Zuckerbrot, Peitsche, Bazooka: Wie Europa Trump im Streit über Grönland ausbremste
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Ist der Konflikt um Grönland, der zuletzt das Zeug hatte, die Nato zu zerreißen und Europa und die USA in einen massiven Handelskrieg zu stürzen, wirklich abgewendet? Nach der kaum zu erwartenden Kehrtwende von US-Präsident Donald Trump, der am Mittwoch beim Weltwirtschaftsforum in Davos erst seinen Verzicht auf militärische Gewaltanwendung erklärte und später die Strafzoll-Drohungen gegen Europa zurücknahm, herrscht „angespannte Erleichterung“, wie Diplomaten in Davos sagen.
Der Ausgang des jetzt eingeschlagenen Weges, zwischen Dänemark, Grönland und den USA unter Beteiligung wichtiger Nato-Länder eine konsensfähige Lösung für die Zukunft Grönlands zu finden, sei „aber völlig offen“. Die wichtigsten Fragen und Antworten auf einen Blick.
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Trumps Grönland-Politik: Wie kam es zu der dramatischen Kehrtwende?
Wie Davos-Teilnehmer berichten, gab es seit mehreren Tagen hinter den öffentlichen Kulissen offensichtlich viele vertrauliche Gespräche zwischen Trump, seinen wichtigsten Beratern und entscheidenden europäischen Akteuren wie Nato-Generalsekretär Mark Rutte und Bundeskanzler Friedrich Merz.
Dabei sollen die Europäer Geschlossenheit gegen Trumps mehrfach artikulierten Kaufdrang in Sachen Grönland demonstriert und eine „alternative Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche“ präsentiert haben. Sprich: dezidierte Angebote, die Sicherheit in der Arktis im Sinne Trumps zu optimieren – bei gleichzeitiger Warnung, dass ein tiefes Zerwürfnis in der Nato auch für die USA ein Risiko darstellen würde.
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„Unmut bis Wut“ über Trump im Kongress
Aus US-Regierungskreisen war zu hören, dass Trumps harte Rhetorik der vergangenen Wochen im Kongress „Unmut bis Wut“ erzeugt habe. Als dann am Dienstag auch noch die Aktienkurse an den US-Börsen wegen der Unsicherheit über Grönland kurzzeitig abstürzten, sei die Einsicht in eine Kompromisslösung gewachsen.
Dabei spielte auch eine Rolle, so EU-Diplomaten, dass Brüssel zuletzt offen über die mögliche Aktivierung eines für die USA massiv schädlichen Handelsinstruments („Bazooka”) geredet hat, um auf Trumps Strafzoll-Androhung zu reagieren. Damit sind weitreichende Vergeltungsmaßnahmen gegen Länder gemeint, die Europa wirtschaftlich unter Druck setzen.
Hatte sich der Sinneswandel des US-Präsidenten angedeutet?
Jein. Während seiner ausufernden Rede auf dem Weltwirtschaftsforum am Nachmittag sagte der US-Präsident, er werde kein Militär einsetzen, um die Kontrolle über Grönland zu erreichen. Das allein stellte zwar eine Umkehrung seiner Drohung dar, US-Soldaten einzusetzen, um die Insel einzunehmen. Aber auf seinem Kommunikationsportal „Truth Social“ hatte Trump noch vor der Abreise in die Schweiz ein manipuliertes Bild veröffentlicht, das ihn dabei zeigt, wie er eine amerikanische Flagge auf Grönland aufstellt.
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Als Trump sich über Macrons Pilotenbrille mokierte
Zudem hatte Trump in seiner Rede langjährige Verbündete der USA massiv in den Senkel gestellt, während Vertreter dieser Länder zuhörten. Er beschrieb Europa als (wegen Einwanderern) nicht mehr wiederzuerkennen und energiepolitisch auf dem völlig falschen Weg. Er warf Dänemark Undankbarkeit vor. Er behauptete, die Schweiz und Kanada seien nur durch die USA überlebensfähig. Und er machte sich über den französischen Präsidenten Emmanuel Macron lustig, weil er am Tag zuvor in Davos eine Pilotenbrille getragen hatte.
Trump erklärte zudem in anmaßendem Ton, dass die Nato-Mitglieder die Pflicht hätten, den Kauf Grönlands durch die USA zu unterstützen, weil nur Amerika die Sicherheit des transatlantischen Bündnisses garantieren könne. „Wir geben so viel und bekommen so wenig zurück“, sagte er. Trumps Ambitionen in Grönland lösten eine beispiellose diplomatische Krise für die engsten Nato-Verbündeten aus, die bereits mit dem bald vier Jahre währenden Krieg Russlands in der Ukraine und dem geopolitischen Wettbewerb mit China zu kämpfen haben.
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Die Rede ist von einem „Rahmenabkommen“ – was sind die wichtigsten Bestandteile?
Die exakten Konturen des Rahmens sind bislang nicht klar. Aber laut EU-Vertretern werden sich die Verhandlungen voraussichtlich auf mehrere Bereiche konzentrieren. Dazu gehört ein eventuelles Abkommen der USA mit Dänemark über die Stationierung von zusätzlichen Truppen in teils neuen Stützpunkten in Grönland. Außerdem soll der seit 1951 bestehende Vertrag mit Kopenhagen über die Stationierung von US-Militär modernisiert werden; etwa mit einem neuen Detail über den Raketenabwehrschirm „Golden Dome“, den Trump zur Sicherung der USA und Kanadas auf Grönland installieren lassen will.
Sonderrechte wie die Briten auf Zypern?
Teilnehmer der Gespräche berichteten, dass den USA möglicherweise nach dem Vorbild britischer Stützpunkte auf Zypern (sie gelten als britisches Territorium) bestimmte Souveränitätsrechte zugestanden werden könnten. Zudem könnten die USA möglicherweise ein Vorkaufsrecht auf Investitionen in die Bodenschätze Grönlands erhalten. Durch diese Art Veto soll verhindert werden, dass Russland und China die unter Eis liegenden Mineralien-Reichtümer der Insel erbeuten.
Für Europa und die Weltwirtschaft wichtigster Punkt: Der vom Weißen Haus für den 1. Februar angekündigte Sonder-Strafzoll von zehn Prozent (perspektivisch bis Sommer 25 Prozent) für acht Länder, darunter Deutschland, Großbritannien, Frankreich, die Dänemark gegen die USA an die Seite gesprungen sind, entfällt.
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Wie glaubhaft ist die 180-Grad-Kehrtwende Trumps?
Der Präsident sprach am späten Mittwochabend vor Medienvertretern von einem „wirklich fantastischen“ Plan, nannte aber so gut wie keine Details. Karoline Leavitt, seine Sprecherin, erklärte: „Wenn dieses Abkommen zustande kommt, und Präsident Trump ist sehr zuversichtlich, dass dies der Fall sein wird, werden die Vereinigten Staaten alle ihre strategischen Ziele in Bezug auf Grönland mit sehr geringen Kosten für immer erreichen.“ Trump erklärte, dass seine wichtigsten Berater – Vizepräsident JD Vance, Außenminister Marco Rubio und der bereits im Gaza-Israel-Konflikt wie im Russland/Ukraine-Krieg eingesetzte Sonder-Emissär Steve Witkoff die Chef-Verhandler mit Dänemark und Grönland sein würden.
Er fügte hinzu: „Diese Lösung wird, wenn sie umgesetzt wird, eine großartige Lösung für die Vereinigten Staaten von Amerika und alle NATO-Staaten sein.“ Aber: Noch wenige Stunden zuvor hatte Trump den europäischen Staats- und Regierungschefs in teils herablassendem Ton mitgeteilt, dass er sich mit nichts weniger als dem Erwerb Grönlands zufrieden geben würde. Er drohte Europa mit schlimmen wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Konsequenzen, sollte er seinen Willen nicht bekommen. Eine Vereinbarung ohne den Kauf von Grönland lehnte Trump in seiner Rede explizit ab. „Man braucht das Eigentumsrecht, um es zu verteidigen. Wer zum Teufel will schon eine Lizenzvereinbarung oder einen Pachtvertrag verteidigen?“
Was sagt Dänemark?
Nach Trumps Rede, in der „sofortige Verhandlungen“ über einen Kauf der Insel gefordert wurden, hatte die Regierung in Kopenhagen umgehend durchblicken lassen, dass es dazu nicht kommen werde. Nach den ersten Meldungen über ein Abkommen unterhalb der Schwelle einer einem Immobilien-Deal ähnelnden kommerziellen Gebietsabtretung des seit vielen Jahren autonom zu Dänemark gehörenden Eilands sagte Außenminister Lars Løkke Rasmussen: „Der Tag endet besser, als er begonnen hat.“ Aber: Die eigentliche Arbeit fange jetzt erst an.
Wie reagiert die Bundesregierung?
Ähnlich zögerlich. Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) sagte, man dürfe sich nicht zu früh freuen, der Teufel könne im Detail stecken. Außerdem, so Insider, sei bei Trump auch eine „Kehrtwende von der Kehrtwende“ nicht auszuschließen. Ein genaueres Stimmungsbild werde sich ergeben, wenn Kanzler Friedrich Merz (CDU) an diesem Donnerstag in Davos ans Rednerpult tritt.
Welche Lehren sind aus dem Grönland-Drama vorläufig zu ziehen?
US-Beamte argumentierten am Abend gegenüber Journalisten, dass erst Trumps hyperaggressive Haltung die Europäer an den Verhandlungstisch gezwungen habe, nachdem sie sich monatelang geweigert hätten, der Kampagne des Präsidenten zur Übernahme Grönlands Aufmerksamkeit zu schenken.
Europäische Spin-Doktoren behaupteten dagegen, dass eine weitgehend einheitliche Oppositionsfront dazu beigetragen habe, Trump davon zu überzeugen, dass er seine Ziele auf Grönland auch ohne einen indiskutablen Kauf der Insel erreichen kann. Dabei habe die Tatsache eine große Rolle gespielt, dass der allgemein als zu unterwürfig empfundene Niederländer Mark Rutte, der Trump auf dem Nato-Gipfel im vergangenen Juni „Daddy“ nannte und ihn regelmäßig hofiert, als Nato-Generalsekretär eine ausgezeichnete Arbeitsbeziehung zu Trump aufgebaut habe.
