VOOZH about

URL: https://www.owid.de/artikel/320696

⇱ Deutsches Fremdwörterbuch : "radieren"


👁 Image
👁 Image
Deutsches Fremdwörterbuch
radieren
1. Aufl. Band 3 (Kirkness u. a. 1977)
V. trans., im späten 15. Jh. entlehnt aus lat. radere ‘kratzen, scharren; glätten, reinigen’ (ältere Nebenform rodieren ⟨ lat. rodere ‘nagen, benagen’); etymologisch verwandt mit Ratte, → rasieren und → Raster; häufig auch als Präfixbildung ausradieren mit dem vereinzelten dazugehörigen Verbalsubst. Ausradierung F. (-; selten -en). 1a Zunächst in der eigentlichen Bed. ‘(ungültig Geschriebenes oder Gezeichnetes, eine Stelle, einen Buchstaben) aus-, abschaben, abkratzen; tilgen, entfernen; ändern’, früher mit Hilfe eines Radiermessers, jetzt eines Radiergummis; kulturhistorisch in die Reihe der aus dem römischen Schriftwesen übernommenen Entlehnungen des Kanzleiwesens gehörend, gelegentlich allgemein und übertragen verwendet, aber heute wohl vornehmlich im schulischen Bereich (vgl. die Verballhornungen Ratzefummel und Ratzel), größtenteils ersetzt durch die Partnerwörter korrigieren, verbessern; dazu seit dem 16. Jh. die subst. Ableitung Rasur F. (-; -en) ‘Tilgung’ (→ rasieren 2), und in neuerer Zeit Radierer M. (-s; -) ‘Radiergummi’. Daneben auch bildlich, oft kommentiert verwendet, seit Ende 18. Jh. in der Teilbed. b ‘ändern’, und zwar meist im pejorativen Sinne von ‘(Tatsachen) vertuschen, verdrängen; die Wahrheit korrigieren, fälschen’; und in jüngerer Zeit, nur in der Form ausradieren, in der Teilbed. c ‘tilgen’, wohl in Anlehnung an die Vorstellung „Grenzlinien-auf-der-Karte-tilgen“, im Sinne von ‘Städte auslöschen, dem Erdboden gleichmachen, ausmerzen’, im 2. Weltkrieg angeblich durch Goebbels geprägtes, affektbeladenes Schlagwort der Feindbekämpfung (vgl. gleichbed. coventrieren), heute allgemein auf Massenvernichtung bezogen.
2 Seit Ende 17. Jh. nachgewiesen im heilkundlichen Bereich in der im 19. Jh. aufgegebenen Bed. ‘(die Haut von der Hirnschale) abschaben, trepanieren’ mittels eines Radier- oder Trepaniereisens.
3 Seit Anfang 18. Jh. im Bereich der bildenden Künste verwendet zur Bezeichnung eines (Anfang 16. Jh. von süddeutschen Waffenschmieden zuerst angewandten) Bild­druckverfahrens mit der Bed. ‘eine Zeichnung mit der Radiernadel auf eine (säurefest beschichtete) Kupferplatte einritzen, (ein-)reißen’ und dann ‘ätzen’ im Ggs. zu stechen, dennoch als Unterart des Kupferstechens verstanden; dazu seit dem 18. Jh. das Verbalsubst. Radierung F. (-; -en) ‘(Tiefdruck-)Verfahren des Radierens’ (nur im Sing.), meist aber als Nomen acti für den auf diese Art hergestellten ‘Bild-, Abdruck’; und die schon im 16. Jh. vereinzelt, dann erst wieder in neuerer Zeit belegte subst. Ableitung Radierer M. (-s; -) ‘Künstler, der Radierungen herstellt’.

Belege

zu radieren 1a (7)
1482 Vocab. teut-lat. o. S.
Radir­mezzer: corrosorium;
1511f. Nürnberg (Mitt. VG. Nürnbergs 27 (1928) 178)
solchen Brief ... unversert, auch unradirt ... erfunden;
1512 Ordnung der Notarien zu Cöln § 18
die notarien sollen auch aufsehens haben, wann sie in exten­dirung und ingrossirung der instrumenten radir­ten, sonderlich an merklichen und verdächtlichen orten, in einer oder mehr zeilen (DWB);
Perneder 1544 Von Straff 7b
ein Testament ... nimbt / radirt / außthut;
Rohr 1728 Zeremoniellwissenschaft I 339
[in amtlichen Schreiben] nichts radire, aus­streiche noch darüber schreibe;
Laube 1846 Karlsschüler 12
Ich radire den Namen Laura heraus oder klebe englisches Pflaster drauf;
Werfel 1929 Abituriententag 235
ein „Nicht genügend“ in ein „Genügend“ verwandeln ... und daß ich ein todsicheres Radierpräparat habe.
zu ausradieren (2)
Kiechel um 1600 Reisen 266
Der cleinen ... Uhren ... haben ... die Turken wol, do aber aussen Bilder doruf gegraben, leüdens nicht, sondern lassens ausradieren, und blom­werckh an die Statt machen;
Otto Hinke nach 1919 (Herzfeld 1954 Aufs. 64)
eine Vergangenheit von über sechs Jahrhunderten, die dem ganzen Leben des Volkes ihre Spuren tief eingegraben hat, läßt sich nun einmal nicht mit dem Tintengummi parlamentarischer Gesetzmacherei ausradieren.
zu Ausradierung (1)
Freiburger Wochenbl. 26. 5. 1970
Außer der Ausradierung des beschämenden und berüchtigten Paragraphen 175 ist aber leider noch nichts geschehen.
zu radieren 1b (4)
Jacobi 1792 Allwill I 165
in das Buch der Natur einen besseren Sinn ... hinein radieren zu wollen;
Schaller 1808 Stuziade III 24
Der da [der Geistliche] radiert die Sünde weg;
Münchner Stadtanz. 28. 5. 1954
Es kommen schlichte Bürger­hundeln mit „radiertem“ Stammbaum, Herr­schaftstiere, reinrassige Kavaliere;
FAZ 7. 7. 1970
Radieren in den Bahr-Papieren (Überschr.) wird Scheel die Bahrschen Papiere zu korrigieren versuchen. Eine andere ... Handschrift tritt damit auf. Scheel radiert an Bahr herum ... Er muß ... Bahr stutzen und rupfen, er muß das jetzige Papier verbindlicher machen.
zu radieren 1c (6)
B. N. 7. 6. 1943
Hitler, der am 4. 9. 1940 drohte, er werde die englischen Städte ausradieren;
Süddtsch. Ztg. 14. 2. 1959
welche Wirkung z. B. das Wort vom „ausradieren“ auf die Engländer ausüben kann, die das von Goebbels erfundene Wort bestimmt noch nicht vergessen haben;
Münchner Stadtanz. 4. 9. 1959
wenn ... der Bombenkrieg nicht alle alten Erinnerungen radikal ausradiert hat;
de Boor 1963 Tagebücher 144
Ein gewisser Humor sagt, daß Churchill den Radiergummi fand und benutzt, den Hitler verlor und mit dem er die englischen Städte ausradieren wollte;
Stuttgarter Ztg. 25. 4. 1968
daß Vietcong-Einheiten das Eingeborenendorf ... mit Flam­menwerfern „ausradieren“;
FAZ 30. 6. 1970
rund 20000 amerikanische und südvietnamesische Soldaten kampfunfähig gemacht und 40000 Soldaten der Regierungstruppen „ausradiert“.
zu radieren 2 (1)
Ettner 1698 Chirurgus 60
radirte oder schabte mit einem krummen Messerlein das Häutlein von der Hirnschale ab.
zu radieren 3 (6)
Cröker 1736 Mahler 273
Allerley Schriften und Bilder auf Stahl, Eisen, Messing und Kupffer zu bringen. Dieses deucht einigen eine leichte Wissenschaft zu seyn, und sagen, wenn sie eine Radier-Arbeit sehen: das ist keine Kunst, es ist mit dem Scheide-Wasser gemacht;
1772 Frankf. gel. Anz. 184
Große Blätter ... sollen eher in Kupfer gestochen als radiert werden. Das Radieren schickt sich besser zu Skizzen und leichten Zeichnungen; und die Landschaft ist ... der wahre Gegenstand der Radiernadel;
Schubart 1777 Vorlesungen Mahlerey 28
Die dritte Gattung von Kupferstichen ist die Kunst, auf mahlerische Art zu radieren, welches mit der Radiernadel geschicht und von großer Wirkung ist;
1797 Journal der Moden XII 233
die gebräuchlichste Ätz-Manier, das Ra­diren;
Andres 1962 Reise 9
In der Ferne ... stand wie mit der Nadel in den blauen Himmel radiert das schmiedeiserne Tor des Gartens;
Mannh. Morgen 29. 10. 1975
Sie bieten mit tieflotender Radiertechnik mehr als bloße Illustrationen.
zu Radierung (4)
Goethe 1780 Br. (IV 204)
Zeichnungen, Gemälden und Radierungen;
Caumann 1960 Museum 119 (Übers.)
Wir sprechen manchmal von „Reproduktionen“ von Originalradierungen, als ob die Originalradierungen nicht selbst Reproduktionen wären;
Mannh. Morgen 29. 10. 1975
Es ist ein Alptraum von Macht und Grausamkeit, die über den Betrachter dieser Radierungen herein­bricht. Hrdlicka differenziert seine erstaunlichen Hell- und Dunkelwerte wiederum mit allen Kunst­kniffen der Aquatinta- und Schab-Technik;
Die Zeit 14. 11. 1975
Gertrude Degenhardt: „Der Strömer“ – Zeichnungen, Kaltnadelradierungen (Anzeige).
zu Radierer (2)
Franck 1538 GChron 107a
Radierer, Maaler (MALHERBE);
Süddtsch. Ztg. 19. 7. 1951
Das Titelblatt der „Radirversuche“ von 1844 erinnert an den frühen Menzel ... Heute ist die Schar der Radierer kleiner und kleiner geworden ... Die gute Zeit für diese stille und zarte Kunst scheint vorüber zu sein.
Über OWID | Kontakt | Datenschutzhinweis | Impressum
© Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (https://www.ids-mannheim.de)