Startup Isar Aerospace fliegt heute ins Weltall – Wer sind die Münchner?
Der Name klingt fast zu bodenständig für das Geschäft, in dem Isar Aerospace mitmischt. Kein Pathos wie bei SpaceX, kein Mythos wie bei Blue Origin, sondern ein Fluss aus Oberbayern. Doch genau darin steckt das Selbstverständnis des Unternehmens. Der Name solle zeigen, „wie verbunden wir mit unserer Herkunft sind“, sagte Firmenchef Daniel Metzler der „Süddeutschen Zeitung“.
Das Start-up aus Ottobrunn bei München will beweisen, dass Raumfahrt auch in Europa entstehen kann – nicht als Ableger amerikanischer Konzerne, sondern als eigenes industrielles Projekt. Der nächste Härtetest steht nun bevor.
Isar Aerospace will seine Trägerrakete Spectrum vom norwegischen Weltraumbahnhof Andøya starten. Das Startfenster öffnet sich am 25. März 2026 um 21 Uhr MEZ, der Livestream beginnt voraussichtlich gegen 20 Uhr auf YouTube. Für das Unternehmen ist es der zweite Testflug. Für Europa aber ist es mehr als nur ein weiterer Raketenstart.
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Europas Raumfahrt und der Wunsch nach mehr Unabhängigkeit
An Isar Aerospace hängt inzwischen ein politischer Anspruch. Die Europäische Weltraumorganisation ESA unterstützt das Unternehmen über ihr Förderprogramm „Boost!“. In Bayern wird Isar Aerospace von Ministerpräsident Markus Söder und seiner Staatsregierung als Hightech-Hoffnungsträger aufgebaut, als Baustein eines bayerischen „Space Valley“. Auch im Bund ist der Symbolwert des Projekts angekommen: Anfang März besuchten Kanzler Friedrich Merz, Verteidigungsminister Boris Pistorius und Raumfahrtministerin Dorothee Bär den Startplatz in Andøya. Die Botschaft war eindeutig: Europa will im All unabhängiger werden.
Diese Debatte ist älter als der aktuelle Startversuch, doch seit dem russischen Angriff auf die Ukraine und der erratischen Politik von US-Präsident Donald Trump hat sie an Schärfe gewonnen. Wer eigene Raketen bauen und starten kann, ist bei Satelliten, Kommunikation und sicherheitsrelevanter Infrastruktur weniger auf andere Staaten angewiesen. Zu lange, so der Vorwurf, habe sich Europa auf fremde Trägersysteme verlassen. Merz sprach in Norwegen schon von der „Stunde Europas“.
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Spectrum-Rakete: Was Isar Aerospace baut und warum das für Europa wichtig ist
Genau an diesem Punkt will Isar Aerospace ansetzen. Das Unternehmen entwickelt und produziert seine Rakete nach eigenen Angaben vollständig selbst. Die Spectrum-Rakete ist 28 Meter hoch und für kleine bis mittelgroße Satelliten gedacht. Sie ist damit deutlich kleiner als viele der großen Trägerraketen. Gemeint sind Raketen, die Nutzlasten wie Satelliten oder wissenschaftliche Experimente in eine Umlaufbahn um die Erde bringen.
Die vergleichsweise kompakte Größe bestimmt auch, wie viel Gewicht die Rakete transportieren kann. Laut Isar Aerospace soll die Spectrum bis zu eine Tonne in eine niedrige Erdumlaufbahn bringen können. Diese Umlaufbahn wird meist mit dem Kürzel LEO bezeichnet, für „Low Earth Orbit“, also einen Bereich vergleichsweise nah an der Erde, in dem viele Satelliten kreisen. In eine sonnensynchrone Umlaufbahn, eine spezielle Bahn, in der Satelliten die Erde immer bei ähnlichem Sonnenstand überfliegen, soll Spectrum noch rund 700 Kilogramm befördern können.
Damit bewegt sich Isar Aerospace in einem Markt, der für Europa zunehmend wichtig werden dürfte. Bisher stützt sich der europäische Zugang zum All vor allem auf die ESA-Raketen Ariane 6 und Vega-C. Kleinere kommerzielle Raketen wie Spectrum sollen das Angebot flexibler machen. Satelliten könnten mit ihnen schneller und im besten Fall günstiger ins All gebracht werden.
| Name | Ariane 5 |
| Erstflug | 4. Juni 1996 |
| Zahl der Starts | 117 |
| Höhe | rund 55 Meter |
| Durchmesser | 5,4 Meter |
| Gewicht | 780 Tonnen, davon 670 Tonnen Treibstoff |
| Nutzlast | je nach Orbit drei bis 20 Tonnen |
| Herstellungskosten (einschließlich Start) | rund 170 Millionen Euro pro Stück |
| Beteiligt | zwölf europäische Staaten |
| Teile aus Deutschland | unter anderem Antriebstechnologie, Schubkammern, Booster, Tanks |
| Startort | Kourou, Französisch-Guyana |
Raketenstart in Andøya: Warum der zweite Testflug so wichtig ist
Noch ist all das vor allem ein Versprechen. Denn Isar Aerospace muss erst beweisen, dass die Spectrum den Orbit tatsächlich erreichen kann. Beim ersten Testflug vor fast einem Jahr gelang das nicht. Wegen Problemen mit einem Ventil und der Stabilität der Rakete wurde der Flug früh abgebrochen; nach rund 30 Sekunden endete der Start in einem Feuerball. Ein zweiter Versuch war zunächst für Januar geplant, wurde dann jedoch wegen eines Problems mit einem Druckventil auf März verschoben. Auch der Termin am 23. März konnte nicht gehalten werden, diesmal wegen ungünstiger Winde.
Trotz der Rückschläge gibt sich das Unternehmen mit Blick auf diesen Testflug demonstrativ zuversichtlich. Dahinter steht ein Entwicklungsprinzip, für das Firmenchef Metzler seit Längerem wirbt: lieber starten, Fehler auswerten und die nächste Rakete verbessern, statt jahrelang nur im Labor zu optimieren. In einer Mitteilung von Isar Aerospace vom Januar sagte Metzler, „rapid iteration“, also schnelle Entwicklungsschleifen, sei entscheidend, um Europas Zugang zum All zügig aufzubauen. Zugleich dämpft er die Erwartungen. In der „Süddeutschen Zeitung“ wies Metzler darauf hin, dass dafür mehr als 100.000 Teile, verschiedene Systeme und Software fehlerfrei ineinandergreifen müssten.
Bei diesem Flug kommt eine weitere Hürde hinzu: Erstmals trägt Spectrum auch eine echte Fracht. Unter dem Missionsnamen „Onward and Upward“ sind fünf Kleinsatelliten und ein wissenschaftliches Experiment an Bord, darunter Beiträge der TU Berlin und des Space Teams der TU Wien. Die Beteiligten haben den Mitflug über einen Wettbewerb des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt gewonnen. Dass Testflüge riskant sind, gehört zu diesem Programm ausdrücklich dazu.
Raumfahrtmarkt, Investoren und Kritik: Warum so viel an Isar Aerospace hängt
Der aktuelle Flug ist deshalb auch ein Vorgeschmack auf das, was Isar Aerospace einmal sein will: kein symbolträchtiges Einzelprojekt, sondern ein Raketenhersteller mit Serienanspruch. Nach Firmenangaben sind bislang rund 500 Millionen Euro in das Unternehmen geflossen; zu den Investoren zählen auch Porsche und die Nato. In Vaterstetten bei München soll noch in diesem Jahr ein rund 40.000 Quadratmeter großer Produktionsstandort eröffnen, fünf weitere Raketen seien bereits in Arbeit. Metzler denkt bereits darüber hinaus. Er sprach schon von größeren Modellen „im zweistelligen Tonnenbereich“.
Dass die Firma auf einen Markt weit über einzelne Testflüge hinaus zielt, zeigt auch ein Vertrag mit dem japanischen Unternehmen Astroscale. Im Rahmen eines ESA-Projekts soll bei einer künftigen Mission ein ausgedienter Satellit eingefangen und aus dem Orbit entfernt werden. Weltraummüll könnte damit zu einem eigenen Geschäftsfeld werden.
Ob aus diesen Plänen tatsächlich ein europäisches Raumfahrtunternehmen von Gewicht wird, entscheidet sich zunächst jedoch an einer viel kleineren Frage: Erreicht Spectrum den Orbit?
