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Systematisierter Wahn (Wahnsystem) ist ein psychopathologisches Symptom. Es tritt also bei psychiatrischen Erkrankungen auf. Durch logische und unlogische Verknüpfung von einzelnen Wahnideen entsteht ein geschlossenes, in sich zusammenhängendes, logisches Wahngebilde.[1][2]

Das Symptom tritt vorwiegend bei chronisch (lang) verlaufenden Psychosen auf.[3] Wie bei anderen wahnhaften Symptomen ist bei voller Ausprägung der Erkrankung die wahnhafte Meinung unkorrigierbar; die Richtigkeit der Meinung ist dem Patienten evident. Bei voller Ausprägung ist der Wahn bis ins Detail ausgebaut und strukturiert; skeptischen Entgegenhaltungen wird mit "Überzeugungsarbeit" begegnet.[1] Bei leichter Ausprägung werden Zusammenhänge nur vermutet, oder es werden nur einzelne Elemente verknüpft. Der Wahnkranke ist mit seinem Wahn beschäftigt; er grübelt und sinniert dem Wahn nach.[4] Das Wahnsystem kann sich im Laufe der Zeit mehr und mehr zu einem Wahngebäude[5] erweitern.[3] Es kann auch um ein einzelnes Erlebnis herum aufgebaut werden.

Es werden nicht nur Wahnideen, sondern auch Sinnestäuschungen, Ich-Störungen, manchmal auch reelle Beobachtungen verknüpft (Wahnarbeit[4]). Zwischen den einzelnen Elementen werden Verbindungen geschaffen, die oft einen kausalen (ursächlichen) Charakter besitzen und vom Patienten als Beweis für seine Überzeugungen angesehen werden. Es geht vor allem um den Grad der Verknüpfungen, weniger um die Vielgestaltigkeit und darum, wie bizarr das Wahngebilde anmutet.[1] Dabei ist für das einzelne Glied des Systems das Wahnhafte kaum zu erweisen, während es für das Ganze evident ist.[3]

"Hinzu kommt, dass bei fast allen Kranken Wahn und andere psychotische Erlebnisweisen eng verwoben sind: Stimmenhören, leibliche Beeinflussungserlebnisse, Geschmacks- und Geruchshalluzinationen, Ich-Störungen und andere Erlebnisse sind gewöhnlich an der Gestaltung der Psychose beteiligt (Huber 2005).[6]

"Ich bin auf einem fernen Planeten geboren. Dort hat Gott mich und andere zu Heiligen ausgebildet. Dann hat er mich mit seinen Ufos zur Erde gebracht, ich sollte die Menschen dort von ihren Halluzinationen befreien. Aber ich habe dann die Stimme des Teufels gehört, der mir immer wieder gesagt hat, dass meine Mission scheitern wird. Schließlich hat er mir alle meine Gedanken geraubt, und deswegen bin ich jetzt in der Klinik."[1]

Systematisierter Wahn tritt bei psychotischen Störungen auf (Schizophrenie, psychotische Depression u. a.)

Das Syndrom wird in der psychiatrischen Untersuchung, im Gespräch zwischen Arzt und Patient, diagnostiziert. Es wird nicht immer ohne weiteres spontan (ohne Fragen) vom Patienten berichtet. Man kann dann z. B. folgende Fragen stellen: "Können Sie mir das genauer erklären?" "Glauben Sie, das hängt miteinander zusammen?"[7]

Abgrenzung (Differentialdiagnose)

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  • Wahneinfall: Wahnhafte Überzeugung, spontan und ohne Anlass.
  • Illusionen: verfälschte Wahrnehmungen. Es bestehen Wahrnehmungen, die aber inkorrekt sind.
  • Wahngedanken: verfestigte, länger bestehende wahnhafte Gedanken. Sie können aus Wahnwahrnehmungen entstehen.
  • Wahndynamik: gibt die Emotionalität an, die im Zusammenhang mit dem Wahn auftritt.

Diese erfolgt im Rahmen der Behandlung der psychotischen Erkrankung. Im Rahmen eines Gesamtkonzeptes kommt der medikamentösen Therapie die entscheidende Rolle zu. Mit dem Behandlungsfortschritt treten der Wahn wie andere psychotische Symptome zuerst in den Hintergrund, werden ev. in Frage gestellt und verschwinden dann allmählich.

Einzelnachweise

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  1. a b c d Rolf-Dieter Stieglitz, Achim Haug: Das AMDP-System. 11. Auflage. Hogrefe, Göttingen 2023, ISBN 978-3-8017-3157-1, S.74.
  2. Ludger Tebartz von Elst et al.: Psychiatrie und Psychotherapie. 7. Auflage. Elsevier, München 2024, ISBN 978-3-437-22487-4, S.39.
  3. a b c Uwe Henrik Peters: Lexikon der Psychiatrie. 7. Auflage. Elsevier, München 2017, ISBN 978-3-437-15063-0, S.663.
  4. a b Christian Scharfetter: Allgemeine Psychpathologie. 8. Auflage. Thieme, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-13-243843-9, S.214.
  5. Hans-Jürgen Möller et al.: Psychiatrie und Psychotherapie. 4. Auflage. Thieme, Stuttgart 2005, ISBN 978-3-13-128544-7, S.52.
  6. Gerd Huber: Psychiatrie. 7. Auflage. Schattauer, Stuttgart 2005, ISBN 3-7945-2214-1, S.277.
  7. Erdmann Fähndrich, Rolf-Dieter Stieglitz: Leitfaden zur Erfassung des psychopathologischen Befundes. 6. Auflage. Hogrefe, Göttingen 2023, ISBN 978-3-8017-3114-4, S.83.
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