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⇱ Iran: Angriffe auf Juden in Europa – Stecken „Schläferzellen“ der Mullahs dahinter?


Funke Mediengruppe
Harakat Ashab al-Yamin

Welle der Gewalt gegen Juden: Ermittler besorgt über neue islamistische Gruppe

Berlin/Amsterdam. Sieben antisemitische Angriffe in EU-Staaten, nur im März. Islamisten bekennen sich. Steckt eine „Schläferzelle“ iranischer Mullahs dahinter?
Von Ahmad Shihabi und Christian Unger
Ein Polizeifahrzeug steht vor einer jüdischen Schule in Amsterdam, in der es zu einer Explosion gekommen ist. (Archivbild) © Michel Van Bergen/ANP/dpa | Michel Van Bergen

Der Videoclip ist nur wenige Sekunden lang, aufgenommen offenbar mit einer Handykamera. Das Bild wackelt, doch im Hintergrund ist klar zu sehen, wie eine Flamme hochschießt. Dann leuchtet eine Explosion auf. Wieder wackelt das Bild. Die Person mit der Kamera rennt los, steigt auf ein Motorrad, fährt los.

Eingeblendet in das Video sind ein Datum, „26/3/14“, und arabische Schrift. Dort steht: „Angriff auf Synagoge in Amsterdam.“ Was die Täter für eine „Synagoge“ halten, ist in Wirklichkeit die jüdische Schule in der niederländischen Metropole. Ein Mensch ist nicht zu Schaden gekommen – doch ist der Brandanschlag Teil einer Serie von Attacken gegen Jüdinnen und Juden in Europa. Dahinter steckt eine Gruppe, die in Sicherheitsbehörden und unter Fachleuten noch als „Blackbox“ gilt: Harakat Ashab al-Yamin al-Islamieh.

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„Wir kennen bisher keine Spuren der Gruppe aus der Vergangenheit“, sagt der norwegische Terrorismus-Forscher Petter Nesser unserer Redaktion. Aber es gibt Hinweise. Und die legen nahe, dass die Täter im Namen des schiitischen Mullah-Regimes im Iran agieren.

Sogar in Griechenland soll die Gruppe eine jüdische Einrichtung attackiert haben

In Deutschland kam es bisher zu keinen Übergriffen. Und doch sind Ermittler hierzulande beunruhigt. Die Gruppierung zeige eine hohe Aktionsbereitschaft, sei offenbar sehr gewaltaffin, heißt es in Behördendeutsch. Anders ausgedrückt: Die Täter sind fest entschlossen, Gewalt gegen Juden zu verüben.

In den ersten Märzwochen veröffentlichen mutmaßliche Angreifer weitere Videos im Messengerdienst Telegram und auf der Kurznachrichtenplattform X. Und die Polizei registriert weitere Attacken, etwa auf die Synagoge in der ostbelgischen Stadt Lüttich. Vor einer Synagoge in Rotterdam legen Täter Feuer. Sogar in Griechenland soll die Gruppe eine jüdische Einrichtung attackiert haben.

Auch die Londoner Polizei prüft nach dem als antisemitisch eingestuften Brandanschlag auf einen jüdischen Rettungsdienst mögliche Verbindungen zu dieser neuen islamistischen Gruppierung. Ein „im Internet veröffentlichtes Bekennerschreiben einer islamistischen Gruppe“ sei den Ermittlern bekannt, sagte der Chef der Metropolitan Police, Mark Rowley.

In der Nacht zum Montag hatten mindestens drei Unbekannte vier Krankenwagen des Rettungsdienstes der jüdischen Gemeinde in Golders Green in Brand gesetzt. Verletzt wurde niemand. Nach aktuellem Stand behandelt die Polizei den Fall als antisemitisches Hassverbrechen, nicht als Terrorakt.

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Unterlegt sind die mutmaßlichen Bekennervideos mit epochaler Musik. Und mit hetzerischen Worten. „An all die Menschen in der Welt, speziell in der Europäischen Union, distanziert euch sofort von allen amerikanischen und zionistischen Interessen, ihren Gebäuden und was mit ihnen in Verbindung steht“, heißt es in einem Video. In den folgenden Sekunden zoomt die Kamera auf einen Bürokomplex in Amsterdam, dort haben viele US-Firmen ihre Büros. Auch hier will die Gruppe zugeschlagen haben. Denn die Täter wollen sich, wie es scheint, für die Bombenangriffe des amerikanischen und israelischen Militärs auf den Iran rächen.

Gruppenlogo mit Gewehr und roter Fahne erinnert an Iran-Milizen

In den Videos, die der Gruppe zugerechnet werden, prankt ein Logo. Es zeigt einen gestreckten Arm, in der Faust: ein Gewehr. Dahinter eine rote Fahne, für viele Schiiten ist diese ein Symbol für Rache. Dazu die Aufschrift „Harakat Ashab al-Yamin al Islamieh“. Der Name der Gruppe bedeutet wörtlich so etwas wie „Islamische Bewegung der Gefährten der Rechtschaffenden“. Von Relevanz ist noch ein Wort im Logo: „Dschihad“ steht dort auf Arabisch. Gemeint ist der Krieg gegen den Feind. Wer dieser Gegner ist, ist eindeutig: USA und Israel – und deren Verbündete in Europa.

Brisant ist: Dieses Design weist Ähnlichkeiten mit den Logos bewaffneter Gruppen auf, die mit dem Iran verbunden sind, wie beispielsweise das Logo der Islamischen Revolutionsgarde im Iran, der Hisbollah-Brigaden im Irak oder der Hisbollah im Libanon.

Auch mit diesem Logo präsentiert sich „Harakat Ashab al-Yamin al Islamieh“ in den sozialen Medien. © Harakat Ashab al-Yamin al-Islamia | Harakat Ashab al-Yamin al-Islamia

Bisher sind die Täter von Amsterdam und anderen Orten nicht gefasst. Und auch die Gruppe war selbst Fachleuten bisher kaum oder gar nicht bekannt. Beginnt da eine neue dschihadistische Bewegung Angriffe im Namen der Mullahs in Europa?

Die Texte und Botschaften sind auf Arabisch – nicht auf Persisch, der Landessprache im Iran

Unsere Redaktion hat auf Messengerdiensten recherchiert. Mehrere Anschlagsvideos wurden auf Kanälen verbreitet, die dem Regime in Teheran nahestehen, etwa der Kanal „iranhashtags“. Dieser Account ist mittlerweile von X gelöscht. Auch Medienkanäle der schiitischen Islamisten der Hisbollah im Libanon verbreiten die Videos der Gruppe. Manche der Internetprofile wurden schon 2023 gegründet – allerdings mit bisher wenig Aktivitäten.

Auch der Name der Gruppe kann ein Hinweis auf eine Nähe zum Iran sein. Die Hamas, die eng verbündet ist mit den Islamisten in Teheran, heißt nicht abgekürzt „Harakat al Muqawama al Islamieh“ oder „Islamische Widerstandsbewegung“. Will sich die neue Gruppe bewusst sprachlich andocken?

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Die Texte und Botschaften sind auf Arabisch – nicht auf Persisch, der Landessprache im Iran. Ein Hinweis darauf, dass die Mitglieder der Gruppierung nicht aus dem Iran selbst stammen. Fachleute gehen davon aus, dass die Täter Bezüge zum Irak haben. Darauf deuten auch Recherchen dieser Redaktion hin. Denn vor allem im Irak verbreiten Accounts in den sozialen Medien die Propaganda der „Gefährten der Rechtschaffenden“. In den sozialen Medien heißt es, die Gruppe gehöre dem „Islamischen Widerstand“ im Irak an. So stufte die US-Regierung 2024 eine irakische Organisation als Terrorgruppe ein, die „Harakat Ansar Allah al-Awfiya“.

Die Täter zeigen Verbindungen in organisierte kriminelle Netzwerke

Wer mit deutschen Ermittlern spricht, hört Unsicherheit. Zum einen hinsichtlich der Frage, ob die nun auftauchende „Harakat Ashab al-Yamin“ eine eigenständige Gruppe ist. Unklar scheint auch, wie viele Akteure dazuzählen – und vor allem, wie die Gewalttaten in Europa gesteuert werden. Deutsche Sicherheitsbehörden sammeln nach Informationen unserer Redaktion aktuell noch Informationen in Nachbarländern, in denen die Gruppe bereits aufgefallen ist, vor allem bei den Nachrichtendiensten in den Niederlanden.

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Synagogen und jüdische Schulen sind immer wieder Ziele von Islamisten und Dschihadisten – auch von Tätern, die mutmaßlich von iranischen Geheimdiensten beauftragt wurden. In Nordrhein-Westfalen verurteilte ein Gericht einen Deutsch-Iraner, der 2022 einen Anschlag auf eine Synagoge in Bochum geplant hatte. Und im vergangenen Sommer nahm die Polizei den jungen Afghanen Ali S. fest. Er soll für die Mullahs Ziele in Berlin für Anschläge ausgespäht haben.

Was auffällt: Die Täter zeigen Verbindungen in organisierte kriminelle Netzwerke. Die nennen sich „Foxtrot“ oder „Rumba“ oder „Loyal to Familia”, agieren vor allem in Schweden und Dänemark. Oftmals werden junge Männer, manchmal Minderjährige, von OK-Gruppen rekrutiert. Ihr Kerngeschäft ist Drogenhandel, aber auch Schutzgelderpressung und Waffenschmuggel.

Konkrete Anschlagspläne kennen die deutschen Behörden bisher nicht

Die USA führen seit vergangenem Jahr den Anführer von „Foxtrot“, Rawa Majid, auf ihrer Sanktionsliste. In dem Erlass heißt es: „Das iranische Regime nutzte das Foxtrot-Netzwerk, um Angriffe auf israelische und jüdische Ziele in Europa durchzuführen, darunter die israelische Botschaft in Stockholm, Schweden, im Januar 2024.“ Majid habe „konkret mit dem iranischen Ministerium für Nachrichtendienste und Sicherheit zusammengearbeitet“.

Nach dem neuen Ausbruch des Krieges zwischen USA, Israel und Iran gilt für Deutschland eine „hohe abstrakte Gefahr“, die durch mullahnahe, gewaltbereite Gruppen ausgeht. Konkrete Anschlagspläne kennen die Behörden nicht. Die Sorge besteht, dass die iranischen Dienste ihre „Schläferzellen“ in Europa nun aktivieren. Die jüngsten Anschläge seien Warnsignale, sagt ein Sicherheitsbeamter. „Das müssen wir ernst nehmen.“

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