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⇱ Syrien: Freiwilliger Rückkehrer berichtet – „Hatte Gänsehaut, als ich die Stadt betrat“


Funke Mediengruppe
Nach dem Bürgerkrieg

Freiwillige Rückkehr nach Syrien: „Hatte Gänsehaut, als ich die Stadt betrat“

Homs/Berlin. Tausende Syrer wagen nach Jahren des Krieges die Rückkehr in ihre Heimat, getragen von Hoffnung und Neuanfang. Doch was erwartet sie dort?
Von Mohammed Al Masri
Ein Kind läuft durch den zerstörten Stadtteil Karam Shashem in Homs © Jabbar Abdullah

Die Entscheidung, das Heimatland zu verlassen, ist nicht leicht zu treffen. Insbesondere in Fällen, in denen Menschen vor Krieg fliehen müssen, wie es bei der syrischen Bevölkerung der Fall war. Nach dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 keimt bei vielen Geflüchteten nun Hoffnung auf, eines Tages in ihre Heimat zurückkehren zu können. Manche haben sich bereits entschlossen – und die Sicherheit in Deutschland gegen die mühsame Arbeit am Wiederaufbau eingetauscht. Sie sind freiwillig in das von Bürgerkrieg und Assad-Terror verheerte Land zurückgekehrt.

„Ich bin sehr froh, dass der Krieg vorbei ist und ich endlich wieder mit meiner Familie in Syrien sein kann“, berichtet Jabbar Abdullah unserer Redaktion. Erst vor ein paar Tagen habe er mit einem Freund einen Spaziergang in seinem Heimatland machen können, sagt Jabbar. „Zu Zeiten des Regimes war das undenkbar.“ Zu groß sei die Gefahr gewesen, den Schergen des Diktators Baschar al-Assad in die Arme zu laufen. „Jetzt haben wir dieses Gefühl der Bedrohung nicht mehr. Wir fühlen uns sicher.“

Der 34-Jährige ist Kurator und Autor, stammt aus Syrien. Er floh erst nach Alexandria in Ägypten, kam von dort in die Bundesrepublik. Seit 2014 lebte er in Köln. Geboren wurde er in der Stadt Raqqa, im Nordosten des Landes. In Deutschland hat er über seine Flucht und das Leben fern der Heimat ein Buch geschrieben. „Raqqa am Rhein“ heißt es. Es ist eine eindrückliche Mischung aus Schilderungen seiner Kindheit in der Assad-Dikatur und Augenzeugenberichten von der Brutalität des Regimes und der Herrschaft der IS-Terrormiliz.

Zudem war er im Römisch-Germanischen Museum in Köln tätig und engagiert sich für den kulturellen Austausch zwischen Syrern und Deutschen. Im Jahr 2019 gelang Jabbar und seiner Familie die Einbürgerung. Sie sind Deutsche – und nun trotzdem wieder im Heimatland. Derzeit lebt er in der Stadt Homs in einer bescheidenen Mietwohnung mit seiner Frau und dem gemeinsamen Kind. Gelegentlich muss er für berufliche Engagements zurück nach Deutschland.

Rückkehr in ein zerstörtes Land

Im Jahr 2025 kehrte er in Begleitung seiner Familie nach Syrien zurück. Er sah sich bei seiner Rückkehr einer düsteren Zukunft gegenüber, hatte die Zerstörung ganzer Stadtbezirke in Städten wie Homs, Aleppo und Damaskus miterlebt. Zwar fühlen sich viele Syrerinnen und Syrer in ihrer Heimat wieder sicher und können frei atmen. Jabbar berichtet, die Regierung von Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa halte guten Kontakt zu den Menschen im Land und kümmere sich darum, dass Recht und Gesetz durchgesetzt würden.

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Doch mangelt es den Menschen oft an den finanziellen Mitteln, um vor Ort ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Infrastruktur in Syrien ist in Teilen vollständig zerstört, und der Wiederaufbau wird noch geraume Zeit in Anspruch nehmen. Auch die Wirtschaftslage ist instabil.

Trotz der widrigen Umstände bemühen sich die Syrer, ihr Leben in geordnete Bahnen zu lenken. Viele leisten einen Beitrag zum Wiederaufbau ihres Heimatlandes: Es gibt Menschen, die ihre maroden Häuser eigenhändig renovieren und so neue Hoffnung schöpfen, ihre Ländereien zu einem besseren und sichereren Ort zu machen.

BAMF unterstützt freiwillige Syrien-Rückreisen

Die Bundesregierung beschreibt die humanitäre Situation im Land als schlecht: Auf eine parlamentarische Anfrage der Linkspartei im Bundestag antwortete sie, 70 Prozent der Bevölkerung seien auf Hilfe angewiesen. Wer dennoch freiwillig in das Land zurückgeht, kann Unterstützung von der Bundesrepublik bekommen. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), teilte unserer Redaktion mit, dass im Rahmen des Bund-Länder-Programms REAG/GARP seit dem 13. Januar 2025 wieder freiwillige Ausreisen in das Herkunftsland Syrien organisiert werden.

Das Programm hilft Geflüchteten, die eine dauerhafte Rückkehr in ihr Herkunftsland oder in einen aufnahmebereiten Drittstaat anstreben. Förderfähig seien etwa Reisekosten, eine Reisebeihilfe, eine finanzielle Starthilfe sowie gegebenenfalls bei Bedarf Kosten für Medikamente oder medizinische Behandlungen.

Im Stadtviertel Karam Shamshem in Homs stehen oft nur noch die Überreste von zerstörten Gebäuden. © Jabbar Abdullah

Im Jahr 2025 haben laut Auskunft des BAMF 5976 Syrerinnen und Syrer Anträge eingereicht. Von diesen seien bis zum 31. Dezember 2025 3678 mithilfe des Förderprogramms nach Syrien ausgereist. Tatsächlich könnten mehr Menschen bereits zurückgekehrt sein; wer unabhängig von dem Programm ausreist, werde vom Bundesamt nicht statistisch erfasst.

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Insgesamt 1,22 Millionen Menschen mit syrischen Wurzeln leben laut Statistischem Bundesamt in Deutschland, 512.348 von ihnen verfügten zuletzt über einen Schutzstatus. Vor gut einem Jahr sah das noch anders aus: Da waren im Ausländerzentralregister (AZR) noch rund 974.000 syrische Staatsbürger gespeichert. Doch seit 2023 erfüllen viele Syrer die Anforderungen für eine Einbürgerung, in Bezug auf Aufenthaltsdauer, Sprachkenntnisse und die Sicherung des eigenen Lebensunterhalts – sie sind wie die Familie von Jabbar Abullah Deutsche geworden.

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Assads Truppen zerstörten Stadtviertel nach System

Aus Homs berichtet Jabbar unserer Redaktion, dass der historische Kern der Stadt vollständig zerstört sei. Systematisch seien die Anhänger des Assad-Regimes dabei vorgegangen; in vielen Stadtvierteln, darunter Al-Khalidiya, Al-Bayada, Karm Shamsham und Al-Houla, kam es zu Verwüstungen. Die Zerstörung erfolgte in mehreren Phasen: Zunächst wurde das gesamte Viertel bombardiert, anschließend wurden alle Menschen vertrieben, die dort gelebt hatten.

Die Regierungstruppen hätten dann ganze Stadtviertel an kriminelle Banden verkauft, die die Gebäude von Grund auf ausplünderten. Dabei stahlen sie Metallgegenstände, Fenster, Kabel und Elektrogeräte wie Herde, Fernseher und Kühlschränke sowie ganze Möbelstücke. Diese haben sie auf Flohmärkten weiterverkauft.

Reste eines Wohnhauses in Homs. © Jabbar Abdullah

Zerstörte Viertel in Homs: Bewohner errichten neues Leben unter Trümmern

Auf Bildern, die Jabbar Abullah mit unserer Redaktion teilte, wird die Zerstörung der Stadtviertel eindrucksvoll deutlich: Die Bausubstanz ist vielerorts vollständig zerstört. In den Trümmern haben Menschen improvisierte Behausungen errichtet, einen Gemüsestand, eine Tischlerei oder einen Lebensmittelladen. Aller Schäden zum Trotz, haben sich die Bewohner das Ziel gesetzt, ihrer Heimatstadt wieder neues Leben einzuhauchen.

Immerhin scheint die Infrastruktur einigermaßen zu funktionieren. „Das Leben in Homs ist gut und wird von Tag zu Tag besser. Die Menschen wollen Krieg und die schwierigen Lebensbedingungen hinter sich gelassen“, berichtet Jabbar. Daher werde jede Verbesserung als Schritt in die richtige Richtung wahrgenommen. Die Stromversorgung funktioniere, es gebe Wasser, „zudem sind alle Rohstoffe verfügbar“, sagt Jabbar. Der Staat arbeite zudem daran, Korruption zu bekämpfen. „Das hat zu einer Verbesserung der allgemeinen Stimmung und des Alltagslebens beigetragen.“

Einige Menschen sind in ihr zerstörtes Viertel in Homs zurückgekehrt. Sie wollen es wieder aufbauen und ihr Leben dort neu beginnen. © Jabbar Abdullah

Inzwischen kann Jabbar auch wieder in seine Heimatstadt

Wegen der Anwesenheit kurdischer Milizen in Raqqa, war es Jabbar erst nicht möglich, in seine Heimatstadt zurückzukehren. Die Milizen hätten Männer zum Dienst gezwungen, schreibt er. Mittlerweile sind die Kurden aus der Stadt abgezogen, die Lage entschärft sich etwas. „Alle Menschen sind derzeit entspannt und zufrieden. Sie freuen sich, dass die Stadt frei ist. Ich war am zweiten Tag nach dem Abzug der Kurden dort“, berichtet Jabbar unserer Redaktion. „Ich hatte Gänsehaut, als ich die Stadt betrat. Dort habe ich meine Kindheit verbracht.“

Raqqa wurde 2013 von der Terrormiliz des selbst ernannten Islamischen Staats besetzt; bis 2017 galt die Stadt als die syrische Hauptstadt des IS, dann vertrieben die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) mit US-amerikanischer Luftunterstützung den IS aus Raqqa. Die SDF konnte sich als Regierungsmacht aber in der mehrheitlich arabisch geprägten Stadt nicht etablieren und wurde zunehmend als Fremdherrschaft empfunden. Schließlich rückten die Truppen der Übergangsregierung von al-Schaara vor und den Kurden blieb nur der Rückzug.

Vor ihrem Abzug, sprengten sie die beiden Brücken, die die Stadt Raqqa und Der-Elzor verbinden. „Die Menschen kommen nicht so einfach in die Gegend, weil sie einen sehr langen Umweg machen müssen“, erklärt Jabbar. Jetzt benötige die Stadt eine gute Führung, die auch den Kampf gegen Korruption aufnimmt. „Außerdem brauchen wir jemanden, der die vielen Grünflächen in der Stadt pflegt.“

Die Menschen hätten große Hoffnungen auf eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage, sagt Jabbar. „Höhere Löhne für Arbeitnehmer und Sicherheit. Das sind die Lebensgrundlagen, die jedes Mitglied der Gesellschaft braucht.“ Bis es soweit ist, müssen sich die Syrerinnen und Syrer wohl noch in Geduld üben. „Unsere Wirtschaft braucht Zeit, um sich zu erholen“, so Jabbar.

Sein Plan für die Zukunft in Syrien: „Ich möchte gerne im Bereich Archäologie und Museen weiterarbeiten.“ Außerdem schreibt er sein nächstes Buch – ein Roman über den Schutz und die Wiederbelebung historischer Stätten sowie die Verbindung der Menschen zu ihrem kulturellen Erbe.

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