ZDF-Experte zieht bei „Lanz“ finsteres Fazit aus Trumps Rede in Davos
Donald Trump denkt in Einflusszonen, nicht in klassischen Bündnissen. Diese Beobachtung zieht sich wie ein roter Faden durch den „Markus-Lanz“-Abend vom Mittwoch, 21. Januar.
Ausgangspunkt ist der Weltwirtschaftsgipfel in Davos. „Kannst du uns mal beschreiben, was da heute los war?“, fragt Markus Lanz den zugeschalteten Ulf Röller. Der Leiter des ZDF-Studios Brüssel schildert Trumps Auftritt als überfordernd: „Die 80 Minuten Donald Trump überfordern einen fast als Journalist. Es gab zu Beginn Standing Ovations und dann hat man eigentlich einem Mann zugehört, der permanent von sich selbst berauscht ist.“
Röller beschreibt einen Präsidenten, der zwischen Zuspruch und Drohung changiert. „Ein Präsident oder Autokrat, der unberechenbar ist, das ist wahnsinnig gefährlich fürs Geschäft“, sagt er.
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Grönland als geopolitischer Konfliktpunkt zwischen USA und Europa
Im Zentrum der Sendung steht Trumps fortgesetzter Anspruch auf Grönland. „Er hält fest an seinem Anspruch auf Grönland“, sagt der frühere Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin. Es gehe um Ressourcen und um strategische Kontrolle. Diese sollten weder Russland noch China zufallen – „den Europäern aber auch nicht“. Trittin stellt klar: „Er ist daran interessiert, das Gebiet der USA zu erweitern. Er möchte uneingeschränkten Zugriff auf die Ressourcen.“
Jana Puglierin, Politologin beim „European Council on Foreign Relations“, verweist auf einen Satz aus Trumps Rede: „Man verteidigt ja nur, was man besitzt.“ Dieser Gedanke habe sie an die Ukraine erinnert – und an die Nato. An Artikel 5, das Beistandsversprechen. Die Frage, ob Trump bereit wäre, dieses Versprechen einzulösen, bleibt im Raum stehen.
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Trittin: Die USA wollen nicht mehr Ordnungsmacht sein
Trittin zieht eine ernüchternde Bilanz: „Die USA haben meiner Meinung nach aufgegeben, das zu sein, was sie unter Bush, Clinton, Obama noch waren – eine globale Ordnungsmacht. Von dieser Welt hat sich Trump verabschiedet.“ Er nennt Trumps Vorgehen „Mafia-Style in Verhandlungen“, getrieben von kurzfristigem Machtkalkül statt von strategischer Vernunft.
Röller bringt das Bild des „imperialistischen Reflexes“ ins Spiel. Gleichzeitig verweist er auf die internationale Wirkung: China inszeniere sich als verlässlich, während Trump internationale Beziehungen permanent neu sortiere. „Während Trump die ganze Welt durch den Fleischwolf dreht“, sagt Röller, hätten die Chinesen es verstanden, diese Situation für sich zu nutzen.
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Härte statt Diplomatie – Strategiewechsel für Europa?
Puglierin hält fest, dass Europas bisherige Strategie, immer wieder auf Dialog zu setzen, nicht funktioniert habe. „Lasst uns nochmal miteinander reden“ habe keine nachhaltige Wirkung entfaltet. „Vielleicht ist es an der Zeit, von immer nur Diplomatie zu ein bisschen Härte zeigen zu wechseln“, sagt sie.
Mark Rutte, seit 2024 Nato-Generalsekretär, spielt dabei eine wichtige Rolle. Er bemühe sich sichtbar um Nähe zu Trump, beschreibt Puglierin die Dynamik. Lanz kommentiert diese Strategie mit einem trockenen Bild: „Ja, die Schleimspur, auf der man bis heute ausrutschen kann.“
Die Ukraine als Vertrauensfrage für den Westen
Für Röller bleibt die Ukraine der entscheidende Maßstab. „Wie wollen denn Selenskyj und auch die Europäer einem Präsidenten glauben, der innerhalb von Stunden eine komplett andere Meinung hat?“ Seine Schlussfolgerung formuliert er klar: „Die Nachkriegsordnung, das ist zu Ende gegangen.“
Puglierin zieht daraus eine strategische Frage: „Wie verteidigen wir Europa ohne die USA?“ Das sei möglich – unter der Bedingung, dass Europa geschlossen handle. Trittin ergänzt: Europa sei militärisch schwächer, „aber ökonomisch durchaus ein Player“.
Nicht Grönland steht am Ende im Zentrum dieser Sendung, sondern die Frage, wie belastbar Bündnisse noch sind, wenn Interessen offen über Prinzipien gestellt werden.
