Deutscher sitzt auf „Mein Schiff“ von TUI fest: „Uns geht frische Kleidung aus“
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- Rund 30.000 Deutsche können nicht nach Hause kommen, weil der Luftraum im Nahen Osten gesperrt ist
- Fabian Tan und seine Familie sitzen seit Sonntag auf „Mein Schiff 5“ fest
- Hier berichtet er aktuell von der Lage an Bord und wie er Raketenalarm erlebt
Eigentlich war der Urlaub schon vorbei. Am Samstagmorgen sitzt Fabian Tan zusammen mit seiner Partnerin und der fünfjährigen Tochter angeschnallt im Flugzeug. Die Familie ist auf dem Weg nach Hause. Von Doha, Hauptstadt von Katar, soll es nach Berlin gehen. Die Maschine startet wie geplant um 9.30 Uhr. Doch nur zehn Minuten nach dem Abflug zerschneidet eine Durchsage des Piloten alle Pläne. „Plötzlich meldete sich der Pilot und erklärte, dass der Luftraum über dem Irak gesperrt worden sei, ein Weiterflug daher nicht möglich ist“, erzählt Fabian Tan. Er arbeitet bei der FUNKE Mediengruppe, zu der auch diese Redaktion gehört, als Programmierer.
Ein FUNKE Liebe
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Die Passagiere wissen zunächst nicht, dass zur gleichen Zeit Israel und die USA Raketenangriffe gegen Ziele im Iran starten. Das Flugzeug muss zunächst mehrere Warteschleifen westlich von Bahrain fliegen. „Eine halbe Stunde lang bestand noch die Hoffnung, dass wir vielleicht über Saudi-Arabien nach Europa geleitet werden“, schildert es der Berliner. Doch dann fällt die Entscheidung: Umkehr. Die Maschine landet wieder dort, wo sie gestartet war – in Doha. Seitdem sitzt Fabian Tan mit seiner Familie – genauso wie rund 30.000 weitere Deutsche – im Nahen Osten fest. In einer Krisenregion, die seit Samstagmorgen fast ununterbrochen unter Raketenbeschuss steht.
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„Wir dachten zuerst, dass es sich nur um eine Verzögerung handelt“, erzählt Fabian Tan, der mit seiner Familie letzte Woche eine Kreuzfahrt-Tour nach Dubai, Maskat und Doha unternahm. Das Ausmaß der Situation wird den Reisenden erst nach und nach klar. Stundenlang müssen sie mit Tausenden anderen Reisenden am Flughafen in Doha ausharren. Die Hauptstadt von Katar gilt als wichtiges Drehkreuz für den Flugverkehr zwischen Ost und West, entsprechend voll ist auch der Flughafen. „Abends wurde uns von unserer Fluggesellschaft ein Hotel zugewiesen. Gleichzeitig kamen Warnungen vor Raketenangriffen am Handy an“, erzählt der 49-Jährige. Die Familie darf eine Nacht in einem 5-Sterne-Hotel verbringen, die Kosten werden von der Fluggesellschaft übernommen. „Wir sollten das Hotel aus Sicherheitsgründen aber nicht mehr verlassen“, sagt der Programmierer.
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Nach dem Angriff auf den Iran hat Teheran mehrere US-Militäreinrichtungen am Persischen Golf attackiert. Der Luftwaffenstützpunkt Al-Udeid am Rande von Doha ist einer der wichtigsten US-Stützpunkte im Nahen Osten. Teheran lässt mehrere Raketen auf Al-Udeid fliegen, das Abwehrsystem fängt sie größtenteils ab, doch Doha meldet auch Einschläge von abgeschossenen Raketen. „Nachts und am frühen Morgen hörten wir mehrere Detonationen. Dazu gab es regelmäßig Handyalarm“, erzählt Fabian Tan.
Am Sonntag bietet der Reiseveranstalter der Familie an, zurück aufs Kreuzfahrtschiff zu kommen. Die Kosten werden vom Reiseanbieter übernommen. Die Familie nimmt das Angebot an und sitzt seitdem auf „Mein Schiff 5“ im Hafen von Doha fest.. Auf dem Kreuzfahrtschiff befinden sich nach offiziellen Angaben rund 2500 Passagiere, die meisten von ihnen sind deutsche Staatsbürger. Keiner darf das Schiff derzeit verlassen. „Wie es für uns weitergeht, wissen wir nach wie vor nicht“, berichtet Fabian Tan. Die Außendecks seien geschlossen, Gäste und Crew wurden angewiesen, sich im Schiffsinneren aufzuhalten und Fenster zu meiden. Auch „Mein Schiff 4“ mit 2500 deutschen Touristen hängt derzeit im Nahen Osten fest und liegt in Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Eskalation im Iran: Deutschland will zuerst Kinder, Kranke und Schwangere evakuieren
Außenminister Johann Wadephul (CDU) sah zunächst keine Chance für schnelle Hilfe. Eine militärische Evakuierung von deutschen Reisenden hat der Politiker zunächst ausgeschlossen. „Das werden wir nicht machen können, denn die Lufträume sind insgesamt geschlossen“, sagte Wadephul der „Bild“-Zeitung. Am Montagnachmittag hieß es dann von der Bundesregierung, man bereite nun doch die Entsendung von Flugzeugen in den Nahen Osten vor, um dort gestrandete deutsche Touristen nach Hause zu holen. Die Maschinen sollen nach Maskat im Oman und in die saudische Hauptstadt Riad geschickt werden, sagte Wadephul bei einer Pressekonferenz in Berlin. Dort seien die Lufträume noch geöffnet. Sicherheit gehe bei der Entsendung allerdings vor. „Wir werden so schnell wie möglich Maschinen für vulnerable Gruppen schicken“, sagte Wadephul. Dazu gehören Kinder, Kranke und Schwangere. Wann die Evakuierung starten soll, war am Montag noch nicht bekannt.
Mehrere deutsche Politiker begrüßten die Rückholpläne der Bundesregierung: Adis Ahmetović, außenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, sagte unserer Redaktion: „Diese Priorisierung besonders Schutzbedürftiger ist richtig und dringend erforderlich.“ Dennoch könne er nachvollziehen, dass vielen Betroffenen diese Maßnahmen aber noch nicht ausreichten. Die Grünen-Politikerin Luise Amtsberg, Mitglied des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, kritisierte dagegen die Bundesregierung. „Erst an Tag drei nach Ausbruch des Krieges anzukündigen, einzelne vulnerable Personengruppen aus der Region evakuieren zu wollen, reicht nicht aus“, sagte Luise Amtsberg unserer Redaktion. Die außenpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Cansu Özdemir, ist mit der Krisenkommunikation unzufrieden: „Mit der aktuellen Äußerung von Außenminister Wadephul, zunächst nur ältere Menschen, Kinder, Kranke und Schwangere evakuieren zu wollen, schürt die Bundesregierung weitere Verunsicherung.“
Urlauber sitzen auf Kreuzfahrtschiff fest: Warum gab es keine Reisewarnungen?
Auch am Dienstag sitzt Fabian Tan mit seiner Familie auf dem Kreuzfahrtschiff fest, auch wenn die Passagiere mittlerweile von Bord dürfen. „Jedoch dürfen wir nur auf dem Pier spazieren und in das Terminal Gebäude reingehen. In die Stadt selbst dürfen wir weiterhin nicht“, erzählt der 49-Jährige. Dazu noch steht die Familie vor weiteren Herausforderungen: „Uns geht langsam die frische Kleidung sowie Hygiene-Artikel aus.“ Die Stimmung an Bord sei weiterhin ruhig, auch wenn viele Passagiere fehlende Reisewarnungen von der Bundesregierung kritisieren. „Viele an Bord sagen, sie wären gar nicht gereist, wenn es vor der Reise entsprechende Warnungen gegeben hatte. Die gab es aber vor vier Tagen nicht“, sagt Fabian Tan.
Dafür sei die Dankbarkeit der Passagiere gegenüber der Crew von „Mein Schiff 5“ hoch. „Die Crew kümmert sich sehr gut um, mit offener, regelmäßiger Kommunikation. Dazu gibt es Ablenkung per Entertainment Programm und gratis Internet“, schildert es der Programmierer. Von Entspannung könne aber trotzdem keine Rede sein. Stattdessen kreisen Militärhubschrauber über dem Hafen, zwei Kriegsschiff liegen in Sichtweite und in regelmäßigen Abständen warnt das Handy vor Raketen. „Auch in der Nacht auf Dienstag haben wir mehrere Detonationen gehört“, berichtet der Berliner.
Auch Kai (30) aus Ostwestfalen sitzt auf der „Mein Schiff 5“ fest. Eigentlich hätte der Qualitätsmanager am Montag wieder arbeiten sollen. Doch statt am Schreibtisch zu sitzen, blickt er aus seiner Kabine direkt auf ein Marine-Schiff. Die Kreuzfahrt war sein erster Solo-Trip – so entspannt, wie sie begonnen hat, endet sie jetzt aber nicht. Statt wie geplant am Samstag zurückzufliegen, ging es für Kai nach neun Stunden Aufenthalt am Flughafen zurück auf das Schiff.
„Hier fühle ich mich sicherer als in der Luft“, sagt Kai. „Aber das Unwohlsein bleibt. Es ist nicht mehr dasselbe wie die Urlaubsstimmung am Anfang.“ Laut den Durchsagen auf dem Kreuzfahrtschiff versuche der Kapitän des Schiffes, sämtliche Hebel in Bewegung zu setzen, um die Gäste zu beruhigen. Doch selbst er konnte nur spärliche Informationen weitergeben. „Wir warten auf Rückmeldungen aus Deutschland, von der Botschaft und den Airlines.“
