Experte erklärt Lungenkrebs-Screening: „Haben Menschen das Leben gerettet“
Die Lungenkrebs-Früherkennung kommt. Ab April können sich aktive und ehemalige starke Raucherinnen und Raucher im Alter zwischen 50 und 75 Jahren auf Kosten ihrer Krankenkasse alle zwölf Monate per Computertomografie (CT) untersuchen lassen. Experte Prof. Christian Taube (55) erklärt, warum Anspruchsberechtigte diese Chance ergreifen sollten und wie hoch die Chance ist, Lungenkrebs im Frühstadium zu heilen.
Herr Taube, Raucherinnen und Raucher haben sich den Griff zur Zigarette selbst ausgesucht. Warum muss die Gemeinschaft der Beitragszahler die Kosten der Lungenkrebs-Früherkennung bezahlen? Allein die Radiologen erhalten für jedes Screening von den Kassen etwa 100 Euro.
Christian Taube: Rauchen ist als Sucht zu sehen, eine Krankheit. Wir dürfen den Menschen eine vielleicht lebensrettende Maßnahme nicht vorenthalten. Und bei der Kostendiskussion müssen wir im Hinterkopf behalten: Die Behandlung eines fortgeschrittenen Lungenkrebses ist durch eine Immuntherapie, durch Chemotherapie oder die Medikamente extrem teuer. Das belastet das Gesundheitssystem erheblich. Es ist also möglich, dass durch Früherkennung und die rechtzeitige Krebsbehandlung sowohl die direkten als auch die indirekten Kosten im Gesundheitssystem sinken.
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Lungenkrebs: Risiko steigt mit der Anzahl der gerauchten Zigaretten
Wann ist für Raucher und Ex-Raucher das Krebsrisiko am höchsten?
Das Risiko steigt insbesondere mit der Anzahl der gerauchten Zigaretten erheblich an. Es ist aber auch so, dass Menschen, die wenig rauchen oder geraucht haben, an Lungenkrebs erkranken können. Mit dem Rauchstopp sinkt natürlich das Risiko, es geht aber nie auf das Niveau eines Menschen zurück, der nie geraucht hat.
Wer wenig raucht oder vor mehr als zehn Jahren aufgehört hat, bekommt keine Früherkennung.
Irgendwo musste man die Grenze ziehen. Und gerade nach zehn Jahren ist das Risiko schon deutlich reduziert.
Aber selbst ehemalige Raucher, bei denen der Rauchstopp elf oder über 15 Jahre zurücklag, hatten laut einer Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) mit etwa 60 bis 67 Jahren wieder das Risiko starker Raucher ohne Rauchstopp erreicht.
Auch bei ehemaligen starken Rauchern, deren Rauchstopp elf bis 15 oder sogar mehr als 15 Jahre zurückliegt, kann das Lungenkrebsrisiko im höheren Alter wieder ein Niveau erreichen, bei dem ein Screening sinnvoll sein könnte. Eine aktuelle DKFZ-Studie spricht deshalb dafür, die bisherigen starren Einschlusskriterien für das Lungenkrebs-Screening künftig risikoadaptiert weiterzuentwickeln.
Viele Betroffene können langfristig tumorfrei werden
Warum ist Lungenkrebs bei Männern und Frauen die tödlichste bösartige Erkrankung?
Die Tumorart kommt häufig vor, es gibt etwa 57.000 Neuerkrankungen pro Jahr. Der Tumor ist sehr aggressiv und wird zum jetzigen Zeitpunkt erst spät erkannt. Wenn Symptome da sind – Husten, Bluthusten oder Luftnot etwa –, ist der Krebs meist weit fortgeschritten. Und er ist dann in einem Stadium, in dem er nicht mehr heilbar ist. Häufig haben sich dann auch schon Absiedlungen in anderen Organen gebildet.
Und wenn der Tumor früh erkannt wird?
Die Früherkennung ermöglicht es, Lungenkrebs in einem sehr frühen Stadium zu entdecken und oft operativ zu behandeln. In diesen frühen Stadien können viele Betroffene langfristig tumorfrei werden. Die Fünf-Jahres-Überlebensrate liegt je nach Stadium bei etwa 60 bis 80 Prozent und kann bei sehr kleinen Tumoren auch über 90 Prozent erreichen.
Der Weg zur Vorsorge
Sie haben das Screening in Essen getestet. Wie sind Ihre Erfahrungen?
Wir haben mehrere Menschen identifiziert, bei denen wir einen Tumor frühzeitig erkannt haben. Sie hatten keinerlei Beschwerden. Man kann vermuten, dass sie ohne Screening irgendwann mit einem weit fortgeschrittenen Tumor zum Arzt gegangen wären. Wir haben das Leben dieser Menschen gerettet.
Was passiert denn nach einem auffälligen Befund?
Bei positiven Befunden gibt es bestimmte Risikokriterien. Besteht wirklich ein Verdacht auf Lungenkrebs, wird der Befund von einem zweiten Experten begutachtet. Sieht auch dieser Auffälligkeiten, müssen die Patienten an ein spezialisiertes Lungenkrebs-Zentrum überwiesen werden.
Es gibt ein Risiko falsch-positiver Befunde und von Überdiagnosen
Wie sind die Risiken des Screenings?
Bei den Untersuchungen gibt es eine Strahlenbelastung. Und eine häufige Strahlenbelastung birgt auch ein gewisses Risiko für die Entwicklung von bösartigen Erkrankungen. Die Modellrechnungen aber sagen: Weniger als drei von 1000 Frauen und etwa einer von 1000 Männern entwickeln aufgrund der Strahlenbelastung des Screenings eine bösartige Erkrankung. Dem stehen fünf von 1000 Frauen und sechs von 1000 Männern gegenüber, die durch das Screening vor dem Tod durch Lungenkrebs bewahrt werden könnten. Die Vorteile des Screenings stechen die möglichen Nachteile aus.
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Wie oft gab es bei Ihnen Krebsbefunde, die Menschen in Sorge versetzt, sich aber als falsch erwiesen haben?
Wie alle Screening-Programme birgt auch das Lungenkrebs-Screening das Risiko falsch-positiver Befunde und von Überdiagnosen. Überdiagnosen bedeuten, dass Tumoren entdeckt werden, die ohne Früherkennung vermutlich nie klinisch relevant geworden wären und die Lebenserwartung nicht beeinträchtigt hätten. Das kann zu unnötigen Behandlungen führen.
In der Nelson-Studie lag die eigentliche Falsch-Positiv-Rate insgesamt bei rund 1,2 Prozent. Eine Befundung durch erfahrene, auf Lungenbildgebung spezialisierte Radiologinnen und Radiologen ist deshalb besonders wichtig, um Auffälligkeiten korrekt einzuordnen.
Macht es denn wirklich Sinn, auch aktive Raucher ins Screening zu schicken?
Ja, denn auch bei ihnen werden Tumore früh erkannt. Vonseiten der Fachgesellschaft der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin, deren Präsident ich bin, fordern wir aber, das Lungenkrebs-Screening bei aktiven Rauchern eng mit der Rauchentwöhnung zu verbinden. Denn es ist ein idealer Zeitpunkt. Menschen, die zum Screening gehen, beschäftigen sich schließlich mit ihrer Gesundheit.
Warum rauchen eigentlich noch immer so viele Menschen in Deutschland? Laut Bundesgesundheitsministerium sind es elf bis zwölf Millionen.
Beim Kampf gegen das Rauchen durch gesetzliche Maßnahmen liegt Deutschland in Europa auf den hinteren Plätzen. Bei vielen der von uns geforderten Maßnahmen bei Besteuerung oder Zugänglichkeit von Tabakprodukten gibt es Probleme mit der Umsetzung. Ich glaube, da brauchen wir noch mehr politische Diskussionen und auch mehr Druck.
