Olympia-Gold – und nun? Sonja Greinacher und die Karriere nach der Karriere
Es waren Bilder, die um die Welt gingen: Die vier Basketballerinnen blicken sich noch ungläubig an, während auf dem Place de la Concorde tosender Applaus erklingt. Das deutsche 3x3-Team hat sich 2024 in Paris zu den ersten Olympiasiegerinnen ihrer Sportart gekürt. Was die Essenerin Sonja Greinacher in dem Moment noch nicht weiß: Es sollte das letzte Spiel ihrer Karriere sein. Das Basketballtrikot bleibt im Schrank, stattdessen trägt die 33-Jährige mittlerweile Alltags- oder Businessdress. Statt auf dem Feld steht sie inzwischen immer öfter in Klassenräumen und auf Bühnen. Wie hat sich das Leben der Olympiasiegerin verändert? Was kommt nach dem größten sportlichen Erfolg? Ein Gespräch über ihr Leben danach.
Frau Greinacher, wie hat sich Ihr Leben seit dem Olympiasieg verändert?
Sonja Greinacher: Sehr stark, würde ich sagen. Auch durch die ganzen Veranstaltungen und Events, die danach kamen. Eine olympische Goldmedaille hat eine riesengroße Reichweite: Vor Paris war 3x3-Basketball noch sehr unbekannt und in den Kinderschuhen. Seitdem gab es einen Push.
Auch Sie selbst standen im Fokus, waren im Fernsehen zu sehen und im Radio zu hören. Wie war das für Sie?
Es war anfangs mit Sicherheit ungewohnt. Besonders auf den Veranstaltungen, wo dann auf einmal alle deutschen Promis eingeladen waren: Bild 100, Sportschau, Sportstudio, „Menschen, Bilder, Emotionen“ – die ganzen Formate. Auf einmal wissen die Leute, wer man ist und was man gemacht hat. Aber es bietet auch sehr viel Abwechslung und macht natürlich Spaß, überall dabei sein zu dürfen.
Wann haben Sie realisiert: Wir sind die ersten Olympiasiegerinnen in dieser Sportart?
Das hat ein paar Wochen gedauert. Wir wurden in Hannover am Flughafen empfangen, dann ging es direkt weiter. So richtig heruntergekommen ist man dann erst Wochen später. Aber so langsam setzt es dann ein.
Auch welche Bedeutung dieser Triumph hat?
Ja, genau. Früher hat man zu den Athletinnen und Athleten aufgeschaut. Nicht mal, weil sie eine Medaille geholt haben, sondern einfach schon, weil sie bei Olympia dabei waren. Das war so weit weg. Und jetzt hat man einfach so eine Medaille.
Und, Sie sagten es bereits, damit auch einer Sportart aus den Kinderschuhen zu mehr Sichtbarkeit verholfen.
Das ist etwas Schönes und war auch ein wenig unser Ziel. Wir haben uns in diese Sportart verliebt, die ist auch für die Zuschauer sehr unterhaltsam ist. Aber es gibt viel zu tun.
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Inwiefern?
Es gibt noch keinen nationalen Ligabetrieb beispielsweise. Die Strukturen müssen erst noch aufgebaut werden, das dauert seine Zeit.
Sie mussten sich vor den Paris-Spielen zwischen 3×3 und 5 gegen 5 entscheiden. Im Nachhinein war es sicherlich die richtige Entscheidung, aber wie schwer fiel es wirklich?
Es war tatsächlich schwieriger. Eine komplette Risikoentscheidung war schon allein, dieses Projekt anzufangen. 2021 war eine Risikoentscheidung. Die 5-gegen-5-Frauen-Nationalmannschaft ist 2024 in der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele mit den Männern im Privatflieger von Berlin nach London zu einem Länderspiel geflogen. Von solchen Bedingungen sind wir mit dem 3x3-Team meilenweit weg gewesen. Und auch finanziell war es ein großes Risiko. Ich habe ein Drittel von dem verdient, was ich vorher beim Verein bekommen habe.
Ein Faktor für Ihre Entscheidung war sicherlich Svenja Brunkhorst.
Ja. Wir sind beste Freundinnen, haben alle Nationalmannschaften zusammen durchlaufen und mussten uns beide entscheiden. Svenja hat mehr zu 5 gegen 5 tendiert, ich mehr zu 3x3.
Getrennt zu Olympia zu fahren, war keine Option, oder?
Nein, es war ziemlich schnell klar: Wenn Olympia, dann nur zusammen. Und dann hat sie sich Gott sei Dank für 3x3 entschieden.
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Was hat sie am Ende überzeugt? Ihr Einfluss?
Unsere Freundschaft hatte da sicherlich einen Einfluss. Sie war immer noch Kapitänin beim 5 gegen 5, war Starting Point Guard.
Sind Sie am Jahrestag Ihres Olympiasieges nostalgisch geworden?
Wir hatten überlegt, ob wir wieder zusammen nach Paris fahren. Aber letztendlich hat das leider nicht geklappt. Das wollen wir auf jeden Fall nachholen. Irgendwann werden wir zu fünft wieder auf dem Place de la Concorde stehen. Unser Trainer Samir Suliman hat es sich nicht nehmen lassen und ist am Jahrestag hingefahren. Das war sehr emotional, da gab es Tausende Nachrichten am Tag. (lacht)
Gibt es eine WhatsApp-Gruppe der Olympiasiegerinnen?
Ja, die gibt es. Da ist zwar kein täglicher, aber ein regelmäßiger Austausch. Gelegentlich sieht man sich auch mal auf Events. Wir verfolgen natürlich, was die anderen machen.
Ein Olympiasieg ist das Größte für Sportlerinnen und Sportler. Wie kann es danach weitergehen?
Das ist super schwierig. Bei mir war schon vor Olympia klar, dass ich aufhören werde. Ich wusste nur nicht so genau, wann. Letztendlich war es mein letztes Turnier und der perfekte Zeitpunkt. Aber für jüngere Spielerinnen wie Elisa Mevius und Marie Reichardt, die jetzt jedes Jahr noch eine EM oder WM spielen, ist das herausfordernd. Da muss man sich, glaube ich, echt wieder kleine Ziele aufbauen. Olympia ist mit nichts vergleichbar. Man hat die Erwartung, dass es jedes Mal so geil wird. Wird es aber nicht.
Sie haben sich neben Ihrer Profikarriere ein zweites Standbein aufgebaut und ein Psychologie-Studium abgeschlossen. Wie kam es zu der Entscheidung?
Tatsächlich auch durch den Basketball. Während meiner Zeit in der U16-Nationalmannschaft waren zwei Mädels dabei, die eine Essstörung entwickelt haben. Da hat es angefangen, dass ich mich für Psychologie interessiert habe und das Themenfeld spannend fand. Als ich in den USA am College war, gab es keinen Numerus Clausus, ich konnte direkt das Studium beginnen. Dort habe ich dann meinen Bachelor gemacht, musste ihn in Deutschland allerdings wiederholen.
Wieso das?
In den USA ist der Psychologie-Bachelor ein Bachelor of Arts, hier ein Bachelor of Science. So wurde mir nur ein Jahr anerkannt, zwei musste ich noch einmal nachholen.
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Hat Ihnen der Abschluss in klinischer Psychologie während Ihrer aktiven Karriere geholfen?
Sportpsychologie ist noch einmal etwas komplett anderes. Ich hatte über viele Jahre einen Sportpsychologen, der auch ganz andere Techniken mit mir gemacht hat als das, was ich im Studium gelernt habe. Aber was mir wirklich geholfen hat, waren die Praktika.
Erklären Sie das bitte.
Ich habe an der MHH in Hannover ein Praktikum in der Psychosomatik gemacht und dort mit Patienten und Leuten gesprochen, die wirklich sehr schwierige Lebensgeschichten haben. Bei denen man wirklich denkt, dass man bei jedem Film, der so laufen würde, abschaltet, weil es so unrealistisch ist.
Und das hat Ihnen geholfen?
Ja, weil man einen anderen Blick und eine andere Perspektive bekommt. Auch auf Olympia beispielsweise. Natürlich trainiert man ein Leben lang dafür. Es ist Mist, so ein Spiel zu verlieren, das in dem Moment alles für einen bedeutet. Aber die Welt geht weiter, es ist nicht das Schlimmste. Das hat mir mehr Ruhe gegeben. Letztendlich durfte ich auf dem Place de la Concorde mit meinen drei besten Freundinnen Basketball vor 6000 Zuschauern spielen.
Nun ist der Basketball, zumindest der aktive Part, nach hinten gerutscht. Wie geht es bei Ihnen weiter?
Ich arbeite in Teilzeit in der Psychiatrie und habe noch ein paar Basketballprojekte am Laufen. In Essen ist beispielsweise beim ETB ein Mädchen-Basketball-Projekt gestartet, bei dem ich einmal in der Woche das Training leite. Ein wenig weiter in der Halle zu stehen, das brauche ich auch für mich. Ich möchte den Mädchen-Basketball weiter pushen und auch dabei helfen, 3x3 noch wachsen zu lassen. Da gibt es noch Luft nach oben.
Und auch als Dozentin sind Sie aktiv – zum Beispiel an der IST-Hochschule für Management in Düsseldorf.
Genau, ich bin als Dozentin der Weiterbildung Sport-Mentaltraining im Einsatz. Es ist toll, den Studierenden die vielfältigen Inhalte des Mentaltrainings in der Praxis vermitteln zu können. Zusätzlich bin ich als externer Speaker bei Firmen zu Gast. Damit habe ich gar nicht gerechnet, aber es macht sehr viel Spaß und man lernt ganz, ganz viele Bereiche und Leute kennen.
Wie viele Fragen müssen Sie während der Seminare zu Olympia beantworten?
Ich habe vor meinem ersten Seminar an der IST 30 Folien und ein wenig Theorie über die klinische Psychologie vorbereitet und ein paar Clips von Olympia herausgesucht. Am Ende kamen wir gar nicht durch die Folien, weil man einfach so viel über die Videos aus Paris gesprochen hat. Das ist natürlich mega cool.
