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⇱ Bis zu 100 Tote in Syrien: Die Gewalt an Minderheiten eskaliert – Täter filmen alles


Funke Mediengruppe
Leichen auf den Straßen

Gewalt eskaliert in Syrien: Die Täter filmen ihre Massaker

Damaskus. Verstörende Aufnahmen fluten die sozialen Medien in Syrien. Es soll bis 1000 Tote geben. Unser Reporter sprach vor Ort mit den Menschen.
Von Jan Jessen, Politikredakteur
Die syrischen Streitkräfte rücken mit schweren Waffen in die Dörfer im Umland von Latakia vor, um gegen Anhänger des gestürzten syrischen Präsidenten al-Assad zu kämpfen. Dabei soll es auch zu Massakern gekommen sein. © DPA Images | Moawia Atrash

Ein junger Mann läuft vor einem Bewaffneten. Plötzlich schießt der ihm ins Bein. Der Verletzte schreit auf, humpelt weiter. Der Bewaffnete setzt ihm nach. Sein Opfer bittet verzweifelt um Gnade. Der Uniformierte drückt noch einmal ab, schießt ihm in das andere Bein. Der Angeschossene fällt zu Boden, wimmert. Dann feuert der Bewaffnete, bis sich sein Opfer nicht mehr rührt.

Verstörende Aufnahmen wie diese fluten seit Donnerstag die sozialen Medien in Syrien. Sie sollen Massaker von Kämpfern der Übergangsregierung an Alawiten zeigen. Es ist eine Gewalteskalation, wie es sie in den drei Monaten nach der Machtübernahme der islamistischen Hayat Tahrir as-Scham (HTS) noch nicht gegeben hat, und die bis zu tausend Menschenleben gefordert haben soll. 

Syrien erlebt Gewalteskalation: „Auf den Straßen liegen Leichen“

„Auf den Straßen unserer Stadt liegen Leichen. Sie erlauben nicht, die Toten zu bergen“, erzählt am Samstagmorgen ein Christ aus der Kleinstadt Baniyas einem Priester in Damaskus am Telefon. Mindestens 54 Zivilisten sollen dem Exzess allein in dieser Stadt zum Opfer gefallen sein.

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Auf Namenslisten, die im Internet publiziert wurden, stehen Männer, Frauen, Kinder, ganze Familien. Darunter auch die Namen von Menschen, die unter dem gestürzten Langzeitdiktator Baschar al-Assad inhaftiert waren. Der Christ will namentlich nicht genannt werden. Er hat Angst. 

Baniyas ist eine Stadt, die zwischen Latakia und Tartus liegt, mitten im alawitischen Kernland an der Mittelmeerküste im Westen Syriens. Die Alawiten sind die Minderheit, aus der die Familie Assads und große Teile der Machtelite stammen, die in den vergangenen Jahrzehnten Syrien kontrolliert hat. Bereits nach dem Sturz Assads gab es immer wieder Berichte und Videos von brutalen Übergriffen gegen Alawiten, der aktuelle Gewaltausbruch aber hat eine neue Dimension.

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Anhänger der Assad-Regimes wollten Regierung stürzen

Auslöser war ein Aufstand alawitischer Ex-Militärs, die am Donnerstag die Gründung eines „Militär-Rats für die Befreiung Syriens“ bekannt gegeben hatten. Die Rebellen rekrutieren sich offenbar aus früheren Einheiten des Assad-Regimes, vor allem aus der berüchtigten 4. Division, einer Elitetruppe. Ihr Anliegen: Der Schutz des alawitischen Kernlandes und der Sturz des Regimes, das sie als „terroristisch“ bezeichnen. Ihr Befehlshaber Ghiath Dalla gilt als irantreu. Teheran hatte nach dem Sturz des engen Verbündeten Assad massiv an Einfluss in der Region verloren.  

Rauch steigt über der Stadt Laika auf, in der Regierungstruppen zum Teil mit enormer Gewalt gegen Anhänger des gestürzten Diktators Assad kämpfen. © action press | ASAAD AL ASAAD/SIPA

Wie das syrische Journalistennetzwerk Al-Jumhuriya berichtet, beginnt die Gewaltorgie, als am Donnerstagnachmittag Sicherheitskräfte der Übergangsregierung in einem Dorf nahe der Kleinstadt Dschableh versuchen, Festnahmen durchzuführen. Wenig später fallen nach erbitterten Diskussionen erste Schüsse. Die Auseinandersetzungen weiten sich auf mehrere Städte und Dörfer in den Regionen Latakia, Tartus und Hama aus. Aufständische töten 15 Sicherheitskräfte, nehmen andere fest und besetzen militärische Einrichtungen und Regierungsgebäude.  

Das Militär der Übergangsregierung reagiert hart, entsendet Hunderte Kämpfer, Artillerie und gepanzerte Fahrzeuge. Unter den Kämpfern sollen auch Mitglieder von islamistischen Milizen sein, die die Sicherheitskräfte unterstützen. Die Aufstandsbekämpfung artet schnell zu einem mörderischen Rachefeldzug aus, der zwei Tage eskaliert und viele Opfer fordert.   

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Kämpfer in Syrien sollen wahllos gemordet haben

In den alawitischen Dörfern im Umfeld von Latakia seien Kämpfer der Übergangsregierung von Haus zu Haus gegangen, berichtet ein Mann aus der Stadt am Telefon. „Wenn sie Waffen gefunden haben, haben sie einfach jeden im Haus getötet.“ Die Kämpfer scheinen aber auch völlig wahllos gemordet zu haben. In Latakia fallen ihnen zwei christliche Männer, Vater und Sohn, zum Opfer.  

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Wie auf Videos zu sehen ist, gehen die islamistischen Kämpfer brutal vor. Sie erschießen wehrlose Unbewaffnete, verprügeln Gefangene. Sie stehlen alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Das berichten Einwohner aus Latakia, Tartus und Baniyas. „Sie sind zu mir gekommen, und haben mir gesagt, ich soll ihnen sechs Millionen syrische Pfund (umgerechnet etwa 600 Euro, die Red.) geben, sonst würden sie mir mein Auto wegnehmen“, erzählt der Christ aus Baniyas. „Hier ist es ruhiger geworden, aber es wird weiter geplündert“, berichtet am Samstagmorgen ein Einwohner von Tartus.  

48 Stunden nach dem Ausbruch der Gewalt beruhigt sich die Lage. Die Bilanz ist fürchterlich. Aktivisten der aus Homs stammenden „Civil Peace Group“ veröffentlichen am Samstagabend die Namen von 717 ermordeten Zivilisten. Die Zahlen könnten aber noch steigen, weil noch nicht alle Opfer geborgen sind. Nach Angaben der in London ansässigen „Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte“ (SOHR), sollen auch weit über 270 Kämpfer beider Seiten getötet worden sein. 

Gewaltexzess in Syrien: Hat die Übergangsregierung wirklic die Kontrolle?

Insbesondere unter den Minderheiten wächst jetzt die Furcht vor der Zukunft. „Das ist sehr beängstigend“, sagt ein Priester, der eine christliche Gemeinde in Damaskus leitet. „Wenn es heute die Alawiten trifft, könnten morgen die Christen an der Reihe sein.“ Er erinnert daran, dass die jetzt regierende HTS einst ein Ableger der Terrororganisation Al Kaida war. „Die Ereignisse von Latakia nähren die Befürchtung, dass al-Schaara seine Vergangenheit nicht abgelegt hat.“ 

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Ahmad al-Schaara, der Übergangspräsident, wirft wiederum den Aufständischen in einer Videoansprache vor, eine „unverzeihliche Sünde begangen“ zu haben, ruft sie dazu auf, die Waffen niederzulegen, „bevor es zu spät ist“ und appelliert an die nationale Einheit. Diejenigen, die sich an unbewaffneten Zivilisten vergriffen hätten, würden zu Rechenschaft gezogen. Dass die Täter ihre Gewalt teilweise selbst filmten, lässt jedoch darauf schließen, dass sie keine Bestrafung fürchten. 

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