Keine Heringe mehr aus der Nordsee? Das sagen Siegel für Fische
Zusammenfassung
- Über ein Drittel der globalen Fischbestände gelten als überfischt. Erstmals haben Aquakulturen die Fischerei bei der weltweiten Produktion übertroffen.
- Einkaufsratgeber wie die 'Guter Fisch'-Liste empfehlen bestimmte Fischarten aus dem Meer, auch manche Zuchtfische aus Aquakulturen können bedenkenlos verzehrt.
- Eine Orientierung bieten Siegel wie MSC, ASC oder Naturland. Umweltverbände raten jedoch Verbrauchern, sich die Standards genau anzusehen.
Regelmäßig Fisch zu essen, gilt als gesund. 14 Kilo verzehrt jeder Deutsche pro Jahr, am liebsten Lachs, Alaska-Seelachs, Thunfisch und Hering. Den meisten Verbrauchern aber fehlt beim Einkauf vor dem Kühlregal der Hintergrund, wie nachhaltig das Lebensmittel Fisch ist. Wer sich Gedanken über Überfischung, Berichte über Giftstoffe in Aquakulturen oder ökologisch bedenkliche Fangmethoden macht, hat es schwer, anhand der Angaben auf der Verpackung eine Entscheidung zu treffen.
Alle zwei Jahre veröffentlicht die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) Zahlen der globalen Fischerei und Aquakultur. Der jüngste Bericht erschien im Juni 2024 und beschrieb den Zustand der Fischbestände im Jahr 2022. Demnach galten über ein Drittel der Bestände als überfischt. Weitere rund 50 Prozent seien „maximal, aber noch nachhaltig genutzt“. Das bedeutet, dass über 80 Prozent der Bestände nicht mehr bedenkenlos gekauft werden können.
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Was ist nachhaltiger: Wildfische oder Fisch aus Aquakulturen?
Mit 94,4 Millionen Tonnen und 51 Prozent der Gesamtproduktion hat die Aquakultur 2022 erstmalig die Fischerei bei der weltweiten Produktion von Fischen und anderen Meerestieren übertroffen. Der Anteil der Aquakultur an der direkten menschlichen Ernährung liegt inzwischen sogar bei 57 Prozent, gibt die Welthungerhilfe an.
Bei Zuchtfischen aus Aquakulturen sind bedrohte Bestände oder Beifang keine unmittelbaren Probleme. Doch Studien zeigen, dass diese Zuchtform andere Konflikte verursachen kann. Ein Kritikpunkt ist, dass Aquakulturen oft Wildfische benötigen, um daraus Futtermittel herzustellen. So würden die Fischbestände trotz Aquakulturen massiv belastet, argumentieren Umweltverbände.
Ein weiteres Problem der Aquakulturen: Die Zuchtfische werden häufig mit Antibiotika behandelt. Der Einsatz von Chemikalien aber belaste die umliegenden Ökosysteme zusätzlich. Dies gilt vor allem für Farmen, deren Wasser im direkten Austausch mit dem Meerwasser steht. Wenn Fische aus Aquakulturen entkommen, können sie dort grassierende Krankheiten auf Wildfische übertragen.
Doch auch Wildfische können Schadstoffe enthalten. Ein besonderer Fall sind etwa fettreiche Fische wie Heringe und Lachse aus der nördlichen Ostsee sowie Aale: Sie sind zum Teil stark mit dem Gift Dioxin belastet, zeigen mehrere Studien sowie Berichte der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit.
Welche Fische sind tabu, welche dürfen auf den Teller?
Meeresbiologen von GEOMAR, die Umweltorganisationen WWF, Nabu und Deutsche Umwelthilfe sowie die Verbraucherzentralen haben eine gemeinsame Empfehlung entwickelt: die „Guter Fisch“-Liste. Sie ist auch auf dieser Seite veröffentlicht.
Die Positiv-Liste enthält empfehlenswerte Fischarten aus dem Meer, jedoch keine Fische aus Aquakulturen. Die aktuelle Liste, die bis Dezember 2025 gültig ist, empfiehlt unter anderem Flunder und Scholle aus der Ostsee, Seelachs aus der Barentssee oder Schellfisch aus der Nordsee, Skagerrak oder westlich Schottlands.
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Überhaupt nicht mehr verzehrt werden sollten Heringe aus der Nordsee und der nördlichen Irischen See sowie Ostseeheringe aus dem Golf von Riga. Außerdem habe sich der Zustand der Lachsbestände in Alaska verschlechtert. Rotlachs sei nicht mehr, Ketalachs nur noch bedingt empfehlenswert.
Der Umweltverband WWF mahnt, generell auf alle Fischarten zu verzichten, die vom Aussterben bedroht oder stark gefährdet seien. Dazu zählten viele Rochen-Arten, Aal oder der auf der Speisekarte als Schillerlocke verkaufte Dornhai. Tabu sind für den WWF alle Hai-Arten sowie der Granatbarsch. Nicht nachhaltig ist demnach auch der Wittling, der mit Grundschleppnetzen gefangen werde.
Bei Zuchtfischen könnten einige Fischarten auch weiterhin bedenkenlos gegessen werden, heißt es im Fisch-Ratgeber des WWF. Die Zucht von Karpfen, Pangasius, Tilapia sowie Afrikanischem beziehungsweise Europäischem Wels in geschlossenen Anlagen habe kaum Auswirkungen auf die marine Umwelt.
So können Verbraucher im Supermarkt nachhaltigen Fisch erkennen
Welche Fischart aus welchem Fanggebiet oder aus welcher Aquakultur ohne Bedenken verzehrt werden kann, listen Verbraucherzentralen oder Umweltorganisationen wie WWF oder Naturschutzbund (Nabu) in Einkaufsratgebern auf. In den Supermärkten selbst sollen Logos und Siegel für Wildfische und Aquakulturen Verbrauchern eine Orientierung geben.
Von der Kennzeichnungspflicht ausgenommen sind verarbeitete und zubereitete Produkte. Dazu zählen etwa Fischkonserven, Fischsalate, Fischbuletten, marinierte oder gekochte Fischprodukte. Auch in der Gastronomie sind Angaben zur Herkunft freiwillig.
Ein Überblick über die wichtigen Labels und Logos und eine Einordnung, welche Siegel für welche Standards stehen.
Marine Stewardship Council, kurz MSC (für Wildfische)
Das blaue MSC-Logo steht für den weltweit bedeutendsten Standard für ökologisch nachhaltigere Fischereien. Es ist das bei Verbrauchern bekannteste Fischsiegel, es kennzeichnet Wildfische.
Der MSC ist kein Kennzeichen, sondern eine nach eigenen Worten unabhängige Organisation, die sich über die Lizenzgebühren finanziert. Ins Leben gerufen wurde der Marine Stewardship Council vom Lebensmittelhersteller Unilever und der Umweltorganisation WWF. Aktuell stammen knapp 19 Prozent des weltweit gefangenen Fischs aus MSC-zertifizierten Fischereien, teilt die Organisation mit. In Deutschland würden 2700 Produkte das MSC-Siegel tragen.
Der MSC zertifiziert Fischereiflotten, die ihren Fang mit bestandserhaltenden Maßnahmen und Beifang reduzierenden Methoden einholen. Die Zertifizierung findet durch unabhängige Gutachter und Prüfstellen statt und gilt maximal für fünf Jahre. Das Siegel ist jedoch umstritten. Meeresbiologen oder Umweltverbände wie Greenpeace bemängeln, dass die Standards zu schwach und unklar formuliert seien. Zudem fehlten Sozialstandards. Die Verbraucherzentrale NRW empfiehlt das Label nur bedingt als Einkaufshilfe und rät Verbrauchern, auch MSC-zertifizierte Fischereiprodukte auf Nachhaltigkeit zu überprüfen.
Aquaculture Stewardship Council, kurz ASC (für Aquakulturen)
Das Zertifizierungssystem Aquaculture Stewardship Council (ASC) für Aquakulturen ist das Pendant zum MSC-Siegel für Wildfische. Das ASC ist seit 2009 unabhängig, etwa 1000 Produkte sollen in Deutschland dieses Logo tragen. Greenpeace und Nabu kritisieren, dass das ASC ein Kompromiss zwischen Umweltverbänden und der Industrie sei. Im Mittelpunkt der Kritik steht, dass die Fütterung mit gentechnisch veränderten Pflanzen erlaubt ist und Vorgaben für den Einsatz von Medikamenten zu schwach seien.
Das GGN-Logo (für Aquakulturen)
Das GGN-Label für Aquakulturen steht für die Standards von Global G.A.P. Sie sollen eine gute landwirtschaftliche Praxis garantieren und umfassen neben Tier- und Umweltschutz auch Soziales und Lebensmittelsicherheit. Verbraucher können über eine 13-stellige Identifikationsnummer herausfinden, woher der gekaufte Fisch tatsächlich kommt.
Naturland (für Wildfische und Aquakulturen)
Eine Alternative ist das Logo von Naturland, das es sowohl für Wildfische als auch für Fische aus Aquakulturen gibt. Die Naturland-Richtlinien für Wildfische berücksichtigen die schonende Nutzung der Fischbestände, das Verbot umweltschädigender Fangmethoden, den achtsamen Umgang mit den Ökosystemen wie auch Sozialstandards für Fischer. Bei Aquakulturen mache Naturland strengere Vorgaben als das EU-Biosiegel. Die Antibiotikagabe ist bei Garnelen verboten, auch müssen regelmäßig Wasseranalysen durchgeführt werden.
Friend of the Sea (für Wildfische und Aquakulturen)
Als Empfehlung von Umweltverbänden wie Nabu gilt das Siegel von Friend oft the Sea. Bei Wildfischen betreffen die ökologischen Richtlinien unter anderem den Schutz überfischter Bestände und des marinen Lebensraums. Auch bei der Zertifizierung von gezüchteten Fischen macht die Organisation im Vergleich zu anderen Labels strengere Vorgaben – etwa für den Schutz kritischer Lebensräume wie Mangroven und Feuchtgebieten. Gentechnisch veränderte Organismen oder Wachstumshormone dürfen nicht eingesetzt werden.
EU-Siegel und Biosiegel von Demeter und Bioland (für Aquakulturen)
Das EU-Biosiegel kennzeichnet biologische Lebensmittel. Seit 2009 gibt es in der EU-Ökoverordnung auch verbindliche Richtlinien für Bio-Aquakulturen. Sie gelten für Fische wie Lachs, Forelle und Karpfen, aber auch für Krebstiere, Muscheln und Algen in Salz- und Süßwasser, erklärt die Verbraucherzentrale NRW. Grundsätzlich darf nur Fisch aus kontrollierter Zucht als Bio-Fisch bezeichnet werden. Fischprodukte aus Wildfang dürfen nicht als Bio-Fisch verkauft werden.
Das EU-Siegel garantiert eine artgerechte Haltung und begrenzte Verwendung von Lebensmittelzusatzstoffen. So gilt als Garantie, dass im Futter der Fische keine Hormone oder Medikamente wie Antibiotika enthalten sind. Umweltverbände wie der Nabu kritisieren dennoch, dass einige der Kriterien wie zum Beispiel zur Besatzdichte in oder zum Chemikalieneinsatz in den Fischfarmen nicht ausreichend streng geregelt seien.
Aus Sicht der Umweltverbände sind Produkte aus Bio-Aquakulturen, die von Bioland, Demeter oder Naturland zertifiziert wurden, empfehlenswert. Die Kriterien enthalten strengere Vorgaben als das EU-Bio-Siegel.
