Bezos streicht die „Washington Post“ zusammen – mit kalkuliertem Timing
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In dem Jahrhundert-Film „Citizen Kane“ fragt ein Pfennigfuchser namens Walter Thatcher den Zeitungsverleger Charles Foster Kane, wann er endlich sein Blatt, den defizitären „Inquirer“, aufgeben wird – weil er ihn pro Jahr eine Million Dollar koste.
Kane, unerreicht dargestellt vom jungen Orson Welles, entgegnet etwas, das in diesen düsteren Washingtoner Zeitungstagen vermisst wird: „Sie haben recht, Mr. Thatcher. Ich habe letztes Jahr eine Million Dollar verloren. Ich gehe davon aus, dass ich dieses Jahr eine Million Dollar verlieren werde. Ich gehe davon aus, dass ich nächstes Jahr eine Million Dollar verlieren werde.“ Kurze Pause: „Wissen Sie, Mr. Thatcher, bei einer Million Dollar pro Jahr muss ich diesen Laden in sechzig Jahren schließen.“
Will heißen: Ich bin wohlhabend, ich kann mir das für eine Demokratie so wichtige Unternehmen noch lange leisten.
Jeff Bezos investiert kaum noch in die „Washington Post“
Exklusiv aus den USA – für Sie recherchiert
Bei Jeff Bezos, Eigentümer der „Washington Post“, die er 2013 für vergleichsweise günstige 250 Millionen Dollar der Graham-Familie abkaufte, liegen die Dinge ähnlich und doch ganz anders.
Der Amazon-Gründer ist privat heute um die 250 Milliarden Dollar schwer, gibt ohne zu zucken 500 Millionen Dollar für ein Luxus-Bötchen und 40 Millionen für ein in jeder Hinsicht ärgerliches Melania-Trump-Filmchen aus. Für das zur DNA der USA gehörende Hauptstadtblatt aber, das spätestens seit der Watergate-Affäre zu den „national treasures“ gehört, hat der kahle Lebemann nicht mehr viel übrig, auch wenn er den Erhalt trotz zuletzt 100 Millionen Dollar Minus über viele Jahrzehnte sicherstellen könnte.
Der von ihm abgesegnete neue Kahlschlag – 300 Stellen weg, Auslandsbüros an wichtigen Brandherden dieser Welt geschlossen, Lokalteil ausgehöhlt, Sport zusammengestrichen – ist kein betriebswirtschaftlicher Umbau. Bezos lässt das Traditionshaus auch ohne Abrissbirne ruinieren: mit Excel-Tabellen.
„Washington Post“: Medienbranche hat Entwicklung zu lange verdrängt
Die „Washington Post“ war einmal das Nervensystem der amerikanischen Demokratie. Wenn in Washington etwas faul war, roch man es hier zuerst. Jetzt wird ausgerechnet dort ein Blatt auf Sparflamme gestellt, während im Weißen Haus mit Donald Trump ein Präsident sitzt, der die Welt auf rechts dreht, Amerika in den autokratischen Schwitzkasten genommen hat und kritische Berichterstattung als Volksverrat etikettiert. Das Timing ist kein Zufall.
Wer die Mechanik sehen will, muss auf die Chefetage schauen. Will Lewis, der von Bezos geholte windige Herausgeber aus England, verwaltete den Rückbau wie der Hausmeister eine Zwangsversteigerung. Nachdem er das Blatt stramm nach rechts verschoben und diverse Edelfedern vergrault hatte, setzte er der WaPo die „Deadline“ – und kündigte unmittelbar danach seinen Rücktritt an. Feigling.
Lewis verkörpert den Punkt, den die Branche zu lange verdrängt hat. Medienferne Milliardäre kaufen Zeitungen oft nicht wegen des Journalismus. Sondern trotz Journalismus. Eine Zeitung ist dann kein öffentliches Gut mehr, sondern ein Reputations-Airbag. Ein Einflussinstrument. Lewis, der verlängerte Arm von Bezos, hat die Drecksarbeit getan. Er kann nun gehen.
Bezos sucht Nähe zu Trump, um im All gegen Musk zu konkurrieren
Bei Bezos kommt ein Interessenkonflikt in XXL dazu. Seine Unternehmen sind gleichzeitig im milliardenschweren Cloud-, Rüstungs-, Raumfahrt- und Plattformgeschäft mit dem Staat verflochten. Darum wanzte sich Bezos schon vor der Wahl 2024 bei Trump an. Und ließ die bereits druckfertige Wahlempfehlung für die Demokratin Kamala Harris killen, was 250.000 Abonnenten mit Abbestellung honorierten. Bezos war das schnurz. Er will Elon Musk im All Konkurrenz machen. Das geht nur mit den Steuerdollars, die Trump ihm zuschieben kann.
Gewiss: Der Zeitungsmarkt auch in Amerika ist hart. Leserzahlen brechen weg, Werbung wandert ab, die Rechnung ist brutal. Aber die Mär von der „Alternativlosigkeit“ der zweiten Entlassungswelle bei der „Washington Post“ nach 2023 ist eben nur eine Mär. Es geht anders. Es gibt Alternativen. Stiftungsmodelle wie in Philadelphia. Teilverkäufe. Mitarbeiterbeteiligung.
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„Washington Post“: Niedergang ist kein Naturgesetz – siehe „New York Times“
Wer eine Zeitung wie die „Washington Post“ nicht als Flaggschiff-Zeitung führen will, soll sie jemandem geben, der es will. Die Konkurrenz zeigt, dass Niedergang kein Naturgesetz ist. „New York Times“ und „Wall Street Journal“ prosperieren mit klarer redaktioneller Idee. Die „Washington Post“ dagegen droht zum Lehrstück dafür zu werden, wie man ein Weltblatt in die Bedeutungslosigkeit spart, damit der Eigner bei Trump nicht in Verschiss gerät. Das ist niederschmetternd. Demokratien sterben selten am großen Knall. Sie sterben an der langsamen Erosion ihrer Kontrollorgane.
Wer Medien besitzt, besitzt Verantwortung. Wer sie nicht tragen will, soll sie nicht besitzen. Jeff Bezos hat die Wahl. Entweder er finanziert wieder unbequemen, teuren, unabhängigen Journalismus. Oder er beendet das Experiment der stillen Selbstverzwergung und verkauft die „Washington Post“, bevor aus einer Institution endgültig ein Markenname ohne Seele wird.
