US-Militäreinsatz gegen Grönland wäre „nach einer halben Stunde vorbei“
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Weiter große Sorge um Grönland nach der Übernahmedrohung von US-Präsident Donald Trump: Ein Krisentreffen von USA, Dänemark und Grönland in Washington brachte kein greifbares Ergebnis, von der Einsetzung einer gemeinsamen Arbeitsgruppe abgesehen. Trump lobte danach zwar „eine sehr gute Beziehung zu Dänemark“, bekräftigte aber den US-Anspruch auf die riesige Arktis-Insel. Wie könnten die Vereinigten Staaten den Anspruch umsetzen? Droht jetzt ein Militäreinsatz? Die wichtigsten Fragen und Antworten.
Wie würde ein US-Militäreinsatz ablaufen?
Militärisch würden die USA die weltgrößte Insel im Handstreich nehmen. Unter Sicherheitsexperten herrscht Einigkeit in der Einschätzung, dass US-Soldaten Grönland ohne größeren Widerstand besetzen und zum Territorium der Vereinigten Staaten erklären könnten. „Ein militärischer Einsatz wäre in einer halben Stunde oder weniger vorbei“, sagt die dänische Arktis-Expertin Lin Mortensgaard vom Institut für Internationale Studien (DIIS).
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Schon jetzt haben die USA mehr Soldaten auf Grönland stationiert als Dänemark. 600 bis 800 US-Militärangehörige leisten in der Weltraumbasis Pituffik hoch im Norden Dienst, davon 200 Soldaten der Space Force. Die US-Armee verfügt in Pituffik über eine große Landebahn und den nördlichsten Tiefseehafen der Welt, was schnelle und umfangreiche Truppentransporte erlaubt. Für eine Invasion würde wahrscheinlich die in Alaska stationierte 11. Luftlandedivision eingesetzt, zu der zwei Arktis-Brigaden gehören – die Soldaten sind speziell für die Kriegsführung im ewigen Eis ausgebildet und trainiert. Die Division („Arctic Angels“) ist für Multi-Domain-Operationen auch in entlegensten Gegenden vorgesehen.
Dänemark ist mit 300 bis 400 Militärangehörigen in Grönland präsent, viele von ihnen sind mit Verwaltungsaufgaben befasst. Das dänische Militär verstand sich bisher eher als Polizei und Küstenwache, sie verfügt nur über mehrere Inspektionsschiffe, ein Überwachungsflugzeug und eine Hundeschlitten-Einheit – die Sirius-Patrouille besteht aus etwa 30 Soldaten und 80 Hunden. Die dänische Regierung hat zwar jetzt eine Aufrüstung beschlossen und will auch die Militärpräsenz erhöhen. Doch am Kräfteverhältnis wird sich so schnell nichts ändern. Insgesamt verfügt die dänische Armee nur über 20.000 aktive Soldaten.
Arktis-Expertin Mortensgaard sagt, die USA besäßen die funktionale Kontrolle über Grönland. Dänemark tue gerade genug, um den Anspruch auf Grönland völkerrechtlich abzusichern, aber es gebe keine Kapazitäten, um den Raum militärisch zu kontrollieren oder zu verteidigen. „Die militärische Sicherheit Grönlands wird nicht in Kopenhagen, sondern in Washington garantiert.“ Auch Kristian Soby Kristensen vom Zentrum für Militärstudien an der Uni Kopenhagen sagt: „Dänemarks Präsenz dort ist keine Verteidigung im klassischen Sinne, sondern ein diplomatisches Signal.“
Würde die Nato Dänemark gegen die USA helfen?
Nein. Für einen Nato-Einsatz fehlt es an allen Voraussetzungen, auch wenn Dänemark Beistand nach Artikel 5 des Nato-Vertrags anfordern sollte. Erstens müssten alle 32 Nato-Staaten einstimmig den Bündnisfall ausrufen – die USA als größter Nato-Staat würden das natürlich nicht tun. Für den Fall, dass ein Nato-Staat einen anderen angreift, ist im Vertrag der Allianz keine Regelung getroffen. Zweitens: Selbst wenn es in Europa die Idee zu einem Verteidigungseinsatz gegen die USA gäbe – die Kommandostrukturen sind in der Hand der USA. Im Nato-Hauptquartier Mons bei Brüssel ist US-General Alexus Grynkewich als Oberbefehlshaber für alle militärischen Operationen der Nato verantwortlich. Das Nordwest-Kommando der Allianz, das auch für die europäische Arktis zuständig ist, hat seinen Sitz im amerikanischen Norfolk.
Natürlich bliebe es einzelnen Staaten frei, auf eigene Faust Truppen nach Grönland zu entsenden. Gegen die weit überlegene US-Armee ein Selbstmordkommando. Es gilt in der Nato als völlig ausgeschlossen. Nato-Generalsekretär Mark Rutte tut deshalb so, als gäbe es für die Nato im Grönland-Fall „keinerlei Krise“. Im Zweifel gilt, dass der Fortbestand der Allianz Vorrang hat. Die Europäer brauchen die USA einerseits als Sicherheitsgarant für die Ukraine, andererseits auch zur Abschreckung gegen Russland, vor allem durch den atomaren Schutzschirm der USA. Im Zweifel, sagen Nato-Diplomaten, würde dafür Grönland geopfert, auch wenn das Vertrauen in die Allianz einen irreparablen Knacks bekäme.
Wie wahrscheinlich ist ein Militäreinsatz?
Unklar. Trump weiß, dass er damit einen schweren Vertrauensschaden in der Nato und in den Beziehungen zu bisherigen Verbündeten riskieren würde. Der „New York Times“ sagte er jetzt, er werde sich möglicherweise zwischen der Nato und Grönland entscheiden müssen. Entscheidet er sich gegen die Nato, wären Amerikas Partner weltweit gewarnt und schockiert.
Trump müsste auch mit Widerstand im US-Kongress rechnen. Auch republikanische Abgeordnete haben Bedenken. Im Gespräch ist eine Gesetzesinitiative von Abgeordneten, die die Einnahme Grönlands ausdrücklich verbieten würde. Gegen einen Militäreinsatz spricht auch, dass ein Teil der 57.000 Grönländer möglicherweise passiven Widerstand leisten würde. Viele Grönländer wollen zwar die Unabhängigkeit von Dänemark, eine breite Mehrheit lehnt derzeit aber eine Übernahme durch die USA ab. Die Grönländer würden die dänische Staatsbürgerschaft behalten und hätten damit eine gewisse Rückversicherung.
Wie könnte Trump Grönland ohne Militär einnehmen?
Ein von Trump angebotener Kauf der Insel dürfte nicht zustande kommen, die dänische Regierung lehnt das strikt ab. Der Präsident könnte aber versuchen, Grönland durch hybride Aktionen unter Kontrolle zu bekommen, so wie es der russische Präsident Wladimir Putin 2014 bei der Krim machte. Am ehesten gelänge es, wenn die USA die Unabhängigkeitsbewegung Grönlands unterstützen. In Washington gibt es Pläne, jedem Grönländer bis zu 100.000 Euro zu versprechen, sollte sich die Insel den USA anschließen wollen.
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Wenn sich die Grönländer mit einem Referendum für die Loslösung von Dänemark aussprechen, könnte Trump mit Grönland dann ein Abkommen abschließen. Modell könnte eine Übernahme sein wie im Fall der Karibik-Insel Puerto Rico, die als Außengebiet zum Territorium der USA gehört. Puerto Rico ist kein US-Bundesstaat, aber die Bürger besitzen die US-Staatsbürgerschaft, Trump ist auch hier Präsident. Offenbar sind die US-Geheimdienste in Grönland bereits aktiv. Der dänische Nachrichtendienst PET warnte, Grönland sei „Ziel von Einflusskampagnen verschiedenster Art“. Mehrmals hat die dänische Regierung schon in Washington protestiert.
Der US-Experte Jeremy Shapiro vom Thinktank European Council on Foreign Relations (ECFR) hat in einer neuen Studie ein Übernahmeszenario durchgespielt: Mit hohen Milliardeninvestitionen, versteckter Einflussnahme etwa auf grönländische Politiker und der Nutzung rechtlicher Grauzonen würden die USA die Beziehungen zu Grönland verbessern, so der frühere Beamte des US-Außenministeriums. Ziel wäre es, dass das grönländische Parlament die vorläufige Autonomie beschließt und Washington einlädt, die Souveränität anzuerkennen. Erst danach würde Trump die Militärpräsenz in Grönland massiv verstärken und 2028 einen Assoziierungsvertrag abschließen.
Was planen jetzt die europäischen Staaten?
Dänemark und die europäischen Verbündeten wissen, dass sie eine groß angelegte US-Invasion nicht stoppen könnten. Militärischer Widerstand wäre zwecklos. Ziel ist es aber, die „Schwelle für einen Angriff“ durch internationale Präsenz so hoch wie möglich zu legen und zugleich zu demonstrieren, dass die von Trump ins Feld geführten Sicherheitsprobleme für Grönland auch von der Nato gemeinsam gelöst werden könnten. Dänemark kündigte an, seine militärische Präsenz in der Arktis auszubauen. Unmittelbar danach erklärten mehrere europäische Länder – neben Deutschland auch Schweden, Norwegen und Frankreich –, sie wollten Soldaten nach Grönland schicken. Zunächst als Vorhut, um weitere Optionen auszuloten. Offizielles Ziel der eher symbolischen Initiative ist es, die Fähigkeit zum Einsatz unter den besonderen Bedingungen in der Arktis zu trainieren und die Präsenz des Verteidigungsbündnisses zu stärken.
