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⇱ Blasenkrebs: Karl bemerkte Blut im Urin – „An Krebs habe ich nicht gedacht“


Funke Mediengruppe
Tumor an der Blase

Karl bemerkt eines Morgens Blut im Urin: „An Krebs habe ich nicht gedacht“

Braunschweig. Als Karl Repke verdächtige Symptome feststellt, handelt er sofort. Diagnose: Blasenkrebs. Heute kämpfen er und sein Arzt für Aufklärung.
Von Mandy Falke
Karl Repke erhielt 2012 die Diagnose Blasenkrebs. Heute setzt er sich für Aufklärung ein. © FMG | Claudia Krahne

„Am Abend war meine Welt noch in Ordnung“, sagt Karl Repke. Als er am nächsten Morgen im Jahr 2012 aufsteht, bemerkt er Blut im Urin. „Da bin ich doch stutzig geworden“, erzählt der heute 76-jährige Braunschweiger. Der ehemalige Bankkaufmann ist mit einem Kollegen auf Geschäftsreise. Beim Frühstück isst er sein Brötchen, trinkt Orangensaft und berichtet ihm davon. „Lass das lieber noch heute abklären“, rät sein Geschäftspartner. Schon um 11 Uhr sitzt Repke in der Arztpraxis.

„Das ist ein sehr vorbildliches Verhalten“, sagt Prof. Dr. Peter Hammerer. „Blut im Urin ohne erkennbare Ursache ist ein Warnzeichen und muss immer abgeklärt werden.“ Hammerer ist Chefarzt der Urologie und Uroonkologie am Städtischen Klinikum Braunschweig sowie Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Urologische Onkologie der Deutschen Krebsgesellschaft. Blut im Urin kann auch harmlose Ursachen haben, etwa bestimmte Medikamente, eine vergrößerte Prostata oder eine Blasenentzündung. „Tückisch ist, dass Blut im Urin bei Blasenkrebs in der Regel keine Schmerzen verursacht“, erläutert Hammerer. So war es auch bei Repke. „Ich hatte keine Schmerzen. An Krebs habe ich nicht gedacht – ich ging davon aus, dass Blasenkrebs wehtut.“

Diagnose Blasenkrebs: „Wird er früh erkannt, ist die Prognose oft gut“

Der Hausarzt überweist ihn zum Urologen. Drei Tage später folgt eine Blasenspiegelung mit Entnahme von Gewebeproben. „Das war schon unangenehm, aber aushaltbar“, schildert Repke. Der eigentliche Schock kommt kurz darauf. „Ich lag im Zimmer, da kam der Arzt mit einem Stapel Papiere herein. Da wusste ich es schon“, sagt Repke.

Rund 23.000 Männer und 8.000 Frauen erkranken in Deutschland jedes Jahr an Blasenkrebs. Bei Männern tritt die Erkrankung etwa dreimal so häufig auf. Die meisten Betroffenen sind zwischen 65 und 75 Jahre alt. „Es gibt aber auch jüngere Patienten, auch wenn das selten ist“, sagt Hammerer. Sein jüngster Blasenkrebspatient war 21 Jahre alt.

„Wird der Tumor früh erkannt, ist die Prognose oft gut, und die Blase kann häufig erhalten werden. Ist er bereits in die Muskelschicht der Blase eingewachsen, handelt es sich um eine fortgeschrittene Erkrankung. Das verschlechtert die Prognose“, so der Experte.

Prof. Dr. Peter Hammerer ist Chefarzt der Urologie und Uroonkologie am Städtischen Klinikum Braunschweig. © FMG | Claudia Krahne

Betroffener erhielt Stoma: Ein anderer Patient machte ihm Mut

Auch bei Repke war der etwa walnussgroße Tumor bereits in die Muskelschicht eingewachsen. Bei früh erkannten Tumoren reichen oft schonendere Behandlungen aus. Repke stand dagegen vor einer grundlegenden Entscheidung: eine Neoblase, bei der aus Darmgewebe eine neue Harnblase geformt wird, oder ein Stoma, bei dem der Urin dauerhaft über eine Öffnung in der Bauchdecke in einen Beutel abgeleitet wird.

„Ich habe mich für das Stoma entschieden, weil mehrere medizinische Faktoren dafür sprachen“, sagt Repke. In einer Operation wurden Blase und Prostata entfernt. Am nächsten Tag stand Hammerer an seinem Bett. „Ich habe Ihnen ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk zu machen: Wir konnten den Tumor vollständig entfernen“, erinnert sich Repke an die Worte des Professors.

Für das Stoma entnahmen die Ärzte Repke rund 15 Zentimeter Dünndarm. An dieses Darmstück wurden die Harnleiter angeschlossen. Es wird durch die Bauchdecke nach außen geführt und mit einem Beutel verbunden, der den Urin auffängt. „Das war anfangs eine Umstellung, auch weil der Beutel nur etwa 450 Milliliter fasst und man keinen Harndrang mehr verspürt“, sagt Repke. In der Anfangszeit passierte auch mal ein Missgeschick. Dann waren eben Hemd oder Hose nass. „Emotional hatte ich daran schon zu knabbern. Aber dann traf ich auf dem Flur einen Patienten, der seit 35 Jahren mit einem Stoma lebt. Da dachte ich: Wenn der damit gut lebt, kann ich das auch.“

Ab April Kassenleistung:

Alltag mit Blasenstoma: „Das ist Gewöhnungssache“

Und genau das tat er. „Meine Frau und ich haben in den vergangenen Jahren mehr als 50 Reisen gemacht – Antarktis, Arktis, Grönland …“, zählt er auf. „Auch mit einem Blasenstoma kann man schwimmen, reisen und seinen Alltag gut bewältigen.“ Etwa alle drei Stunden muss er den Beutel entleeren. „Das ist Gewöhnungssache. Und der Preis für mein neues Leben. Den zahle ich gern.“

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Nach der Diagnose hört Repke abrupt mit dem Rauchen auf – nach 40 Jahren von einem Tag auf den anderen. „Das war wirklich schwer, aber ich habe mir geschworen: Es ist fünf vor zwölf – jetzt reiße ich mich zusammen“, sagt er. Noch heute geht der Braunschweiger alle sechs Monate zur Nachsorge.

Rauchen erhöht das Risiko für Blasenkrebs deutlich

„Rauchen ist einer der bedeutendsten Risikofaktoren für Blasenkrebs“, erklärt Hammerer. „Viele denken dabei zuerst an Lungenkrebs. Die Schadstoffe werden jedoch über die Nieren gefiltert und gelangen in die Blase.“ Dort greifen sie die Schleimhaut direkt an. „Zu den weiteren Risikofaktoren gehören bestimmte Berufe, in denen Menschen Schadstoffen ausgesetzt sind, etwa bei der Arbeit mit Chemikalien oder Ruß“, sagt Hammerer.

Prof. Dr. Peter Hammerer und Karl Repke klären gemeinsam über das Thema Blasenkrebs auf. © FMG | Claudia Krahne

Auch der Lebensstil spiele eine Rolle. Wer sich regelmäßig bewege, ausgewogen ernähre und Alkohol nur maßvoll konsumiere, könne sein allgemeines Krebsrisiko senken. Der Urologe bringt es einfach auf den Punkt: „Wir haben nur diesen einen Körper. Und um den sollten wir uns kümmern.“

Für Repke stand schnell fest, dass er mit der Situation nicht alleinbleiben will. „Allein durch so eine Diagnose zu gehen, ist keine Option – ohne Austausch geht man daran kaputt“, sagt er. Gemeinsam mit Hammerer gründete er in Braunschweig eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Blasenkrebs und engagiert sich zusätzlich bei der Patientenorganisation yeswecan!cer. „Dort sitze ich mit 16 weiteren Betroffenen im Patientenbeirat, dem sogenannten YesCouncil“, sagt er.

Umgang mit der Krankheit: „Scham spielt eine große Rolle“

Nach seiner Diagnose holte Repke seine Familie an einen Tisch und sprach offen über die Erkrankung. „Über Blasenkrebs muss doch gesprochen werden“, bekräftigt er. Heute setzt er sich gemeinsam mit Hammerer dafür ein, die Krankheit aus der Tabuzone zu holen. Dass Aufklärung dringend nötig ist, erlebt Hammerer im Klinikalltag immer wieder. Männer und Frauen gehen seiner Erfahrung nach oft zu spät zum Arzt. „Manche sehen Blut im Urin und verdrängen es. Andere sehen es und handeln sofort“, sagt er. Gerade bei Frauen werde Blut im Urin jedoch häufiger zunächst als Blasenentzündung eingeordnet. Dadurch werde das wichtigste Warnzeichen mitunter unterschätzt.

Über yeswecan!cer

yeswecan!cer ist eine gemeinwohlorientierte Organisation, die 2018 von Betroffenen ins Leben gerufen wurde. Wir stärken Menschen mit Krebs, vernetzen sie und machen ihre Stimmen sichtbar. Dafür schaffen wir einen offenen, angstfreien Austausch und bringen Betroffene mit Fachleuten aus Medizin, Forschung, Therapie und Politik ins Gespräch.

Ein Schwerpunkt ist die tabufreie Aufklärung, auch zur Prävention von Blasenkrebs. Wir zeigen verständlich, wie Risiken erkannt und reduziert werden können, um Bewusstsein und Früherkennung zu verbessern. Achte auf Warnsignale wie Blut im Urin oder anhaltende Beschwerden beim Wasserlassen und lass sie frühzeitig ärztlich abklären. Alle Infos unter:

Hinzu komme, dass viele Betroffene die Untersuchung als unangenehm empfänden. „Da spielt Scham eine große Rolle“, erklärt Hammerer. „Aber wir machen das jeden Tag. Für uns ist das Routine.“ Die Untersuchungen seien meist schnell vorbei und weniger belastend, als viele befürchteten. „Die Angst davor ist oft größer als das, was tatsächlich passiert.“

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