Ostermarschierer ziehen los: Warum sie immer noch an den Pazifismus glauben
Wie ein grüner Schutzring liegt ein Waldstreifen um den Fliegerhorst Büchel (Landkreis Cochem-Zell) in Rheinland-Pfalz. Ein doppelter Metallzaun mit Fotoverbotsschildern und ein Patrouillenweg wie an der früheren DDR-Grenze schirmen das Militärgelände ab. Dies ist ein Ort von militärpolitischer Bedeutung, denn hier ist unweit des 1200-Einwohner-Dorfes Büchel die einzige in Deutschland von den Amerikanern garantierte atomare Abschreckung zuhause. In Bunkern lagen dort 20 Atombomben vom Typ B 61. Der Nato-Partner USA stellt sie zur Verfügung, und im Verteidigungsfall könnte der US-Präsident ihren Abwurf befehlen.
Deutsche Piloten würden den Einsatz mit Tornados fliegen und die Bomben abwerfen. Kein Wunder, dass die Ostermarschierer der Friedensbewegung hier am Ostermontag eine ihrer bundesweit mehr als 120 Kundgebungen halten werden. Denn mit der Diskussion, ob Deutschland sich an französischen oder britischen Atomwaffen beteiligen oder ob eine europäische Nuklearabschreckung gegründet werden sollte, steigt das Interesse an Büchel. Werden hier bald französische Rafale-Jets stationiert, die Atomsprengköpfe tragen können? „Die Stimmung im Ort ist, dass alles beim Alten bleiben sollte“, sagt der ehemalige Militärpfarrer Matthias Engelke, der in der Friedensbewegung ist.
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Ostermarschierer besorgt: Büchel könnte ein Ziel eines nuklearen Angriffs sein
Laute Kritik am Stützpunkt sei in Büchel nicht zu vernehmen. Es ist ein wichtiger Arbeitgeber am Ort, 2000 Menschen arbeiten im Fliegerhorst, 800 davon sind Zivilisten. Gerade wird die Landebahn für Tarnkappenbomber vom Typ F-35 ausgebaut. Aber bei Außenstehenden wächst die Angst. Bei einem Manöver war im Militärgelände einmal eine Patriot-Abwehrraketen-Batterie gesichtet worden, sagt Engelke. „Das beweist, dass wir hier in Büchel als Angriffsziel eingestuft werden. Das ist wirklich nicht so toll.“ Von der Stadt Köln ist Büchel 75 Kilometer Luftlinie entfernt – gut möglich, dass ein atomarer Fallout es treffen könnte. Mareike Hadeler von Greenpeace Köln, die am Protest in Büchel dabei sein wird, sieht die Dinge ähnlich. Büchel sei ein potenzieller Absender ebenso wie ein Ziel eines nuklearen Angriffs. Die Debatte um eigene Atomwaffen bezeichnete Hadeler als gefährlichen Irrweg.
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„Solche Pläne untergraben internationale Verträge und befeuern eine unkontrollierbare Eskalationsspirale. In Büchel fordern wir eine Rückbesinnung auf Abrüstung und völkerrechtliche Verantwortung.“ Pfarrer Engelke sagt, dass die Ostermarschierer es anzweifeln, dass es im Ukraine-Krieg keine Alternative zu ständigen Waffenlieferungen gebe. „Seit vier Jahren liefern wir Waffen und der Krieg endet nicht. Wir haben jetzt einen Stellungskrieg mit bis zu 1000 Toten täglich.“ Das müsse aufhören, solche Konflikte seien nicht mit „tötender Gewalt“ zu lösen, es gebe sehr wohl „gewaltfreie Kämpfe“ mit gutem Ausgang.
Ostermarschierer fordern diplomatische Inititiativen
Aber zeigt der Angriff Russlands auf die Ukraine nicht, dass sich Demokratien mit Waffen wehren müssen? Was nährt noch den Glauben an den Pazifismus? Die Ostermarschierer fordern von der Bundesregierung diplomatische Initiativen zur Beendigung der Kriege, mehr Einsatz für die Leidtragenden und eine Stärkung des Völkerrechts. „Der Krieg Russlands gegen die Ukraine ist ebenso ein Verstoß gegen das Völkerrecht wie die jüngsten Angriffe der USA und Israel gegen den Iran oder der Angriff der USA auf Venezuela“, heißt es beim Netzwerk Friedenskooperative in Bonn, das die Ostermärsche koordiniert. Auch die Wehrpflicht und die Aufrüstung stehen in der Kritik.
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„Es bringt nichts, dass wir unser Geld in der Rüstung verknallen. Das ist die falsche Lösung“, sagt Kristian Goller, der Sprecher des Netzwerks. „Wir haben aber nicht nur Pazifisten, sondern auch Gewerkschafter und Christen bei den Ostermärschen.“ Politische Prominenz ist rar bei den Kundgebungen, zu denen mehrere Zehntausend Menschen erwartet werden. Bundestagsabgeordnete der Linken werden sprechen wie Ulrich Thoden, Cem Ince und Lea Reisner, auch der frühere SPD-Ministerpräsident vom Saarland, Reinhard Klimmt, wird in Saarbrücken eine Rede halten. Immerhin ein prominenter Grüner wird dabei sein. Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann spricht am Samstag beim „Friedensbündnis Freudenstadt“ in Alpirsbach.
Grüner Landesminister spricht beim Ostermarsch
„Ich bin wie viele Menschen besorgt über die Militarisierung der internationalen Politik, besonders über völkerrechtswidrige Angriffskriege Russlands, Israels und der USA“, sagte Hermann unserer Redaktion. 2025 hatte die Grüne Franziska Brantner Kritik an den Ostermärschen geäußert, man müsse Solidarität mit den Angegriffenen haben, nicht den Aggressoren beistehen. Hermann ficht das nicht an: „Pazifisten sind bei den Grünen schon länger eine Minderheit. Selbstverständlich stehen wir auf der Seite der Opfer. Das reicht aber nicht. Notwendig sind mehr Anstrengungen zum Frieden, mehr Diplomatie“, sagte er.
„Pazifisten sind bei den Grünen schon länger eine Minderheit. Selbstverständlich stehen wir auf der Seite der Opfer. Das reicht aber nicht. Notwendig sind mehr Anstrengungen zum Frieden, mehr Diplomatie.“
Winfried Hermann (Grüne), Verkehrsminister in Baden-Württemberg
Wenn man den Frieden wolle, müsse man nicht den Krieg, sondern den Frieden vorbereiten. „Im Grundgesetz steht ein klares Friedensgebot für die Regierenden wie für das Volk.“ Der Krieg der USA und Israels gegen Iran sowie die israelischen Angriffe im Libanon seien „völkerrechtswidrig und brutal“, ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. „Die Friedensbewegung setzt ein klares Stoppsignal gegen Militärinterventionen mit fragwürdigen Begründungen und gegen autokratische Regierungen.“
