht? Die junge Frau an der Kasse etwa lächelt. „Ich will nichts mehr sagen. Ich habe schon so viel zu Journalisten gesagt.“
Draußen stapfen dänische Soldaten durch den Schnee, einer rutscht aus, fällt beinahe hin. „Ihr seid ja heute schon wieder abgehauen“, sagt er, als er hört, dass wir Deutsche sind, und lacht. Was gerade geschieht? Er verdreht die Augen. „Verrückt.“ Er sagt, er habe sich gefreut, als die Bundeswehr da war. „Wir brauchen jetzt viel Kooperation.“ Mehr will, mehr darf er nicht sagen.
„Was Trump will, ist gefährlich für die Demokratie“
Nachdem auch wir uns ein paar Mal langgelegt haben, beschließen wir, uns grönlandfest zu machen. In einem Outdoor-Shop im Einkaufszentrum von Nuuk finden wir Spike-Galoschen für unsere Schuhe. 53 dänische Kronen, umgerechnet sieben Euro, sind ein fairer Preis für eine Knochenbruch-Prävention. In den meisten Läden sind diese Spikes derzeit ausverkauft. Die Menschen in Nuuk brauchen Halt in diesen Tagen.
In der Pizzeria im Einkaufszentrum sitzt ein junger Mann mit seiner Frau und seinem Kind. Er stellt sich uns als Lucky Luke vor, ausgerechnet. Lucky Luke ist 34 und war auf der Demonstration am Samstag, weil er die Pläne Trumps für abstrus hält. „Wir sind viel älter als die Vereinigten Staaten. Und wir sind ein demokratisches Land. Was Trump will, ist gefährlich für die Demokratie.“ Jetzt, sagt er, seien die Feinde der USA die Russen und die Chinesen. „Wenn er sich Grönland holt, sind auch noch die Europäer die Feinde Trumps.“
Luke ist ein Inuit und stammt aus Südgrönland, an seinem Hals baumeln zwei Amulette. „Eines für meine Mutter und eins für meine Frau. Sie sind wichtig für unsere Kultur.“ Die Amulette sind aus Knochen, eines von einem Walross, eines von einem Narwal. Die Männchen dieser Arktis-Wal-Art haben einen langen Stoßzahn. „In Amerika glauben sie, der Narwal ist ein mystisches Tier. So etwas wie ein Einhorn. Ist es zu glauben, dass die nicht wissen, dass das ein richtiges Tier ist?“ Er lacht.
Werden sich die Grönländer gewaltsam wehren?
Am Abend nimmt das Schneetreiben zu und Nuuk wirkt wie ein weihnachtlicher Winterkurort. Das „Maximut“, eine Kneipe mit Resopal-Tischen und schummerigem Licht, ist gut gefüllt. Es gibt dänisches Bier in Dosen. Auf einem Fernseher läuft Handball, aus den Boxen schallt grönländische Country-Musik. Es ist erst kurz nach sechs, aber der Promillepegel ist hoch. Die Gäste reden laut und lachen schrill. Und Englisch sprechende Fremde werden argwöhnisch begutachtet, bis klar ist: Wir sind Deutsche. Dann prosten sie uns zu.
John kommt an unseren Tisch, er ist Mitte 50, trägt eine Lederjacke und erzählt, er sei Musiker. Bei der Demonstration am Samstag hat er die Nationalhymne gespielt. Und er war stolz, dass so viele Menschen da waren. Er sagt, dass niemand, schon gar nicht Trump, Grönland kaufen könne, und er macht sehr deutlich, was er von dem Präsidenten der Vereinigten Staaten hält. Nichts. Absolut nichts. Er hofft auf den US-Kongress und die Europäer und sagt, wenn die Amerikaner trotz allem kämen, müssten sie sich auf Widerstand einstellen. „Es gibt hier viele Waffen. Es gibt hier viele gute Schützen.“ John grinst: „Ich bin einer von ihnen.“
