Forscher finden mögliche Ursache für Egoismus im Gehirn
Die meisten Menschen sind überzeugt, zwischen richtig und falsch unterscheiden zu können. Dennoch gibt es Situationen, in denen offenbar etwas anderes die Regie übernimmt: der eigene Vorteil, die Aussicht auf Gewinn, die Ausnahme in eigener Sache. Woran liegt es, dass moralische Einsicht nicht automatisch zu moralischem Handeln führt? Eine in der Fachzeitschrift „Cell Reports“ erschienene Studie legt nahe, dass hinter solchen moralischen Fehlleistungen eine bestimmte Hirnregion steckt.
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Doppelmoral im Experiment: Wie die Studie moralische Konsistenz testete
Für die Studie ließ das Forschungsteam um Hauptautor Hongwen Song 58 erwachsene Probanden über drei Tage hinweg eine Aufgabe bearbeiten, bei der sich Ehrlichkeit finanziell nachteilig auswirken konnte. Die Teilnehmer gerieten also in eine Situation, in der moralisch richtiges Verhalten einen persönlichen Preis hatte: Wer ehrlich blieb, verdiente weniger, wer unehrlich handelte, konnte seinen Gewinn erhöhen. An solchen Konflikten zwischen moralischem Anspruch und eigenem Vorteil wollten die Forschenden beobachten, wie Menschen entscheiden.
Im Anschluss sollten die Teilnehmer angeben, wie moralisch sie ihr eigenes Verhalten fanden. Auf einer Skala reichte das Urteil von „äußerst unmoralisch“ bis „äußerst moralisch“. Danach bewerteten sie andere Personen, die dieselbe Aufgabe bearbeitet hatten. Mitautor Xiaochu Zhang von der University of Science and Technology of China sagt, man habe verstehen wollen, warum sich das Wissen darüber, was richtig sei, „nicht immer in entsprechendem Handeln niederschlägt“.
Entscheidend war für die Studie der Vergleich zwischen Selbst- und Fremdbewertung. Für die Forschenden zeigte sich moralische Konsistenz daran, ob die Teilnehmer bei sich selbst dieselben Maßstäbe anlegten wie bei anderen. Wer das eigene Verhalten und das Verhalten anderer nach denselben Regeln beurteilt, misst mit demselben moralischen Maß. Wer für sich selbst nachsichtiger urteilt als für andere, gerät in den Bereich der Doppelmoral.
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Moral im Gehirn: Welche Hirnregion dabei wichtig ist
Um diese Vorgänge im Gehirn sichtbar zu machen, nutzte das Team die funktionelle Magnetresonanztomografie, kurz fMRT. Mit diesem Verfahren kann gemessen werden, welche Hirnbereiche bei bestimmten Aufgaben besonders aktiv sind. So konnten die Forschenden beobachten, was im Kopf der Teilnehmer passierte, während sie zwischen Ehrlichkeit und Vorteil abwogen und ihr Verhalten später moralisch einordneten.
Besonders auffällig war dabei eine Region: der ventromediale präfrontale Kortex, kurz vmPFC. Dabei handelt es sich um einen Bereich im vorderen Teil des Gehirns hinter der Stirn. Er spielt eine wichtige Rolle bei Entscheidungen, bei der Verarbeitung von Gefühlen und bei der Frage, wie Menschen moralische Situationen bewerten.
Laut der Studie zeigten Menschen, die sich selbst und andere nach denselben Maßstäben beurteilten, in diesem Bereich ähnliche Aktivitätsmuster – sowohl während ihres Handelns als auch bei der späteren Bewertung. Bei Teilnehmern mit inkonsistenten Urteilen war das anders: Dort unterschieden sich die Muster deutlich. Das deutet darauf hin, dass moralisches Wissen im Gehirn zwar vorhanden ist, aber nicht immer in gleicher Weise auf das eigene Handeln angewendet wird.
Hinzu kam ein weiterer Befund: Bei inkonsistenten Teilnehmern arbeitete der vmPFC schwächer mit Hirnregionen zusammen, die Informationen über Gewinn und Unehrlichkeit verarbeiten. Vereinfacht gesagt: Genau dort, wo moralische Maßstäbe mit dem eigenen Vorteil abgeglichen werden müssten, scheint die innere Abstimmung schlechter zu funktionieren.
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Moralisches Wissen: Warum es das Verhalten nicht immer steuert
Nach dem ersten Befund blieb die entscheidende Frage offen: Beobachteten die Forschenden hier nur einen Zusammenhang, oder spielte diese Hirnregion tatsächlich eine ursächliche Rolle? Um das zu klären, griff das Team in einer zweiten Untersuchung direkt ein. Mit einem nichtinvasiven Verfahren stimulierten die Forschenden den vmPFC gezielt über Elektroden auf der Kopfhaut. Danach bearbeiteten die Probanden dieselben Aufgaben erneut. Das Ergebnis war laut Studie auffällig: Teilnehmer, deren vmPFC angeregt worden war, verhielten sich anschließend moralisch konsistenter.
Für Zhang ist das ein Hinweis darauf, dass moralische Konsistenz ein „aktiver biologischer Prozess“ ist. Ein moralischer Mensch zu sein, bedeute demnach nicht nur, moralische Prinzipien zu kennen. Das Gehirn müsse dieses Wissen auch in Verhalten übersetzen. Und genau an dieser Übersetzung könne es scheitern.
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Damit blieb noch eine weitere Möglichkeit zu prüfen: Vielleicht hatten inkonsistente Teilnehmer ihre moralischen Maßstäbe in der konkreten Situation bloß kurzfristig aus dem Blick verloren. Doch das legen die Daten eher nicht nahe. In einer anderen Hirnregion, dem dorsomedialen präfrontalen Kortex, kurz dmPFC, ließ sich moralisches Wissen bei allen Teilnehmern nachweisen – auch bei jenen, die sich inkonsistent verhielten. Diesen Bereich beschreiben die Forschenden als eine Art Repräsentation moralischer Prinzipien im Gehirn. Das Wissen war also da. Es wirkte nur im entscheidenden Moment nicht auf das Verhalten ein.
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Die Forschenden betonen ausdrücklich, dass ihre Ergebnisse Doppelmoral nicht entschuldigen sollen. Wer gegen die eigenen Maßstäbe handelt, ist damit nicht von Verantwortung befreit. Denn nach Lesart der Studie wissen Menschen sehr wohl, was nach gängigen Maßstäben richtig wäre. „Personen, die moralische Inkonsistenz zeigen, sind nicht unbedingt blind für ihre eigenen moralischen Prinzipien; sie versagen lediglich biologisch dabei, diese in ihrem eigenen moralischen Verhalten zu berücksichtigen und anzuwenden“, sagt Zhang.
