US-Angriff auf Grundschule im Iran: Nun rückt Palantir in den Fokus
Am ersten Tag des Iran-Krieges traf ein US-Angriff laut übereinstimmenden Berichten die Shajareh-Tayyebeh-Grundschule in Minab, einer Mädchenschule im Süden des Landes. Die fatalen Folgen: 168 Menschen sollen laut iranischen Angaben getötet worden sein, darunter wohl vor allem Kinder.
Aktuell läuft eine Untersuchung des Pentagons zu den genauen Umständen. Es verdichten sich allerdings Hinweise, dass ein tödliches Zusammenspiel aus Militärtechnologie und Fehlentscheidungen zu der Katastrophe geführt hat. Wie die „New York Times“ bereits vor einigen Tagen berichtete, wurden bei dem Angriff veraltete Daten des US-Militärgeheimdienstes DIA über die Zielumgebung genutzt. Nach einem Bericht des britischen „Guardian“ rückt nun auch eine Software des umstrittenen US-Technologiekonzerns Palantir in die Kritik, die den Namen „Maven Smart System“ trägt.
Das System verknüpft laut „Guardian“ Satellitenbilder, Sensordaten und Geheimdienstinformationen, um mögliche Ziele zu identifizieren und den Militärs in einem stark beschleunigten Prozess zur Freigabe von Angriffen vorzulegen. Im Militärjargon ist von „Kill Chain“ die Rede. Der Begriff beschreibt die bürokratische und tödliche Kette an Entscheidungen von der Identifizierung eines Ziels bis zu dessen Auslöschung.
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Palantirs „Maven Smart Systems“ beschleunigt Zielsetzung
Diese „Kill Chain“ beschleunigt sich im Iran-Krieg offenkundig. Beobachter sprechen von Amerikas erstem KI-gestützten Krieg. Laut US-Berichten haben die USA und Israel allein in den ersten 24 Stunden des Krieges tausend Ziele getroffen – fast doppelt so viele wie noch im Irak im Jahr 2003.
In seinem Bericht zeichnet der „Guardian“ die Entwicklung des „Maven Smart Systems“ nach. Im April 2017, zu Beginn der ersten Amtszeit von Präsident Trump, erfolgte im US-Verteidigungsministerium die Gründung eines Teams für algorithmische Kriegsführung, bekannt als Projekt Maven. Das Ziel: die automatische Auswertung der Informationsflut von Aufklärungs- und Drohnenbildern.
Ein einziger Einsatz einer Predator-Drohne kann laut Experten Hunderte Stunden Videomaterial erzeugen. Einer der für Maven verantwortlichen Generäle, Generalleutnant Jack Shanahan, brachte das Problem laut „Guardian“ 2017 auf den Punkt: Tausende Geheimdienstanalysten verbrächten 80 Prozent ihrer Zeit mit Routineaufgaben und ertränken in Aufnahmen von Überwachungsdrohnen, für deren Auswertung niemand Zeit hatte.
„Wir werden das Problem nicht lösen, indem wir mehr Personal einsetzen“, sagte Shanahan. „Das ist das Letzte, was wir machen wollen.“ Der Kerngedanke des Projekts sei daher gewesen, dass die Computer die Aufnahmen analysieren sollten, damit die Analysten nachdenken konnten.
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Google-Mitarbeitende schreiben offenen Brief
Das Pentagon brauchte zu diesem Zeitpunkt jemanden, der eine entsprechende Software entwickeln konnte. Google erhielt zunächst den Zuschlag. Doch 2018 unterzeichneten über 4000 Google-Mitarbeiter einen offenen Brief, in dem sie sich gegen den Vertrag des Unternehmens mit dem Pentagon und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz für das Militär aussprachen. Google gab den Vertrag schließlich auf. Dafür rückte Palantir Technologies im Jahr 2019 nach, das von Peter Thiel mitgegründete Datenanalyse- und Rüstungsunternehmen, und entwickelte Projekt Maven in den folgenden sechs Jahren weiter.
Der „Guardian“ berichtet von einer Planspielübung der Militärs mit dem Titel „Scarlet Dragon“. Mit ihr wollte man wohl testen, ob das System einem kleinen Team die Zielerfassungsfähigkeit verleihen konnte, für die zuvor Tausende von Soldaten benötigt worden waren.
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Software erinnert an Projektmanagement-Tools
Als Vergleichsmaßstab diente der Irakkrieg 2003, bei dem rund 2000 Personen für die Zielerfassung zuständig waren. Während „Scarlet Dragon“ bewältigten dem Bericht zufolge 20 Soldaten mit Maven das gleiche „Arbeitsvolumen“. Bis 2024 sollten 1000 Zielentscheidungen pro Stunde getroffen werden. Das entspricht 3,6 Sekunden pro Entscheidung oder, aus der Perspektive des einzelnen Militäranalysten, eine Entscheidung alle 72 Sekunden.
Die Software-Oberfläche soll eine militärisch anmutende Version einer Projektmanagement-Software für Unternehmen erinnern, kombiniert mit einer Kartenanwendung. Der Militäranalyst sieht demnach entweder eine Karte mit Geheimdienstinformationen oder einen in Spalten unterteilten Bildschirm, wobei jede Spalte eine Phase des Zielerfassungsprozesses darstellt.
Die einzelnen Ziele bewegen sich in den Spalten von links nach rechts, während sie die einzelnen Phasen durchlaufen – ein Format, das von Kanban, einem von Toyota entwickelten und heute in der Softwareentwicklung weitverbreiteten Workflow-System für schlanke Produktion, übernommen wurde.
