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⇱ Iran-Krieg: Preise für Energie und Sprit explodieren – wie schlimm wird die Krise?


Funke Mediengruppe
Öl- und Gaspreis

Steht uns tatsächlich die schwerste Energiekrise aller Zeiten bevor?

Berlin. Die Internationale Energieagentur schlägt Alarm. Doch wie schlimm steht es um die Energiesicherheit? Experten geben eine Einschätzung.
Von Katharina Engeln und Nina Noire Kugler
Derzeit kennen die Preise an der Tankstelle nur eine Richtung: nach oben. © Henning Kaiser/dpa | Henning Kaiser

Im Iran tobt der Krieg – und könnte schon bald noch weiter eskalieren. In der Nacht zu Sonntag hatte US-Präsident Donald Trump der iranischen Führung mit der Zerstörung von Energieanlagen gedroht, sollte das Land nicht innerhalb von 48 Stunden die Straße von Hormus vollständig öffnen. Teheran drohte seinerseits mit der vollständigen Schließung der für den weltweiten Handel wichtigen Meerenge. Mittlerweile ruderte Trump zwar wieder etwas zurück und verlängerte sein Ultimatum um wenige Tage. Mit Blick auf eine mögliche Eskalation warnte der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, dennoch mit äußerst drastischen Worten. Man stehe vor der „größten Bedrohung der Energiesicherheit in der Geschichte der Menschheit“, sagte er der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ).

„Fatih Birol hat recht, dass eine längere Schließung der Meerenge von Hormus zu einer globalen Energiekrise führen würde, die potenziell alle Länder betrifft“, sagte der neue Wirtschaftsweise der Bundesregierung, Gabriel Felbermayr, unserer Redaktion. Und schränkte ein: „Allerdings übertreibt er, wenn er sagt, im Vergleich zu den Ölkrisen der 1970er-Jahre wäre die Lage doppelt so schlimm. Denn die Golfstaaten waren damals für mehr als die Hälfte der globalen Ölproduktion verantwortlich; heute ist das weniger als ein Drittel.“

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Ölpreis nach Iran-Krieg: Schaden laut IEA größer als 1973 und 1979 zusammen

Birol sagte, das Ölangebot sei in den beiden Krisenjahren 1973 und 1979 zusammen um etwa zehn Millionen Barrel am Tag geschrumpft – während es aktuell elf Millionen Barrel am Tag seien. „Der Schaden ist also größer als bei diesen beiden großen Ölpreisschocks zusammen“, so der IEA-Chef. Ähnlich schwarz sieht er die Lage am internationalen Gasmarkt: Hier sei der Schock noch größer. Während das Angebot nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine um 75 Milliarden Kubikmeter gesunken sei, beliefen sich die aktuellen Verluste im Nahen Osten auf etwa 140 Milliarden Kubikmeter, also fast das Doppelte, so Birol.

1973 gab es anlässlich der Ölkrise Sonntagsfahrverbote in mehreren europäischen Ländern. Während dieser nutzten einige die Autobahn zum Fahrrad- und Rollschuhfahren. (Archivbild) © picture alliance / Benelux Press | dpa

Auch hier relativierte der österreichische Ökonom Felbermayr: „Auf dem Gasmarkt ist die Bedeutung der Golfstaaten zwar gestiegen, aber auch hier hat die Region einen Weltmarktanteil von unter einem Fünftel.“ Andere Anbieter seien stark gewachsen. Die USA etwa seien längst kein Nettoimporteur von Energie mehr. „Trotzdem: Ölpreise in der Höhe von 120 Dollar pro Fass treiben in allen Ländern die Inflation an, stellen gerade ärmere Länder vor Zahlungsbilanzschwierigkeiten und schwächen die globale Konjunktur“, so der Wirtschaftsweise.

Dax fällt wegen Iran-Konflikt unter 22.000 Punkte

Die Börse und ihre Anleger jedenfalls zeigen sich bereits irritiert. Zu Wochenbeginn führte der Dax seine Talfahrt fort. Angesichts der Ängste vor einem weiteren eskalierenden Iran-Krieg büßte der deutsche Leitindex am Montag im frühen Handel 1,87 Prozent auf 21.961 Punkte ein. Damit rutschte er erstmals seit dem Zoll-Schock von US-Präsident Trump im April 2025 unter die Marke von 22.000 Punkten.

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Für den MDax der mittelgroßen Unternehmen ging es am Montagmorgen um weitere 2,34 Prozent auf 27.145 Punkte bergab. Der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 verlor 1,6 Prozent. In Asien schlugen nach dem Ultimatum von Trump an den Iran noch deutlichere Kursabschläge zu Buche.

Spritpreise auf Rekordjagd: Diesel nähert sich Allzeithoch

Zudem steigen die Spritpreise weiterhin. Der Dieselpreis war am Montag nur noch etwas mehr als einen Cent von seinem Allzeithoch entfernt. Super ist mehr als 30 Cent teurer als vor Kriegsbeginn, Diesel 56 Cent. Das liegt unter anderem am gestiegenen Ölpreis. Sollte der Trend der letzten Tage anhalten, könnte der Rekordpreis bald gebrochen werden. Die höheren Energie- und Transportkosten schlagen zunehmend auf andere Bereiche durch. Ökonomen rechnen deshalb mit steigender Inflation und einer spürbar gebremsten Konjunkturerholung in Deutschland.

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Politisch wächst der Druck, gegenzusteuern. Bereits vor knapp zwei Wochen beschlossen die IEA-Mitgliedstaaten, darunter Deutschland, mehr als 400 Millionen Barrel Öl aus strategischen Reserven freizugeben, um die Preise zu stabilisieren. Zusätzlich brachte die Koalition vergangenen Donnerstag ein Maßnahmenpaket in den Bundestag ein, das unter anderem vorsieht, dass Tankstellen ihre Preise künftig nur noch einmal täglich erhöhen dürfen, während Senkungen jederzeit möglich bleiben. Zugleich soll das Kartellrecht verschärft werden. Die Bundesregierung erhofft sich davon mehr Transparenz und eine Dämpfung der Preisdynamik. Ob die Maßnahmen tatsächlich zu niedrigeren Preisen führen, ist unter Experten allerdings umstritten.

Expertin: Bisherige Maßnahmen bringen nur temporäre Erleichterung

„Je länger die Straße von Hormus geschlossen ist, desto gravierender werden die Folgen für Energiepreise mit kaskadierenden Effekten in andere Wirtschaftsbereiche“, sagt Kira Vinke, Stellvertretende Forschungsdirektorin und Leiterin des Zentrums für Klima und Außenpolitik der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, unserer Redaktion. „Die bisherigen Maßnahmen – wie etwa die Freigabe von Ölreserven – mögen zwar temporäre Erleichterung bringen, sie adressieren aber nicht den Kern des Problems: unsere extreme Abhängigkeit von fossilen Energieträgern.“

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Diese zeige sich beim Erdöl in Deutschland vor allem im Verkehr sowie bei der Wärmeversorgung von Gebäuden. „Die Bundesregierung muss schnellstmöglich strukturelle Probleme beseitigen und die Krise als Anlass zum Umdenken nehmen“, so Vinke. „Elektrifizierung und mehr erneuerbare Energien helfen nicht nur, die globale Erwärmung zu deckeln, sie stärken auch unsere Souveränität.“

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