Über 20.000 Menschen tanzen normalerweise auf dem Platz vor Parookavilles zweitgrößter Bühne „Bills Factory“. An diesem Samstagmittag kurz vor Öffnung der Tore wirbeln hier nur Konfettireste über den Beton – und die Mitarbeiter in orangen und neongelben Warnwesten. „New York, New York“ von Frank Sinatra dudelt aus einer Box. Am anderen Ende des Geländes ein ähnliches Bild: Verlassen liegt der „Jukebus“ wie ein gestrandeter Wal im Sand des Desert Valley.
Parookaville, dieses Festival der elektronischen Tanzmusik in all ihren Facetten, verwandelt das Gelände neben dem Airport Weeze inzwischen fünf Tage im Jahr in eine eigene Welt. Mit liebevoll gestalteten Attraktionen wie einer Bank, einem Gefängnis und einer Kirche, in der am Freitag ein Essener Paar heiratete. Mit 13 Bühnen jeder Größe, Farbe und Form. Es lockt die internationalen Stars der DJ-Szene genauso an den Niederrhein wie Newcomer aus der Bundesrepublik. Doch ohne die täglich 75.000 Fans wäre all das nur ein lebloser Körper.
Publikum bei Parookaville: Respektvoll und mit viel Herzblut bei der Sache
Wenn Parookaville der Körper ist, dann verkörpert Diana das (Herz)Blut. Die 45-Jährige ist seit der ersten Ausgabe 2015 dabei und steht natürlich auch an diesem Samstag bereit, ab 14 Uhr die Stadt zu beleben. Eine Geschichte mit Wechselwirkung, denn: Damals habe ihr das Festival geholfen, ihre schweren Depressionen zu bekämpfen. Jetzt sagt sie: „Parookaville bedeutet für mich ganz viel Freude, Leichtigkeit und Akzeptanz.“ Mehr von Diana gibt es hier.
Der erste Tag Parookaville: Die schönsten Bilder vom Auftakt
„Das ist hier grund-harmonisch“, ergänzt Moderator Daniel Danger in seiner Funktion als Manager des Campingplatzes. „Selbst Menschen, die alleine hierherkommen, brauchen nur ein paar Minuten, um eine Gemeinschaft zu finden. So was ist in Zeiten wie diesen wirklich nicht das Schlechteste.“ Negative Begegnungen oder annähernd Aggressivität habe er bis dato nicht wahrgenommen. Ganz im Gegenteil: Der Betrunkene entschuldigt sich mit einem Handshake, wenn Fuß auf anderen Fuß tritt. Sogar direkt vor der Mainstage ist „safe space“ mit Platz zum Tanzen, man achtet auf Nebenmann und -frau. Alles heile also in der Parookaville-Welt?
Das sieht die Polizei naturgemäß anders. „Natürlich haben wir hier zu tun“, sagt Polizeisprecher Stefan Sparberg. Dennoch: „In Relation zu der Anzahl der Menschen – 75.000 jeden Tag – ist die Zahl der Einsätze gering.“ Nicht nur deswegen sei das Festival einer der beliebteren Einsätze. „Wir als Polizei erleben hier viel Respekt – und fast schon einen liebevollen Umgang.“
Das Beste von sich selbst – vor und auf der Bühne
Das Motto „Sei die beste Version deiner selbst“ nimmt sich das Publikum in diesem Jahr zu Herzen. Das Zwischenfazit von Mitgründer Bernd Dicks fällt am Sonntagmittag entsprechend aus: „Wir erleben bislang eines der ruhigsten und entspanntesten Festivals seit Beginn. Bis auf wenige Momente sind Probleme bisher ausgeblieben. Die Anreise des Publikums, eine friedliche und freundliche Stimmung auf dem Gelände – mehr können wir uns als Veranstalter nicht wünschen.“ In seinem Team mache sich grade ein Gefühl breit: „Es ist eine der schönsten Parookaville-Editionen jemals.“
Parookaville: Exklusive Infos, Hintergründe und Tipps lesen Sie hier:
Einen großen Anteil daran haben die Frauen und Männer hinter den Mischpulten, sie liefern eine ganze Reihe denkwürdiger Auftritte ab.
Am Freitagabend setzen die Niederländer von „W&W“ zehntausende Menschen 75 Minuten in Dauerbewegung. Eine Auswahl der Kommandos: Hüpfen nach links, hüpfen nach rechts, Hände hoch, Hände zur Seite, Handylichter an, Kopf aus. Und die Musik begeistert auch noch. Einer der besten Auftritte, die sie jemals hatten, sei das gewesen, gibt das Duo danach zu Protokoll. Nicht von schlechten Eltern ist mit seinen 51 Jahren der Recklinghäuser Moguai, als die Abendsonne grade den Leuchtturm der neugestalteten „Bills Factory“ in Szene setzt. Mit 35 Jahren Erfahrung sitzt jeder Handgriff, in seinem Set jagt ein Höhepunkt den nächsten – am Ende hat er den Platz vor sich „vollgespielt“.
Emotionaler Ausnahmezustand am Samstag
Der Samstag geht wohl als einer der emotionalsten in die Geschichte von Parookaville ein. Frans Zimmer (Alle Farben) bringt am frühen Abend mit voller Kapelle aus Sänger und Trompeter erst viel gute Laune mit, wird zum Abschluss aber nachdenklich – im Februar wäre der 40-Jährige bei einem Unfall in Thailand fast gestorben. „Es ist nicht selbstverständlich, dass ich hier heute stehe“, sagt Zimmer in einer kurzen Ansprache. „Lasst uns zusammen ein schönes Leben haben.“ Ein ausführliches Interview mit dem DJ gibt es hier.
Auch der australische Superstar Timmy Trumpet hat sich für seinen Auftritt eine wilde Mischung ausgedacht. Harte Beats wechseln sich mit Mitsing-Einlagen ab. So liegen sich 55.000 Menschen vor der Hauptbühne etwa zu Adele oder den Toten Hosen in den Armen, staunen bei Klängen von Pippi Langstrumpf, schunkeln zu „Country Roads“, das der Parookaville-Fanliebling gemeinsam mit Steve Aoki performt. Selbst der lässt sich von den Gefühlen im Überschuss anstecken und spielt zum Abschluss des Tages keines seiner Holzhammer-Sets. Eine eindrucksvolle Zeremonie mit Drohnenschau setzt der Reizüberflutung danach die Krone auf.
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Und dann wäre da noch „ein bisschen Spaß muss sein“. Das trällert Volksmusik-Legende Roberto Blanco auf der Brainwash-Bühne gleich doppelt, ein restlos gefüllter Vorplatz feiert den 88-Jährigen und seine Band mit „Roberto-Rufen“. Der hat den Spaß seines Lebens – „Haben Sie eine gute Zeit?!“ – und kämpft am Ende mit den Tränen. Denn das Publikum tauscht die Rolle und singt für den Senior des Festivals „(I’ve Had) The time of my life“.
Nach zehn Jahren ist Parookaville so stimmungsvoll wie vielleicht nie.