V. trans., im späten 15. Jh. entlehnt aus lat. radere ‘kratzen, scharren; glätten,
reinigen’ (ältere Nebenform rodieren ⟨ lat. rodere ‘nagen, benagen’); etymologisch verwandt mit Ratte, → rasieren und → Raster; häufig auch als Präfixbildung ausradieren
mit dem vereinzelten dazugehörigen Verbalsubst. Ausradierung F. (-; selten -en). 1a
Zunächst in der eigentlichen Bed. ‘(ungültig Geschriebenes oder Gezeichnetes, eine
Stelle, einen Buchstaben) aus-, abschaben, abkratzen; tilgen, entfernen; ändern’, früher
mit Hilfe eines Radiermessers, jetzt eines Radiergummis; kulturhistorisch in die Reihe
der aus dem römischen Schriftwesen übernommenen Entlehnungen des Kanzleiwesens
gehörend, gelegentlich allgemein und übertragen verwendet, aber heute wohl vornehmlich im schulischen Bereich (vgl. die Verballhornungen Ratzefummel und Ratzel),
größtenteils ersetzt durch die Partnerwörter korrigieren, verbessern; dazu seit dem
16. Jh. die subst. Ableitung Rasur F. (-; -en) ‘Tilgung’ (→ rasieren 2), und in neuerer
Zeit Radierer M. (-s; -) ‘Radiergummi’. Daneben auch bildlich, oft kommentiert verwendet, seit Ende 18. Jh. in der Teilbed. b ‘ändern’, und zwar meist im pejorativen
Sinne von ‘(Tatsachen) vertuschen, verdrängen; die Wahrheit korrigieren, fälschen’;
und in jüngerer Zeit, nur in der Form ausradieren, in der Teilbed. c ‘tilgen’, wohl in
Anlehnung an die Vorstellung „Grenzlinien-auf-der-Karte-tilgen“, im Sinne von
‘Städte auslöschen, dem Erdboden gleichmachen, ausmerzen’, im 2. Weltkrieg angeblich durch Goebbels geprägtes, affektbeladenes Schlagwort der Feindbekämpfung (vgl.
gleichbed. coventrieren), heute allgemein auf Massenvernichtung bezogen.
2 Seit Ende 17. Jh. nachgewiesen im heilkundlichen Bereich in der im 19. Jh. aufgegebenen Bed. ‘(die Haut von der Hirnschale) abschaben, trepanieren’ mittels eines
Radier- oder Trepaniereisens.
3 Seit Anfang 18. Jh. im Bereich der bildenden Künste verwendet zur Bezeichnung
eines (Anfang 16. Jh. von süddeutschen Waffenschmieden zuerst angewandten) Bilddruckverfahrens mit der Bed. ‘eine Zeichnung mit der Radiernadel auf eine (säurefest
beschichtete) Kupferplatte einritzen, (ein-)reißen’ und dann ‘ätzen’ im Ggs. zu stechen,
dennoch als Unterart des Kupferstechens verstanden; dazu seit dem 18. Jh. das Verbalsubst. Radierung F. (-; -en) ‘(Tiefdruck-)Verfahren des Radierens’ (nur im Sing.), meist
aber als Nomen acti für den auf diese Art hergestellten ‘Bild-, Abdruck’; und die schon
im 16. Jh. vereinzelt, dann erst wieder in neuerer Zeit belegte subst. Ableitung Radierer
M. (-s; -) ‘Künstler, der Radierungen herstellt’.