Biederer Auftritt, wackliges DFB-Team: Nationalelf ist noch lange nicht WM-reif
Gefeiert worden ist am Montagabend im Stuttgarter Stadion nur einer derjenigen, der gar nicht in der Startelf der deutschen Nationalmannschaft im zweiten März-Test gegen Ghana stand. Und viel mehr muss man derzeit wohl gar nicht über das DFB-Team wissen. Die Fans in der ausverkauften Arena riefen schon nach einer halben Stunde nach Deniz Undav. Als der Bankdrücker auf der Anzeigetafel eingeblendet wurde, grinste er über das gesamte Gesicht, winkte ins Publikum – und lieferte der Stürmer-Debatte neuen Zündstoff.
Vor allem auch, weil sich die Nationalelf nur drei Monate vor Beginn des Turniers in Nordamerika noch alles andere als reif für die Weltmeisterschaft zeigte. Sie gewann zwar 2:1 (1:0) gegen Ghana, weil selbstverständlich Joker Undav zum Siegtor traf (88.). Kai Havertz (45.+3, Handelfmeter) brachte die Nationalelf in Fürung, Abdul Fatawu (70.) erzielte den Ausgleich. Lust auf die WM machte die uninspirierte und am Ende auch defensiv-wacklige Vorstellung nicht. Nach den beiden März-Länderspielen ist klar: Vor Bundestrainer Julian Nagelsmann liegt noch eine Menge Arbeit.
Vier Änderungen in der DFB-Startelf
Nagelsmann hatte seine Mannschaft nach dem 4:3-Sieg in Basel gegen die Schweiz auf vier Positionen verändert. Alexander Nübel hütete in Bad Cannstatt das Tor für Stammkeeper Oliver Baumann. Das sei aber nicht als Torwart-Casting zu verstehen, wie Nagelsmann schon am Sonntag betonte, sondern sei eine Belohnung für die loyale Nummer zwei Nübel. Zudem brachte der Bundestrainer überraschend Premier-League-Rückkehrer Pascal Groß von Brighton & Hove Albion als Mittelfeld-Partner von Angelo Stiller statt Leon Goretzka. Nathaniel Brown ersetzte David Raum. Und Nick Woltemade durfte anstelle von Leroy Sané stürmen.
„Ich freue mich, dass ich das Vertrauen habe, auch wenn es im Verein gerade nicht so mit dem Toreschießen klappt“, sagte der Stürmer von Newcastle United. Gegen Ghana sollte Woltemade als mitspielender Angreifer mit Kai Havertz harmonieren. Für VfB-Publikumsliebling Undav blieb nur ein Platz auf der Bank. „Deniz hat viele gute Aktionen in der Liga, wenn der Gegner schon etwas müde ist“, erklärte Nagelsmann Undavs Joker-Rolle.
Ghanas Trainer Otto Addo, ehemaliger Bundesliga-Profi von Borussia Dortmund, hatte gefordert, dass seine Mannschaft aggressiv spielen müsse. Der Einsatz war den Westafrikanern von der ersten Minute an nicht abzusprechen, so wie sie über den triefend nassen Rasen im Stuttgarter Stadion grätschten. Auf der anderen Seite war nicht zu übersehen, dass zwischen beiden Verbänden mehr als 60 Ränge in der Weltrangliste liegen. Die DFB-Elf drückte. Der in der Schweiz famose Wirtz steckte durch auf Havertz, der legte ab auf Woltemade, doch dem 24-Jährigen blieb das Abschlusspech treu (4.). Zwei Minuten später zirkelte Wirtz einen Freistoß am rechten Pfosten vorbei – und das war es dann mit der Kreativität, die mit Wirtz stand und fiel.
Ghana setzt auf Konter und wird gefährlich
Die Partie wurde fahrig, die klaren Chancen fehlten auf deutscher Seite. Ghana setzte auf Konter und kam so fast zur Führung. Antonie Semenyo von Manchester City schaffte es bis zu Grundlinie, nach dessen Hereingabe musste Joshua Kimmich in höchster Not vor der Linie klären. Um dauerthaft gefährlich zu sein, fehlte dem WM-Teilnehmer die Qualität. Und die DFB-Elf? Jonathan Tah schoss drüber, nachdem Ghana-Torwart Benjamin Asare mal wieder durch den Strafraum segelte (31.). Das vermeintliche 1:0 von Wirtz wurde wegen Abseits nach Eingriff des Videoschiedsrichters zurückgenommen.
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Alles deutete auf ein biederes 0:0 hin. Dann aber blockte Jonas Adjetey einen Schuss von Angelo Stiller mit der Hand, Schiedsrichter Stuart Attwell zeigte nach VAR-Eingriff schließlich auf den Punkt. Havertz verwandelte sicher zum 1:0 – und verhinderte womöglich ein Pfeifkonzert zur Pause (45.+3).
Karl bringt Schwung, Ghana schockiert Deutschland
Für die zweite Hälfte brachte Nagelsmann dann neben Undav auch Bayern-Talent Lennart Karl und Antonio Rüdiger. Groß gab den ersten Torschuss ab (50.), Woltemade köpfte nach Karl-Flanke an die Latte (53.). Nun war etwas mehr Zug drin im deutschen Spiel, vor allem dank Karl.
Nach etwa einer Stunde tauschte Nagelsmann zwecks Belastungssteuerung vier weitere Male. Der Spielfluss litt darunter. Und dann stellten die Gäste plötzlich die Partie auf den Kopf. Deutschland offenbarte erneut Schwächen auf der rechten defensiven Außenbahn. Der gerade erst eingewechslte Abdul Fatawu drückte eine Hereingabe von Derrick Köhn platziert über die Linie (70.). Zuvor schoss bereits Kapitän Jordan Ayew ans Außennetz. Karl verpasste in perfekter Abschlussposition das Siegtor (86.). Dann erlöste Undav die Gastgeber mit seinem späten Tor.
