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⇱ Geschichte: Schlacht von Hastings – War der Gewaltmarsch nur ein Mythos?


Funke Mediengruppe
Englands Geschichte wankt

Schlacht von Hastings: Historiker sät Zweifel am Mythos vom Gewaltmarsch

Berlin. Die Geschichte ist berühmt: König Harold soll mit seinem Heer nach Hastings marschiert sein. Doch ein Historiker zweifelt daran.
Von Eileen Wagner
Die Schlacht von Hastings gilt als Wendepunkt der englischen Geschichte. Nun stellt ein Historiker die berühmte Erzählung vom Gewaltmarsch König Harolds infrage. © Alamy Stock Photo | Alamy Stock Photo

Die Niederlage von König Harold II. in der Schlacht von Hastings gilt als Wendepunkt der englischen Geschichte. Als Harold im Oktober 1066 fiel und Wilhelm, Herzog der Normandie, die Krone übernahm, begann eine neue Epoche. Lange schien auch klar, warum es dazu kam: Harold habe sich mit einem schweren strategischen Fehler selbst geschwächt. Doch dieses Bild gerät nun ins Wanken.

Der Historiker Tom Licence von der University of East Anglia kommt nach neuen Recherchen zu einem anderen Schluss. Wie die „BBC“ berichtet, hält er den berühmten Gewaltmarsch des englischen Heeres für einen Irrtum. Nicht ein erschöpfter König, der seine Männer rücksichtslos nach Süden trieb, habe bei Hastings gekämpft, sondern womöglich ein Herrscher, der planvoll vorging.

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Geschichte: König Harold II. und die Schlacht von Hastings

Wer die neue These verstehen will, muss sich jene Erzählung ansehen, die jahrzehntelang als nahezu unantastbar galt: Bevor Harold den Normannen gegenüberstand, hatte er im Norden Englands bereits eine Invasion abzuwehren. Im September 1066 landeten norwegische Truppen an der Küste, Harold zog ihnen mit seinem Heer entgegen. In der Schlacht von Stamford Bridge besiegte er die Angreifer und tötete den norwegischen König Harald III.

Kaum war diese Gefahr gebannt, erreichte ihn die nächste Nachricht: Wilhelm von der Normandie war mit seinen Truppen im Süden, in Sussex, gelandet. Harold stand damit vor einer zweiten, womöglich noch größeren Bedrohung. Nach der überlieferten Version blieb ihm keine Zeit zur Erholung. Er habe seine Männer sofort wieder in Bewegung gesetzt und sei in nur zehn Tagen rund 320 Kilometer nach Süden marschiert, um sich Wilhelm entgegenzustellen.

Gerade dieser Marsch wurde später zum Kern der Geschichte. Er lieferte die Erklärung dafür, warum die Engländer trotz erbitterter Gegenwehr am Ende unterlagen: Das Heer galt als erschöpft, ausgelaugt und den Normannen militärisch unterlegen. Dass Harold dennoch beinahe gesiegt haben soll, verlieh der Erzählung zusätzliche Wucht. Erst als die normannischen Linien standhielten und der König – der Überlieferung nach von einem Pfeil ins Auge getroffen – fiel, brach der englische Widerstand zusammen.

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Schlacht von Hastings: Historiker widerspricht dem Mythos vom Gewaltmarsch

Tom Licence hält die überlieferte Erzählung vom erschöpften König, der sein Heer in einem Gewaltmarsch nach Süden treibt, für falsch. Gegenüber der „BBC“ sagt er, Harolds Feldzug sei „keine verzweifelte Gewaltanstrengung quer durch England“ gewesen, sondern eine „kluge Land-See-Operation“. Gemeint ist damit ein militärisches Vorgehen, bei dem Truppen nicht nur über Land, sondern zugleich auch mit Schiffen bewegt und versorgt werden. Der heroische Marsch, so Licence, sei keine gesicherte historische Tatsache, sondern eine Erfindung des 19. Jahrhunderts.

Damit verschiebt sich auch der Blick auf Harold selbst. Aus Sicht des Historikers wurde der englische König über lange Zeit falsch dargestellt: nicht als Stratege, sondern als Getriebener, der seine Männer überhastet in die Entscheidungsschlacht führte.

Schlacht von Hastings: Wie das Missverständnis um Harolds Flotte entstand

Den Ausgangspunkt für diesen Irrtum sieht Licence offenbar in einem missverstandenen Satz der angelsächsischen Chronik, einer der wichtigsten mittelalterlichen Quellen für das Jahr 1066. Dort heißt es, die Schiffe seien „heimgekommen“. Spätere Historiker deuteten diese Stelle so, als habe Harold seine Flotte nach dem Sieg im Norden aufgelöst und nach Hause geschickt. Wenn das zuträfe, hätte er seine Armee tatsächlich nur noch auf dem Landweg nach Süden führen können.

Licence hat jedoch weitere zeitgenössische Quellen ausgewertet und ist dabei auf ein anderes Bild gestoßen. Mehrere Autoren jener Zeit erwähnten demnach Schiffe, die nach Süden entsandt worden seien, um den Normannen entgegenzutreten. Zudem gebe es, wie der Historiker sagt, in den zeitgenössischen Berichten keinen klaren Beleg für den angeblichen Gewaltmarsch. Er habe gezielt nach Spuren dafür gesucht, nach eigenen Worten aber keinen einzigen direkten Hinweis gefunden.

Auch unabhängig von der Quellenlage wirkt die alte Version wenig überzeugend. Rund 320 Kilometer in zehn Tagen, über schlechte Wege und unmittelbar nach einer großen Schlacht im Norden: Das wäre selbst für ausgeruhte Truppen schwer zu bewältigen gewesen. Für Männer, die gerade erst gekämpft hatten, umso mehr. Licence argumentiert deshalb, kein vernünftiger Feldherr würde seine Armee zu Fuß durchs Land schicken, wenn Schiffe zur Verfügung stünden. Damit spricht vieles dafür, dass nicht Harold einen folgenschweren Fehler beging, sondern spätere Historiker eine Quelle falsch lasen.

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König Harold II.: War er doch ein kluger Stratege?

Wenn sich diese Sicht durchsetzt, verändert das den Blick auf Harold II. grundlegend. Dann erscheint er nicht mehr als überforderter König, der unter Zeitdruck falsch reagierte, sondern als Stratege, der Landtruppen und Flotte für eine koordinierte Verteidigung einsetzen wollte. Die Niederlage von Hastings wäre dann nicht mehr nur das Ende eines erschöpften Heeres, sondern das Scheitern eines Plans, der durchdachter war als lange angenommen.

Unterstützung bekommt Licence dabei von Roy Porter von English Heritage, dem Kurator des Schlachtfelds von Hastings. In einer Pressemitteilung der University of East Anglia sagt Porter, vieles, was man über Harolds frühere Feldzüge wisse, passe zu der Annahme, dass er Schiffe für den Transport von Soldaten und zur Bedrohung Wilhelms eingesetzt habe. Auch in normannischen Überlieferungen fänden sich Hinweise darauf, dass Harold Wilhelm von zwei Seiten zugleich unter Druck setzen wollte.

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Doch dieser Plan ging offenbar nicht auf. Nach der neuen Deutung traf die angelsächsische Flotte zu spät ein. So konnten die Normannen die Entscheidung auf dem Schlachtfeld erzwingen, bevor Harolds Verteidigung vollständig stand. Harold fiel im Kampf, seine Brüder starben ebenfalls, und für Wilhelm war der Weg zum englischen Thron frei.

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