F. ‘Tonkunst’ aus gleichbed. lat. musica zunächst mit dem Ton auf der
ersten Silbe übernommen, Belege seit ahd. Zeit durchgehend bis ins 16. Jahrh.,
in dichterischem Gebrauch noch im 17. Jahrh. (1). Doch beginnt schon im 17. Jahrh.
der Einfluß von frz. musique, der rasch an Geltung gewinnt. Damit erhält das Wort
zugleich die neue Bedeutung ‘Tonstück; Aufführung’ (2). Neben der Form Musik
schon früh Dialektformen; und noch bis fast an unsre Zeit geht der Gebrauch von lat.
musica. Quelle: lat. musica, griech. μουσική (τέχνη) zunächst ‘Musenkunst’, dann
‘Tonkunst’, F. Adj. zur μουσικός ‘musisch, künstlerisch’; zu Μοῦσα ‘Göttin des Gesanges und der Dichtkunst; Gesang’. Jm Mittellat. Bildung des Adj. musicalis.
Vgl. Museum.
Belege: 1. für Ahd., Mhd. in den Wbb.;
bei Möller. Aventin 1521 Bayr. Chronik
I 428. Schweinichen 1574 Denkw. 46. u. ö.
1592 Paumgartner Briefe 176. – Opitz II
158 (W.). Stieler 1660 Geharnschte Venus
VII 3, 4. Wohl auch bei Fuchsberger 1534
Dialektik 2a. Vgl. die Belege AfdA. IV 175 f.
Aus musica ergibt sich auch die Schreibung
Music bei Fries 1519 Spiegel der Arznei
14d. Fischart 1575 Garg. 189. Guarinonius
1610 Greuel 188. Albertinus 1616 Lucifer
216. Opitz 1624 Poeterei 46. Gryphius
1663 Squentz II, 16; III, 26. Dalhover 1689
Gartenbeetlein II 94b. Abraham a Santa
Clara 1689 Judas II 470 Feld-Music. Reuter
1696 Schelmuffsky 29.
2. Schupp 1659 Sendschreiben 31 Ich
achte nicht auf die Musique.
Die Schreibung Musik zuerst bei Moscherosch.
Die Bed. ‘Glück, Wohlklang, Harmonie’
scheint vorzuliegen bei Guarinonius 1610
Greuel 188 unnd sie das schöne mittel vnnd
so fürtreffliche Music verloren. Albertinus
1616 Lucifer 216 Wie Nabuchodonosor in
seiner glori vnd music in ein vnuernünfftiges
Tier verkehrt ward.
Gebucht bei Maaler 1561, bei Rot 1571,
bei Stieler 1691.
Frühmusik: ‘Morgenkonzert’ 1787 Journal
der Moden II 320 daß die Frühmusiken
im K. K. Belvedere heuer wieder eröffnet
wurden.
Hausmusik: frühester Beleg aus dem Jahr
1619: Mitt. Schles. Ges. f. Volkskunde XIX
231.
Jnstrumentalmusik – Vokalmusik: Goethe
1798 Br. (XIII 209). – Vocal Music schon
bei Dannhauer 1642 Katechismusmilch II 37.
– Schall 1825 Wahl (Jahrb. D. Bühnenspiele V 6).
Kammermusik: Guarinonius 1610 Greuel
1228 Derhalben nennet man die Gemächer
Music die Kamer Music, so in der stille mit
halben oder sonst wol moderirten Stimmen
... Zschackwitz 1723 Karl VI. 769 nach
welcher bei der Tafel eine unvergleichliche
Cammer-Musique sich hören ließe. Scheibe
1745 Musikus 103 Kammermusik. Vgl.
noch 1788 Journal der Moden III 231 in
einer Musica di Camera.
Katzenmusik: ursprünglich von der Leistung einer Katzenorgel gebraucht, so Hirsch
1662 Kirchers Musurgia 120 Katzen-Music
wie sie abgeloffen (Randnote zu ‘Von einer
Katzen-Orgel’). Prätorius 1665 Katzen=Veit
D 4a Welches aber so zu verstehen, wie er,
der Orpheus sich mit seiner Katzen-Musicke
so mausigt gemacht ... da haben die Zuhörer aus Vngedult ihre Hunde lassen laufen.
Vgl. Abraham a Santa Clara 1686 Judas
I 118 Die Music wird auf Katzen-Art ohngereimt verbleiben, wann der Tact-Streich
deß Capell-Meisters abgehet. Die heutige
Bedeutung geht, nach Prätorius 1665
Katzen=Veit 5a, auf Studenten zurück: Von
dieser invention mögen es nun auch nachgeaffet haben die Studenten zu Jena, welche
einem Sau-Koche zu Ehren vor diesen gleichfalls eine Katzen-Musicke sollen gebracht
haben. – Bismarck 1848 Briefe 119 Gestern
hieß es man wolle der Königin (zu ihrem
Geburtstage) eine Katzenmusik bringen. –
Übertragen gebraucht von dem Durcheinander der Kritik: Frey 1844 Bilder 213.
(Lit.: Ladendorf, Schlagwörterbuch. Arnold in ZfdW. VIII 12 f.).
Tafelmusik: Abraham a Santa Clara 1689
Judas II 470. 1690 Augsburg 214. Callenbach 1714 Puer 50. – Börne 1822 Schild.
aus Paris (II 134) die dort grassierenden
Tafelmusikanten.
Tanzmusik: Böcklin 1790 Beiträge 107.
Normann 1833 Österreich I, 1; 18.
Zukunftsmusik: Von dem Kritiker Schumann (1833) ausgegangenes Schlagwort,
das bes. auf R. Wagners Musik angewandt
wurde; heute eher zur Bezeichnung wenig
aussichtsreicher Versprechungen oder Hoffnungen (Ladendorf, Schlagwörterbuch).
Musikalien: Plur. Gleim 1745 an Uz 123
Musicalia. Beleg von 1753 aus der Übers.
von Richardsons Clarissa VIII in ZfdW. XII
191 Musicalien. La Roche 1771 Sternheim
174. Hermes 1789 für Eltern I 330. Böcklin
1790 Beiträge 40b. Cramer 1794 Geniestreiche I 92. Kleist 1796 an Uz (ZfdW. XII
191). Goethe 1811 Dichtung und Wahrheit
(XXVI 114). Martell 1825 Mondscheinbekanntschaft (Jahrb. D. Bühnenspiele V 279).
musikalisch: Fries 1519 Spiegel der Arznei
69a. – Franck 1602 Musikalische Bergkreyhen (Titel) – 1610 M. Fröligkeit (Titel)
[Gödeke2 II 27. 69]. Opitz 1624 Poeterei 48.
musikalische Instrumente: Arnt von Aich
1519 Liederbuch. Dilich 1598 Histor. Beschreibung 54. Quad 1598 Enchiridion 11. Mengering 1642 Gewissenrüge 389. 1652
Trincir=Buch 147. Lassenius 1661 Adelige
Tischreden 74. Chilemont 1705 Kriegs= und
Staatsrat II 171.
unmusikalisch: Schubart 1774 D. Chronik
479.
Musikant M. ‘Spielmann’ (Plur. ‘Spielleute’ als Verdeutschung bei Zesen [ZfdW.
XIV 77]) eine heut fast verächtliche Bezeichnung für den berufsmäßigen Jnstrumentisten einer Dorf= oder Dilettantenkapelle
(bes. für Tanzmusik), während für die geschulteren Mitglieder eines Orchesters nur
Musiker gilt. Geläufiger als Musikant
aber ist vielen Mundarten die Bezeichnung
Musikus, die im 18. Jahrh. auch noch in der
Schriftsprache möglich war (vgl. Mechanikus
Politikus, Praktikus). Chronologisch ist
Musikus die älteste der drei Benennungen:
schon im 16. Jahrh. wird das lat. musicus
(eigtl. ‘Tonsetzer, Tonkünstler’) im deutschen
Kontext gebraucht, wobei aber meist auch
die fremde Flexion gewahrt bleibt.
Belege: Widmann 1508 Rechensch. 1b
Das bekennen auch Musici, daß sein die
singer. Hans Sachs 1553 Fabeln I 381 Der
müsicüs hept an zu singen. 1564 Zimmer.
Chronik I 423. Thurneysser 1583 Onomasticon 133 wann ein Musicus oder Spielman die Pavierschlacht spielet. Dilich 1598
Histor. Beschreibung 29. Grimmelshausen
1669 Simpl. 9 Sonst war ich ein trefflicher
Musicus auff der Sackpfeiffe. Gynaecophilus 1686 Polit. Freiersmann 51. Abraham a Santa Clara 1689 Judas II 350.
Walther 1732 Musikal. Lexikon 7b die Hrn.
Musici u. Virtuosen. Scheibe 1745 Musikus
34. Riedel 1767 Theorie 309. Schiller 1784
Kabale und Liebe I 5. Knigge 1792 Reise
nach Braunschweig 236. Goethe 1795/96
Lehrjahre (XXI 184) und (XXIII 202).
Neben diesem volkstümlichen Gebrauch von
Musikus kommt im 18. Jahrh. in der gelehrten Sprache der Musikschriftsteller die
Bedeutung ‘Musikverständiger’ auf, so bei
Sperander 1727 Musicus Music-Verständiger, bei Frisch 1741 Wb. I 676c ein Musicus
musicus eruditus. Daher als Zeitschriftentitel: J. A. Scheibens ‘Critischer Musikus’
(1737 bis 1740, neu hrsg. 1745). Cramer 1762
Nord. Aufseher II 241. Goethe 1772 Br.
(II 17). Vgl. noch Adelung 1777 Wb. Derjenige, welcher die Musik mehr als eine
Kunst ausübet, oder als eine Wissenschaft
verstehet, heißet auf eine anständigere Art
ein Musicus. Goethe 1785 Br. (VII 114).
Musikant geht auf dieses Musikus zurück, es ist davon mit italienisch=lat. Endung
=ant abgeleitet, die aus nahestehenden Wörtern (z. B. Komödiant) geläufig war;
volkssprachlich Musikante. So ist Musikant weit mehr eingedeutscht worden, die
Fremdwbb. verzeichnen es nicht (erst bei
Campe 1801), dagegen hat es Stieler 1691.
Doch ist es dem 17. Jahrh. schon durchaus
geläufig, ja schon seit dem Ende des 16.
Jahrh. zu belegen.
Belege: Herzog Julius von Braunschweig
1593 Buler (231). Dilich 1598 Histor. Beschr.
43 Vnter diesen Musicanten bliese der eine
ein Trommet, der ander ein seltzam Horn.
Kirchhof 1602 Wendunmut II 40 holdselige
Stimmen der musicanten. Sommer 1608
Ethographia I L 6a Item er kan sich rühmen
seiner vortrefflichen kunstreichen Musicanten, wie er einen Bassisten gehabt. ...
Staricius 1609 Quarta Vox No. 2 (Goedeke
II 73). Carolus 1614 Relation No. 22a
haben die Musicanten gar lieblich angefangen zu musiciren. Zehner 1622 Nomenclator 21 musicus Musicant. Löhneiß 1622
Aulicopolitica 171. Martin 1637 Parl. 687
Von Musicanten. Dach 1642 in Alberts
Arien 177 (Ndr.) So last euch nun zu Ehren
Vnß vnd der gantzen Schaar Ihr Musicanten hören. Zahlreiche Belege bei Moscherosch. Lauremberg 1652 Scherzgedichte
49 Ein Kroegfidler is Musicant. 1652
Trincir=Buch 173. Schmidt 1656 Wundarznei
75. Lassenius 1661 Adelige Tischreden 6.
Grimmelshausen 1669 Simpl. 90.
Musikant bezeichnet stets den berufsmäßigen Spielmann, scheint aber im 17.
Jahrh. als vornehmere (weil fremde) Bezeichnung gefühlt worden zu sein: charakteristisch Weise 1673 Erznarren 131 so fängt
der Spielmann an, doch botz tausend, daß
ich die Herren Stadtpfeiffer, oder Lateinisch
Musicanten genannt, nicht erzürne, so fängt
der Herr Musicante seinen Tantz an. Thomasius 1691 Vernunftlehre I 5 derjenige
würde von jedermann für einen Thoren gehalten werden oder wohl gar die Gefahr
eines processus ausstehen müssen, der einen
Musicanten einen Spilmann nennen solte.
Zeidler 1700 Sieben böse Geister 28 Die
Spiel-Leute (wollen sie den Titel nicht haben,
so geben sie mir ihn wieder, stehet er doch
in der Bibel), denn Musicanten heißen nur
die, welche die Mathematische Music verstehen und außm Fundament componiren
können.
Aber im Anfang des 18. Jahrh. war
Musikant doch schon nur die Benennung der
niederen Spielleute: J. A. Scheibe, der das
Wort noch „in einem edlen Verstande“
brauchte, mußte sich wiederholt gegen Vorwürfe verteidigen, die gegen diesen Wortgebrauch erhoben wurden. So tadelte Birnbaum 1738 Anmerkungen 841 Der Herr
Hofcompositeur [Bach] wird der vornehmste unter den Musikanten in Leipzig
genennet. Dieser Ausdruck fällt allzustark
ins Niedrige. Musikanten nennet man insgemein diejenigen, deren Hauptwerk eine
Art von musikalischer Praxi ist ... so daß
unter Musikanten und Bierfiedlern fast kein
Unterschied ist. Auch Mattheson 1738 Der
vollkommene Capellmeister 1042 wenn er
sich einem Musikanten gleich stellet, indem man durch dieses Wort bloß Schergeiger und Bierfiedler oder andern schlechten
musicalischen Pöbel anzudeuten pfleget.
Scheibe 1745 Krit. Musikus Vorrede Bl.
bbff. bes. 251 Ist auch dieses Wort durch
Nachlässigkeit und Unwissenheit an einigen
Orten in Deutschland in Verachtung gekommen, so fällt deswegen noch nicht die
ursprüngliche Bedeutung hinweg, denn ein
falscher Begriff, den man sich aus Irrthum
von einem Worte machet, entzieht demselben doch niemals seine wahre Bedeutung.
Allerdings war die Verwendung, die hier
von dem Worte gemacht wurde, wohl nicht
allgemein geläufig: Scheibe brauchte Musikant nämlich als ‘Musikverständiger’ (auch
als ‘Komponist’) und berief sich dafür auf den
älteren Sprachgebrauch (z. B. bei Printz.
Auch 1673 Carmen auf J. Gerstenbüttel [bei
Walther 1732 Musikal. Lexikon 278] So sey
und bleibe dann der Musicanten Meister),
der jedoch nicht notwendig so aufgefaßt werden muß. Jmmerhin zeigen Scheibes Ausführungen, daß Musikant nur mehr von
„den so genannten Stadtpfeifern, Kunstpfeifern oder zünftigen Musikanten“ galt.
Dies tritt auch in den Kompositionsbildungen zutage: Hofmusikant (noch bei Stieler
1691) wurde im 18. Jahrh. ganz ungebräuchlich, dagegen erhielt sich bis heut in verächtlichem Sinn Dorfmusikant, Stadtmusikant.
Musiker wurde seit Ende des 18. Jahrh.
die edlere Benennung des höheren Jnstrumentisten: zufrühst braucht sie Voß 1795
Luise 87 Denn an dem Hofthor hatten die
Musiker leise gestimmet – 89 und hieß willkommen die Herren Musiker die mit Geräusch anwandelten – 93 Löbliche Musiker
ihr; aber stets im Plural, den er (zum Sing.
Musikus) bildete, wohl weil er sich durch
seinen daktylischen Rhythmus für den Hexameter empfahl. Vgl. auch Nicolai 1779
Berlin 412 Die Stadtmusiker, welche nach
den besondern Kirchspielen in gewissen Vierteln der Stadt das Recht allein haben, mit
Musik aufzuwarten – daneben Stadtmusici
und Stadtmusicus. Goethe 1811 Dichtung
und Wahrheit (XXVI 114). Hoffmann 1814
Barganza (I 101) Die Musiker sind doch ein
närrisches Volk. Der Sing. Musiker ist erst
im 19. Jahrh. üblich geworden und hat dann
stets den höher Ausgebildeten bezeichnet
(nicht wie bei Voß den ländlichen Musikus).
Die Fremdwbb. bis auf Campe2 1813 kennen
das Wort nicht.
Musikdrama eine Wortschöpfung Th.
Mundts (1833); gegen die Bezeichnung seiner
Opern als M. wandte sich R. Wagner entschlossen (Ladendorf in ZfdW. V 117 und
Schlagwörterbuch).
Musikliebhaber 1551 Bergkreyhen (Titel)
allen den Edlen Musikliebhabern (Goedeke II 41 No. 28).
Musikliebhaberei: 1797 Journal der
Moden XII 400.
musizieren seit der Mitte des 16. Jahrh.
belegt: 1557 bei F. Platter 282. 1580
Deutschordens=Kommende zu Eger (Mitt.
V. f. Gesch. d. Deutschen in Böhmen IX
78). Albertinus 1599 Guevara's Sendschreiben III 78b. Spangenberg 1606 Saul
V. 2252. Demant 1608 Convivarium Deliciae (Goedeke II 65 No. 4). Carolus 1614
Relation No. 14a. Albertinus 1616 Lucifer 216. Prätorius 1619 Syntagma mus.
II 14. Löhneyß 1622 Aulicopolitica 173a.
1655 Braunschweig. Schulordnungen I 186
ein neu jahrsgesang zu musiciren. Ettner
1697 Doktor 305. Lünig 1719 Theatr.
ceremon. I 828b. Rohr 1729 Zeremoniellwiss. II 595 Bey den Römisch-Catholischen werden meistentheils lateinische Psalmen musicirt, bey den Evangelisch-Lutherischen aber das Lied Komm Heilger Geist
abgesungen.
Gebucht bei Stieler 1691.