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Italien am Boden: „Jetzt müssen alle rausfliegen“

Rom. Italien verpasst erneut die WM und stürzt in tiefe Trauer. Die Folgen sind schon jetzt zu erkennen: Das fußballverrückte Land orientiert sich um – wenn alles so bleibt, wie es ist.
Von Claudio Palmieri
Italien am Boden: Pio Esposito und sein Team verpassen die WM. © dpa | Ferrari

Das Machtwort zum italienischen Fußball kam am Mittwochmittag von höchster Stelle. Sportminister Andrea Abodi hielt nach dem Aus der Azzurri im Play-off-Finale gegen Bosnien (2:5 nach Elfmeterschießen) fest, was viele Tifosi seit 2022 fordern – aber nie eintrat. „Es ist für alle offensichtlich, dass der italienische Fußball reformiert werden und dieser Prozess von einer Erneuerung an der Spitze der FIGC ausgehen muss“, ist im Statement aus Rom zu lesen.

Es tue ihm leid, daran zu denken, dass es eine „ganze Generation von Kindern und Jugendlichen“ gebe, die noch nicht das Gefühl kenne, „die Nationalmannschaft bei einer Fußball-Weltmeisterschaft spielen zu sehen“, teilte Abodi zudem mit. Der Sportminister griff damit jenen Gedanken auf, der in Italien rund um die Play-off-Spiele fast schon inflationär medial bespielt wurde – und der den Calcio jetzt endgültig vor eine Sinnkrise stellt. 2030 werden 16 Jahre seit Italiens letzter WM-Teilnahme vergangen sein. Was das bedeutet, zeigt das Beispiel Gianluigi Donnarumma. Der amtierende Welttorhüter des Jahres gab als 17-Jähriger sein Debüt im Tor des viermaligen Weltmeisters. Seinen WM-Einstand wird er nun mit 31 feiern. Vielleicht.

Ein „Weiter so“ soll es also nicht mehr geben nach der „dritten Apokalypse“, von der die Gazzetta dello Sport schreibt – nein, diesmal wirklich nicht. Nach Apokalypse eins (2017) und Apokalypse zwei (2022) hatte es einen lauten Aufschrei gegeben. Die erhofften Reformen im lahmenden Nachwuchssektor blieben jedoch aus – auch unter Verbandschef Gabriele Gravina, in dessen mehr als siebenjährige Amtszeit zwar der EM-Titel 2021 und die Zusage zur Ausrichtung der EM 2032 mit der Türkei fallen, die heimischen Talente aber weiter leiden.

In der Serie A liegt der Anteil an italienischen Spielern nur noch bei 32 Prozent. Auch der kurzfristige Erfolg bleibt mittlerweile aus. Spitzenreiter Inter Mailand, 2025 noch Champions-League-Finalist, scheiterte im Frühjahr in den Play-offs an Bodö/Glimt (1:3, 1:2). Als letzter italienischer Vertreter verabschiedete sich Atalanta Bergamo im Achtelfinale nach einem kumulierten 2:10 gegen den FC Bayern (1:6, 1:4). Apropos EM 2032: Videopräsentationen zu neuen Stadien hat mittlerweile fast jeder größere Fußballstandort des Landes parat. Von einer Umsetzung sind die allermeisten aber noch weit entfernt.

Zum Verzweifeln: (von links) Gianluigi Donnarumma, Nicolò Barella und Trainer Gennaro Gattuso. © dpa | Ferrari

Der Calcio hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Nachwuchshoffnungen wie Luca Reggiani, Samuele Inacio (BVB) oder Andrea Natali (Bayer Leverkusen) flüchteten nach Deutschland, wo Jugendarbeit einen besseren Ruf genießt. Die Geduld der Tifosi ist derweil endlich. Denn eigentlich erlebt Sport-Italien gerade goldene Zeiten. Am Sonntag feierte Kimi Antonelli in Suzuka seinen zweiten Grand-Prix-Sieg in Folge und setzte sich an die Spitze der Formel-1-WM. Marco Bezzecchi legte in Austin seinen fünften Start-Ziel-Sieg am Stück in der MotoGP nach. Den Abend krönte Tennis-Ass Jannik Sinner mit seinem Triumph bei den Miami Open – und einer schriftlichen Widmung für seine Kumpels auf einer TV-Kamera: „Bez Kimi Italia“. Italiens Davis-Cup-Team dominiert mittlerweile auch ohne Sinner. Die Volleyballerinnen und Volleyballer gewannen auf Klub- und Nationalteam-Ebene zuletzt alles, was es zu gewinnen gab. Bei den Olympischen Winterspielen in Mailand und Cortina sammelten Federica Brignone und Co. 30 Medaillen – so viele noch nie.

Vor allem die Bodenständigkeit der Nicht-Fußballer schafft eine Identifikation, die dem Calcio abgeht. Donnarumma, Sandro Tonali und Riccardo Calafiori spielen in der Premier League – doch die Kinder auf den Piazze tragen lieber Trikots von Erling Haaland oder Lamine Yamal. In Zeiten von Gianluigi Buffon, Roberto Baggio und Paolo Maldini hätte es das wohl nicht gegeben.

Die vorläufige Lösung? „Via tutti!“, „Alle weg!“, titelte Tuttosport reflexartig. Der Erste, den es wohl treffen wird, ist Coach Gattuso Gattuso. Dabei hat der WM-Held von 2006 nach seinem Antritt im Juni ein Teamgefüge geschaffen, das die Nation für eine kurze Zeit wieder hinter sich wusste. Delegationschef Buffon hatte seinen Verbleib von der Qualifikation abhängig gemacht. Sollte er bleiben, wäre er gut beraten, die Reformen mit anzustoßen.

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Gravina wollte am späten Dienstagabend nichts von einem Rücktritt wissen. Den Vergleich mit anderen Sportarten lehnte der 72-Jährige ab: „Das sind Amateursportarten.“ Das kam nicht gut an. Noch geht das „Weiter so“ also weiter.

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