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⇱ Iran-Krieg: In Bab al-Mandab entscheidet sich die nächste Phase


Funke Mediengruppe
Schifffahrt alarmiert

Bab al-Mandab: Droht hier die nächste Eskalation im Iran-Krieg?

Bab al-Mandab. Ein Raketenangriff aus dem Jemen verschärft den Nahost-Konflikt und bedroht globale Lieferketten. Ein Insider warnt vor einer „Katastrophe“.
Von Dirk Hautkapp, Korrespondent in Washington
Trump verschiebt erneut Iran-Ultimatum

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Es waren zunächst nur zwei Raketen. Und doch steckte in diesem Start aus dem Jemen mehr als eine weitere Episode in einem ohnehin schon überhitzten Krieg. Mit dem Angriff der von Teheran alimentierten Huthis auf Israel bekam der Krieg gegen Iran am Wochenende eine neue Geografie. 

Er verläuft nicht mehr nur entlang der bekannten Frontlinien zwischen Israel, Iran, Libanon und Irak, sondern reicht bis an den Eingang des Roten Meeres. In ihrem nüchternen Liveticker notierte die israelische Armee: „Die israelische Armee hat den Abschuss einer Rakete aus dem Jemen in Richtung israelisches Gebiet festgestellt.“ Die bürokratisch klingende Beiläufigkeit verdeckt die Brisanz.

Aktuelle Nachrichten zum Krieg in Nahost

Huthis eröffnen neue strategische Front gegen Israel

Die Huthis selbst lassen keinen Zweifel daran, wie sie ihren Schritt verstanden wissen wollen. Sie bekannten sich zu Angriffen auf „sensible“ israelische Militärziele und setzten gleich die passende Drohkulisse daneben. „Unser Finger ist am Abzug”, sagte ihr Militärsprecher Yahya Saree. Die Miliz will nicht mehr nur jemenitischer Akteur sein, sondern Teil jener von Iran gestützten Achse, die ihre Macht daraus bezieht, Konflikte räumlich zu strecken und Gegner an mehreren Punkten zugleich zu zermürben.

Noch ist das keine zweite Front im klassischen Sinn. Aber es ist sehr wohl die Eröffnung einer zweiten strategischen Front: eine Front aus Reichweite, Drohkulisse und Überdehnung. Die Huthis müssen Israel gar nicht ernsthaft militärisch überwältigen, um Teheran nützlich zu sein. Es reicht, wenn sie Israel zwingen, noch einen Anflugkorridor zu überwachen, noch einen Bedrohungsvektor abzudecken, noch mehr Luftabwehr und Aufklärung in den Süden zu verlegen. Israels Militärsprecher Effie Defrin hat den Kern dieser Lage in einen knappen Satz gepresst: „Wir bereiten uns auf einen Mehrfrontenkrieg vor.”

Bab al-Mandab: Engpass gefährdet globale Lieferketten und Preise

Der neuralgische Punkt heißt Bab al-Mandab. Eine schmale Meerenge am südlichen Zugang zum Roten Meer. Wer sie bedroht, bedroht nicht nur eine Route. Er bedroht Fahrpläne, Lieferketten, Versicherungsprämien und am Ende auch Inflationsraten

In der Schifffahrt ist der Ton deshalb längst alarmiert, auch wenn er betriebswirtschaftlich geschniegelt daherkommt. Hapag-Lloyd formuliert es so: „Die Sicherheit unserer Besatzungen, Schiffe und ihrer Ladung hat für uns weiterhin höchste Priorität.“ In der Sprache der Branche heißt das: Das Risiko ist immens hoch.

Huthi-Rebellen fahren Patrouille: nicht nur ein regionales Problem. © AFP | MOHAMMED HUWAIS

Suezkanal-Krise: Reedereien wählen teuren Umweg ums Kap der Guten Hoffnung

Was das praktisch bedeutet, steht im nächsten Satz derselben Industrie. Er ist noch aufschlussreicher. Hapag-Lloyd teilt offen mit: „Alle Fahrten werden derzeit über das Kap der Guten Hoffnung statt über den Suezkanal geleitet.“ Wenn Reedereien das sagen, ist der Krieg bereits tief in der Weltwirtschaft angekommen. Die Umfahrung Afrikas kostet Zeit und Treibstoff, Schiffsraum. Frachtraten, Versicherungen und Lagerkosten werden neu geschrieben.

Wie teuer das würde, lässt sich an den Energieströmen ablesen. Nach Daten der US-Energiebehörde (EIA) liefen im ersten Halbjahr 2025 rund 4,2 Millionen Barrel Öl und Ölprodukte pro Tag durch Bab al-Mandab. Über Suezkanal und SUMED, die Suez-Mittelmeer-Pipeline, also die Leitung vom Roten Meer zum Mittelmeer, kamen weitere 4,9 Millionen Barrel pro Tag. Wird die Route unsicher, fahren Tanker Umwege. Die EIA veranschlagt für die Umleitung vom Arabischen Meer nach Europa um das Kap der Guten Hoffnung herum etwa 15 zusätzliche Tage. 

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Brancheninsider warnt vor Katastrophe bei gleichzeitiger Blockade beider Engstellen

Würden die Straße von Hormus und zugleich Bab al-Mandab unpassierbar, stünden grob gerechnet rund 24 Millionen Barrel Öl und Ölprodukte pro Tag an beiden Engstellen unter Druck.

Deshalb wäre eine Huthi-Kampagne gegen die Schifffahrt ökonomisch nicht nur ein regionales Problem. Dem Weltmarkt entstünde sehr schnell ein gewaltiger Ausfall. Für den Ölpreis hieße das fast zwangsläufig: ein neuer Risikoaufschlag. Wenn beide maritimen Ventile der Region gleichzeitig „verstopfen“ und das über Wochen, darf man von einer „Katastrophe“ sprechen, sagt ein Brancheninsider in Washington.

Podcast-Folge
Raketen aus dem Libanon: Alltag im Norden Israels im Schatten des Iran-Kriegs
Im Krisenmodus

Huthis betreiben gefährlichen Balanceakt

Für die USA wäre ein voller Kriegseintritt der Huthis zudem mehr als ein lästiger Nebenschauplatz. Washington müsste nicht nur Israel indirekt stützen, sondern zugleich wieder Kräfte für Geleitschutz, Luftabwehr, Aufklärung und mögliche Schläge im Jemen binden. Ex-Centcom-Chef Michael Kurilla hat die Logik dieser Einsätze schon 2025 erklärt. Huthi-Angriffe hätten eine harte Reaktion nötig gemacht, „um unsere Seeleute und Schiffsbesatzungen zu schützen und die Freiheit der Schifffahrt wiederherzustellen“. Genau das würde nun erneut gelten – nur unter den Bedingungen eines ohnehin eskalierten Regionalkriegs.

Analysten weisen seit Langem darauf hin, dass die Huthis einen Balanceakt betreiben. Sie wollen ihre Zugehörigkeit zur iranischen Einflusssphäre demonstrieren, ohne eine vernichtende Gegenreaktion zu provozieren. Der erste Raketenangriff wirkt deshalb noch symbolisch: ein Signal der Handlungsfähigkeit, ein Bekenntnis zur Achse, vielleicht auch eine Botschaft nach Teheran. Aber Symbole haben in dieser Region die unangenehme Eigenschaft, schnell in die Praxis überzugehen. Aus einem demonstrativen Schuss kann eine Kampagne werden, die den Krieg wirtschaftlich weiter globalisiert.

Die eigentliche Nachricht dieses Wochenendes ist deshalb nicht nur, dass eine Rakete aus dem Jemen auf Israel abgefeuert wurde. Die eigentliche Nachricht lautet: Der Krieg sucht sich neue Hebel. Und einer dieser Hebel liegt dort, wo Afrika und Arabien einander fast berühren – in einer Meerenge, die schmal ist, aber für die Weltwirtschaft enorm breit wirkt. Aus einer symbolischen Geste kann dort binnen Stunden ein globales Problem werden.

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