Ließen sie ihn verbluten? Israelische Soldaten sollen Jungen erschossen haben
Es ist ein Video, das Fragen aufwirft: Die britische „BBC“ berichtet über einen Vorfall aus dem vergangenen November im von Israel besetzten Westjordanland. Demnach soll ein 14-jähriger palästinensischer Junge namens Jad Jadallah in einem Flüchtlingslager aus nächster Nähe von Soldaten der israelischen Armee IDF erschossen worden sein.
Jad, so berichtet es der britische Sender, habe zusammengebrochen in einer Gasse gelegen. Um ihn herum sollen die Soldaten eine Absperrung gebildet und damit verhindert haben, dass zwei palästinensische Krankenwagen zu dem Jungen gelangen konnten. Laut Videoaufnahmen, die der „BBC“ vorliegen, und Augenzeugenberichten standen die Soldaten – insgesamt 14 – mindestens 45 Minuten lang um Jad herum, während er aus einer oder mehreren Schusswunden blutete.
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Getöteter Palästinenser: Jede israelische Einheit hat einen Sanitäter dabei
Der genaue Moment der Schüsse sei von einer Überwachungskamera im Lager aufgezeichnet worden, schreibt „BBC“. Das Material zeige drei Jungen, die an der Ecke einer Gasse stehen. Zuerst schauen sie demnach nach rechts, wo laut Augenzeugen israelische Militärfahrzeuge kurz zuvor in Richtung Ausgang des Lagers davongefahren waren.
Einer der beiden Freunde, die zu diesem Zeitpunkt bei Jad waren, erzählte der „BBC“, dass die Jungen nach draußen gegangen seien, nachdem in einer Messenger-Gruppe für das Lager verkündet worden war, dass sich die israelischen Einheiten zurückziehen würden. Also spähten die Jungen um die Ecke, um nachzusehen.
Jad und seine Freunde sollen nicht gewusst haben, dass eine Gruppe von vier israelischen Soldaten zurückgeblieben war und nur wenige Meter entfernt zu ihrer Linken hinter einer Mauer stand. Jads Freunde entdeckten die Soldaten zuerst und rannten die Gasse hinauf. Jad sah sie entweder nicht oder schlicht zu spät.
Die Aufnahmen der Überwachungskamera zeigen, wie der führende Soldat weniger als drei Meter von Jad entfernt ins Bild kommt, dann sein Gewehr zu heben scheint und das Feuer eröffnet. Jad macht eine Bewegung, die darauf hindeutet, dass er in diesem Moment getroffen wird. Im Lager sind genau an dieser Stelle Einschusslöcher in der Wand zu sehen.
Die „BBC“ weist darauf hin, dass alle israelischen Soldaten in der Traumabehandlung ausgebildet werden. Jede israelische Kampfeinheit sollte zudem einen speziell ausgebildeten Sanitäter haben, aber keiner der im November anwesenden Soldaten schien Jad lebensrettende medizinische Hilfe zu leisten. Zeitweise schien es so zu sein, dass sie Jads wiederholte Versuche, ihre Aufmerksamkeit zu erregen, ignorierten.
Die israelischen Streitkräfte (IDF/Israel Defense Forces) teilten der „BBC“ auf Anfrage mit, dass Soldaten „erste medizinische Hilfe“ geleistet hätten. Ein Sprecher weigerte sich allerdings, Einzelheiten über die Art oder den Zeitpunkt der Behandlung zu nennen.
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Töter Palästinenser-Junge: Israelisches Militär gibt die Leiche nicht raus
Die Soldaten luden Jad schließlich auf die Ladefläche eines israelischen Militärfahrzeugs. Ob er bereits davor, oder danach starb, ist laut „BBC“ unklar. Ebenfalls uneindeutig ist die Frage, wo genau an seinem Körper er getroffen wurde und wie oft er angeschossen wurde. Laut dem britischen Sender verweigert das israelische Militär die Herausgabe der Leiche an die Familie.
Laut der „BBC“ wurde Jad in al-Far‘a geboren und wuchs dort auf. Dabei handelt es sich um ein Flüchtlingslager im Westjordanland, in dem etwa 10.000 Palästinenser leben. Wie andere ähnliche Lager in den besetzten Gebieten ist auch dieses Lager häufigen israelischen Militärrazzien ausgesetzt, die Israel als notwendig erachtet, um gegen dort operierende bewaffnete Gruppen vorzugehen.
In vielerlei Hinsicht war Jads Tod nichts Ungewöhnliches. Der britische Sender verweist auf die Statistik, denn nach Angaben der Vereinten Nationen wurden im vergangenen Jahr 55 Kinder von israelischen Streitkräften im Westjordanland getötet, seit dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 waren es sogar 227.
dw
