Zahnbehandlung selbst zahlen? Das ist unsozial und kurz gedacht
Der bislang, nun ja, bissigste Vorschlag in der Debatte um eine Reform des deutschen Sozialstaats kommt vom Wirtschaftsrat der CDU. Die Organisation, eine Unions-nahe Unternehmervereinigung, wartet an diesem Wochenende in einem Papier mit einer ganzen Reihe von Ideen auf, wie sich die Abgabenlast in Deutschland senken und so die Wirtschaft ankurbeln ließe. Unter anderem auf der Wunschliste: Zahnarztbesuche sollen künftig keine Kassenleistung mehr sein, sondern eine private Investition.
Wer kann, soll seine Zähne privat versichern oder die Wurzelbehandlung gleich selbst zahlen – und wer nicht kann, hat eben Pech gehabt und künftig ein paar Zähne weniger?
Reformvorschlag völlig kontraproduktiv
Das ist nicht nur zutiefst unsozial, es ist auch sehr kurz gedacht. Denn unbehandelte Zahnprobleme können das Risiko für andere Erkrankungen deutlich erhöhen. Die Kosten für deren Behandlung würde dann wiederum die Krankenversicherung übernehmen.
Noch dazu ist es als Reformvorschlag so überzeichnet, dass es völlig kontraproduktiv ist für das, was der Wirtschaftsrat und andere Teile der Union vorgeben zu wollen: eine echte Debatte darüber, was im deutschen Sozialsystem geändert werden kann und muss.
Ähnlich wie schon bei der Teilzeitdebatte, wo das Schlagwort „Lifestyle-Teilzeit“ wie ein Holzhammer jede Differenzierung plattgemacht hat, hat die Forderung nach Zahngesundheit als Privatvergnügen die Wirkung, sämtliche andere, vielleicht bedenkenswerte Ansätze des Papiers zu überschatten. Wenn das für die kommenden Monate der Ton der Sozialstaatsdebatte sein soll, wird diese Debatte noch viel Zähneknirschen verursachen.
