„Es gibt für das Ende des Kriegs im Iran keine guten Optionen mehr“
Marcel Dirsus hat ein Buch geschrieben, wie Diktaturen enden. Im Irak stürzte Saddam Hussein, in Libyen Muammar Gaddafi. Das Werk des Politikwissenschaftlers ist auch in einem Land erschienen, auf das derzeit alle blicken: Iran. Auch dort herrschen die Mullahs in einer brutalen Diktatur. Und vor allem fragen sich nun viele: Wie geht dieser Krieg der USA und Israel gegen das Regime in Teheran aus? Wie können die Islamisten stürzen? Dass das Buch von Dirsus im Iran erscheinen konnte, ist schon bemerkenswert. Noch spannender: Dirsus erzählt, es gehe dort nun schon in die fünfte Auflage.
Herr Dirsus, Sie haben ein Buch darüber geschrieben, wie Diktatoren stürzen. Wie blicken Sie auf den Krieg der USA und Israels gegen die Diktatur im Iran?
Marcel Dirsus: Krieg ist immer unvorhersehbar. Niemand kann sagen, wie der Angriff auf den Iran endet. Klar ist: Ein mit Atomwaffen ausgerüstetes Mullah-Regime ist eine enorme Bedrohung für die westliche Welt, für Israel, aber auch für uns. Für Deutschland. Europa wurde nicht gefragt, ob es Teil dieses Kriegs sein will. Aber wir sind es nun, der Einfluss des Kriegs auf die EU ist groß.
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Wie kann dieser Krieg ausgehen?
Es gibt für das Ende des Kriegs im Iran keine guten Optionen mehr. US-Präsident Trump könnte behaupten, er habe gewonnen, und zieht seine Truppen ab. Das aber wäre katastrophal, denn in Teheran bleibt dasselbe Regime an der Macht – nur noch radikaler. Die Mullahs werden nach Ende des Kriegs mit noch größerer Energie ihr Atomprogramm vorantreiben. Die zweite Option: Das Regime kollabiert unter der Wucht der Bomben. Das halte ich jedoch für wenig wahrscheinlich. Zumal ich mir nicht vorstellen kann, wie die Menschen im Iran unter dem Bombenhagel von USA und Israel auf die Straße gehen und rebellieren. Option drei: Die USA besetzen den Iran. Das würde in einem militärischen Desaster enden. Afghanistan und Irak wären Disneyland dagegen.
Diktatoren wie Saddam Hussein oder Gaddafi wurden gestürzt. Warum ist das Regime in Teheran so schwer zu stürzen?
Diktatoren wissen, dass der Druck permanent hoch ist. Die iranische Führung ist auf Widerstand sehr gut vorbereitet. Vor allem eines ist zentral: Das Regime hat die Gewalt der Diktatur auf mehrere Institutionen verteilt. Es gibt nicht nur das Militär, sondern auch die Revolutionsgarden und mehrere Milizen, die Teheran kontrolliert. Wer nun putschen will, muss nicht nur das Militär auf seine Seite ziehen, sondern auch mit den anderen bewaffneten Truppen umgehen. Das ist riskant. Die Mullahs sind eine enorm effektive Diktatur. Die Menschen haben womöglich sogar mehr Angst vor den eigenen Soldaten als vor fremden Truppen im Land.
Der Historiker Götz Aly beschreibt in seinem neuen Buch, wie die Nationalsozialisten die Bevölkerung im Laufe des NS-Regimes in Geiselhaft genommen haben. Die Verbrechen der Deutschen waren so enorm, dass es kein Zurück mehr gab – ohne schwerste Konsequenzen für die eigene Gewalt.
Genauso geht auch das Regime im Iran vor. Es hat wichtige Teile der Bevölkerung zunächst mit gewinnbringenden Posten bedacht. Es gibt große finanzielle Anreize, für das Regime zu arbeiten, sei es durch Karriereoptionen oder Korruption. Und nun hat diese Elite des Landes mit der blutigen Niederschlagung des Protests im Januar schwere Verbrechen begangen. Das Regime im Iran kämpft aktuell um die eigene Existenz. Denn es weiß: Eine Niederlage wird tödlich für die Elite enden. Auch das macht es so schwer, diese Regierung zu stürzen.
Gibt es noch Hoffnung für die Menschen im Iran?
Die Geschichte zeigt: Diktaturen sind niemals stabil. Jedes autokratische Regime stützt seine Macht auf zu wenig Menschen. Fallen Militärs, Regierungsmitglieder oder Geheimdienstler, gerät eine Diktatur ins Wanken. Das ist in einer Demokratie anders. Klar ist: Die islamistische Führung wird am Ende nur von innen zu Fall gebracht werden. Es hängt sehr viel davon ab, wie stark die Menschen den Widerstand gegen das Regime mobilisieren können. Ein langer Krieg kann das Regime in Teheran dauerhaft schwächen – nur: Wie lange hält Donald Trump diesen Krieg innenpolitisch durch? Er ist schon jetzt enorm unter Druck aufgrund der stark steigenden Ölpreise.
Sie haben auch dazu geforscht, wie Demokratien nach dem Fall von Diktaturen entstehen. Hat der Iran eine Chance auf eine Demokratie?
Jedenfalls hat das Land gute Voraussetzungen für die Demokratie. In der Geschichte des Iran sind funktionierende Institutionen fest verankert. Es gibt eine Bürokratie, es gibt eine Gerichtsbarkeit, es gibt eine demokratische Kultur – auch wenn derzeit all das zersetzt ist durch die islamistische Regierung. Doch der Iran unterscheidet sich fundamental von Staaten wie Afghanistan. Wenn das Regime stürzt, hat der Iran eine gute Chance auf Demokratie.
