Strom einfach selbst erzeugen? Für wen sich ein Balkonkraftwerk lohnt
weitere Videos
Auf die Sonne, fertig, los! Verbraucher rennen Firmen die Türen ein, die kleine Balkonkraftwerke oder große Photovoltaik, also PV-Anlagen, fürs Dach verkaufen. „Mehrere Anbieter sehen derzeit einen Anstieg der Nachfrage um 50 Prozent“, sagt Benjamin Weigl, Energieexperte bei Finanztip. Das Ratgeberportal hat darum nachgerechnet, was sich derzeit für wen lohnt.
Mit dem Iran-Krieg, mit der Blockade der Straße von Hormus für Handelsschiffe, einer der wichtigsten Transportrouten für LNG-Flüssiggas und Öl aus der Golfregion, ist die Angst vor einer Energiekrise zurück. Also: Den Strom zumindest für Wasch- und Spülmaschine, Kühlschrank und Fernsehen mit Hilfe der Sonne selbst erzeugen, sich unabhängiger machen, Energiekosten sparen?
Auch interessant
Strom selbst erzeugen: Einspeisevergütung soll 2027 enden
Sich jetzt darüber Gedanken zu machen, sei richtig, meint Weigl: „Noch gilt, dass, wer seinen selbst erzeugten Solarstrom in das öffentliche Stromnetz einspeist, dafür vom Staat für jede Kilowattstunde 20 Jahre lang einen festen Geldbetrag bekommt. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie will diese sogenannte Einspeisevergütung für neue Solaranlagen aber ab 2027 abschaffen.“
Mehr zum Thema Energie
Er sagt: „Balkonkraftwerke sind der günstige Einstieg in den Solarstrom und besonders für Miet- und Eigentumswohnungen empfehlenswert. Eine große Photovoltaikanlage bleibt die Lösung für alle, die eine sonnige Dachfläche haben und sich mit möglichst viel eigenem Strom selbst versorgen möchten.“ Das ist das Grundsätzliche.
Balkonkraftwerke rechnen sich meist schon nach drei Jahren
Im Einzelnen heißt das: „Balkonkraftwerke amortisieren sich schnell“, so Weigl. Ein kleines Modell bestehe meist aus zwei Modulen mit je 450 Watt-Peak und einem Wechselrichter, der den Solarstrom in Hausstrom verwandelt. Das gebe es für etwa 400 Euro. Das Gerät rentiere sich bereits nach rund drei Jahren, ein größeres mit vier dieser Solarmodule für etwa 700 Euro nach rund dreieinhalb Jahren. Der Betrieb sei einfach.
Die Mini-Solaranlagen lassen sich mit wenigen Handgriffen am Balkongeländer oder auf der Terrasse anbringen. Sie haben zudem einen Stecker, der bei Anlagen mit zwei Modulen in die normale Haushaltssteckdose passt; für größere ist eine spezielle Energiesteckdose nötig. Bevor der Strom fließt, muss das kleine Kraftwerk noch im Marktstammdatenregister der Bundesnetzagentur (MaStR) angemeldet werden. Wer dazu noch einen Speicher installiert, muss diesen dort übrigens gesondert registrieren lassen und sollte sich erkundigen, ob zudem eine Mitteilung an den Netzbetreiber erforderlich ist.
Balkonkraftwerk: Mieter dürfen Mini-Solaranlage grundsätzlich nutzen
Die Mini-Solarstationen könne sich jedenfalls auch anschaffen, wer keine eigene Wohnung, kein eigenes Haus habe, sagt Weigl: „Mieter haben inzwischen grundsätzlich einen Anspruch darauf, ein Balkonkraftwerk zu betreiben.“ Voll autark, also unabhängig von Stromversorgern, werde man damit aber nicht. Ein Drei-Personen-Haushalt mit einem typischen Stromverbrauch von 3500 Kilowattstunden (kWh) pro Jahr könne mit einem kleinen Balkonkraftwerk etwa 15 Prozent seines Stroms selbst erzeugen, mit dem größeren rund 20 Prozent.
Wie viel Ertrag ein Balkonkraftwerk genau bringt, hängt von der Ausrichtung, dem Neigungswinkel und der Sonneneinstrahlung vor Ort ab. Bei den Berechnungen sind die Experten von Finanztip von einem Südbalkon ohne Verschattung und einem Anbringwinkel von 70 Grad ausgegangen. Alle notwendigen Daten haben sie dann beim Online-Rechner der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin eingegeben. Der rechnete damit, dass das kleine Balkonkraftwerk etwa 770 kWh Strom pro Jahr erzeugt, das größere gut 1300 kWh.
Klassische Photovoltaik-Anlagen rechnen sich oft erst nach 15 Jahren
Klassische Photovoltaik-Anlagen, die auf dem Dach oder an der Fassade aufwändiger zu montieren seien, lieferten da „mehr Unabhängigkeit“, erklärt Weigl: „Mit 18 Modulen und einem Fünf-kWh-Batteriespeicher kann derselbe Beispielhaushalt rund 72 Prozent seines Strombedarfs selbst decken, die Investitionskosten sind aber auch deutlich höher.“
Auch interessant
PV-Anlage und dazu die Batterie im Keller kosteten derzeit rund 14.000 Euro, sagt der Energieexperte. Darin enthalten sei auch die Rechnung für den Elektroinstallateur, der am Ende die Anlage ans Netz anschließe. Das dürfe man nicht selbst machen. Rechne man dann noch Betriebskosten von 1,5 Prozent der Anschaffungskosten pro Jahr dazu, zudem den notwendigen Ersatz des Batteriespeichers nach zehn bis 15 Jahren und ein intelligentes Strommesssystem, rechne sich die PV-Anlage auf dem Dach oder an der Fassade erst nach knapp 15 Jahren. Liefe sie insgesamt aber 20 Jahre, ergebe sich am Ende ein Überschuss von 5400 Euro. Die noch bestehende Einspeisevergütung ist dabei mit einbezogen. Sie macht einen Unterschied.
Einspeisevergütung bei Balkonkraftwerken lohnt selten den Aufwand
Theoretisch sei die Einspeisevergütung auch bei Balkonkraftwerken möglich, meint Weigl – wenn der Strom nicht selbst benötigt wird, sondern ins öffentliche Netz fließt. Dann allerdings würden die Regeln gelten wie bei normalen PV-Anlagen. Heißt: Man muss einen separaten Stromzähler installieren und sich für die Einspeisevergütung mit allerlei Formularen und Dokumenten anmelden. Das sei es meist nicht wert.
Weigls Fazit: „Wer viel Strom verbraucht oder künftig mehr Strom benötigt – etwa durch ein Elektroauto oder eine Wärmepumpe –, für den lohnt sich eine PV-Anlage allerdings deutlich schneller.“ Und die Unabhängigkeit vom Strommarkt sei viel größer.
