Eskalation in Syrien: Ex-Assad-Kämpfer proben den Aufstand
Der Mann am Telefon klingt zutiefst verängstigt. „Die ganze Nacht ist geschossen worden. Das ist die Hölle“, erzählt der Christ, der in der Kleinstadt Baniyas an der syrischen Mittelmeerküste lebt. Es ist eine Stadt, die zwischen Latakia und Tartus liegt, mitten im alawitischen Kernland im Westen Syriens. Die Alawiten sind die Minderheit, aus der die Familie des gestürzten Langzeitdiktators Baschar al-Assad und große Teile der Machtelite stammen, die in den vergangenen Jahrzehnten Syrien kontrolliert hat. Jetzt proben frühere Regime-Militärs einen Aufstand gegen die neuen islamistischen Herrscher des Landes – es ist die erste heftige Machtprobe nach dem Sturz Assads.
Die blutigen Gefechte, die derzeit in der syrischen Küstenregion toben, haben am Donnerstag begonnen. Aufständische, die einen „Militärischen Rat für die Befreiung Syriens“ bekannt gegeben haben, attackieren an diesem Tag Sicherheitskräfte der Übergangsregierung. Es gibt bei verschiedenen Angriffen insgesamt 15 Tote. Die Rebellen rekrutieren sich offenbar aus früheren Einheiten des Assad-Regimes, vor allem aus der berüchtigten 4. Division, einer Elitetruppe, die als die Speerspitze des Militärs galt. Anführer der Aufständischen soll mit Ghiath Suleiman Dalla ein früherer Brigadegeneral dieser Division sein.
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Syrien: Der Aufstand macht die Übergangsregierung nervös
Die Übergangsregierung reagiert nervös und entsendet Hunderte Kämpfer und gepanzerte Fahrzeuge in die Region. Bereits am Nachmittag ist im 200 Kilometer östlich gelegenen Aleppo ein Konvoi mit Dutzenden Pickups und Bussen voller schwarz gekleideter und vermummter Sicherheitskräfte zu sehen, die offenbar Richtung Küste fahren. Gegen Abend verhängen die Islamisten nächtliche Ausgangssperren in Latakia, Tartus und Homs. In den sozialen Medien werden in der Nacht Videos verbreitet, die Gefechte in einigen der Küstenstädte zeigen sollen. Bereits zu diesem Zeitpunkt ist die Rede von einer Vielzahl Opfer, darunter auch Zivilisten.
Zugleich gehen am Abend in mehreren syrischen Städten Menschen für die von der islamistischen Hayat Tharir as-Scham (HTS) gebildete Übergangsregierung auf die Straßen. In Städten wie Homs, Hama oder Damaskus sollen es Tausende sein. In Aleppo, dem Wirtschaftszentrum des Landes, sind es einige Dutzend. Hier ruft Hamman Hout unter dem Beifall der Menge und „Allahu Akbar“-Rufen zum entschlossenen Widerstand gegen die Aufständischen auf. Er ist ein bekannter Aktivist, der lange im Exil gelebt und von dort aus gegen das Assad-Regime agitiert hat.
Teheran wird hinter Aufstand vermutet
„Es sieht so aus, als wollten Reste der Assad-Leute, deren Nachschublinien unterbrochen worden sind und die syrisches Blut an ihren Händen haben, die syrische Küste destabilisieren“, sagt Hout. Was er meint: Der Iran, neben Russland wichtigster Unterstützer des gestürzten Diktators, ist nach dem Fall Assads in der Region enorm geschwächt und nicht mehr in der Lage, Waffen an die verbündete Hisbollah-Miliz im Libanon zu liefern. Fällt die Küste unter die Kontrolle irantreuer Aufständischer, wäre das wieder möglich – die „Achse des Widerstands“ gegen Israel könnte erstarken. Nicht wenige Beobachter vermuten deswegen Teheran hinter dem Aufstand.
„Die Sicherheitskräfte werden die Ordnung wieder herstellen“, ist Hout aber überzeugt. Am nächsten Morgen sieht es zunächst nicht danach aus. Die Aufständischen nehmen laut Berichten in den sozialen Medien mit dem Berg Yunus östlich von Latakia eine strategisch wichtige Anhöhe ein und besetzen Brücken an den Autobahnen M1 und M4. Die Kämpfe konzentrieren sich vor allem auf die Kleinstadt Dschableh, in deren Nähe ein russischer Militärflughafen liegt. Gegen Abend heißt es, in den Städten hätten Sicherheitskräfte die Ordnung wieder hergestellt, jedoch sollen die Aufständischen weiterhin Außenbezirke von Dschableh und Latakia kontrollieren.
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Zu diesem Zeitpunkt sollen mindestens 130 Menschen bei den Kämpfen gestorben sein, berichtet die in London ansässige „Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte“, die im Land engmaschig verdrahtet ist. Es soll auf beiden Seiten zu Gewalttaten gegen Gefangene gekommen sein, auch von Gräueltaten islamistischer Kämpfer gegen alawitische Zivilisten wird in sozialen Medien berichtet. Die Ausgangssperren in Latakia und Tartus werden verlängert. Auf der Fahrt von Aleppo nach Damaskus ist zu sehen, wie angespannt die Lage ist: Schwerbewaffnete Kämpfer der Übergangsregierung haben auf dem Weg in die Hauptstadt mehrere provisorische Checkpoints errichtet, an denen sie jeden misstrauisch kontrollieren.
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Grausame Videos und Berichte über außergerichtliche Hinrichtungen von Alawiten
Für die Übergangsregierung ist der Aufstand an der syrischen Küste die erste Bewährungsprobe. Er hatte sich angedeutet. In den vergangenen Monaten wurden immer wieder Videos von teils äußerst grausamen außergerichtlichen Hinrichtungen von Alawiten publiziert. Manche Syrer bezichtigen alle Alawiten, das Regime Assads aktiv unterstützt zu haben. Für die Aufständischen in den Küstenstädten sind diese Mordtaten der Hauptgrund für die Eskalation.
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Nach Monaten „der Unterdrückung, der Entführungen und der physischen Eliminierung“ habe man sich zum Widerstand gegen das „terroristische, extremistische Regime“ formiert, heißt es in einer Erklärung der Aufständischen. Den neuen Herrscher sprechen die früheren Assad-Anhänger jede Legitimität ab. Man wolle Syrien von allen „besetzenden und terroristischen Kräften“ befreien, die Übergangsregierung stürzen und die staatlichen Institutionen neu aufbauen – auf einem „nationalen und demokratischen Fundament“.
