Neues Abkommen in Syrien: „Die ganze Welt hat die Kurden betrogen“
Rashad Mustafa Dikan steht am Samstag auf einer kleinen Anhöhe am Rand von Kobane, die türkische Grenze ist nah. Nur hier ist es möglich, mit eSIM-Karten Nachrichten herauszubekommen, in der Stadt funktioniert das Internet seit Tagen nicht mehr. Der 51-Jährige sieht erschöpft aus: „Kobane wird noch immer belagert, es kommt kaum Hilfe herein. Wir haben keinen Strom, kein fließendes Wasser, kein Essen, keinen Diesel.“ Seit mehr als zwei Wochen belagern Truppen der syrischen Übergangsregierung die kurdische Stadt im Norden Syriens, die wie keine andere zum Symbol des Widerstands gegen das Terrorkalifat des „Islamischen Staates“ geworden ist. An ihrem Schicksal wird sich entscheiden, ob in der Region wirklich Frieden einkehrt.
Am Montag ist ein Abkommen in Kraft getreten, das die Übergangsregierung in Damaskus und die kurdisch dominierten Demokratischen Streitkräfte Syriens (SDF) nach Tagen zäher Verhandlungen am Freitag vereinbart hatten. Es soll wochenlange Kämpfe beenden, in deren Verlauf die Truppen des syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa kurdische Stadtviertel in der Millionenstadt Aleppo und die mehrheitlich von Arabern bewohnten und bislang von den SDF kontrollierten Städte Deir ez-Zor, Rakka und Tabqa einnehmen konnten. Die Gewalteskalation hat seit Anfang des Jahres Zehntausende Menschen in die Flucht getrieben. In den kurdischen Gebieten im Nordosten Syriens sind Schulen und Moscheen überfüllt mit Geflüchteten.
Eine unausweichliche Niederlage für die Kurden
Das Abkommen bedeutet ein weitgehendes Ende der jahrelangen kurdischen Selbstverwaltung im Norden Syriens. Die SDF sollen blockweise in die syrischen Streitkräfte integriert werden, Sicherheitskräfte der Übergangsregierung in die größten kurdischen Städte Qamischlo und Hasake einziehen. Der bislang von den syrischen Kurden kontrollierte Grenzübergang in die autonome Region Kurdistan im Irak fällt wieder an Damaskus, ebenso Öl- und Gasfelder.
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Es ist eine Niederlage für die Kurden, die unausweichlich war, nachdem ihre westlichen Partner ihnen die Unterstützung entzogen hatten. „Die ganze Welt hat die Kurden betrogen“, klagt Amgiyan, eine junge Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation, die in Kobane festsitzt. Sie stammt eigentlich aus Qamischlo, 330 Kilometer östlich. Als die Kämpfe eskalieren, geht sie in Rakka auf einen Hilfseinsatz, sie flieht nach Kobane, weil die Wege nach Qamischlo blockiert sind. Es gibt derzeit kein Entkommen aus Kobane. Tausende Geflüchtete aus umliegenden Dörfern haben die humanitäre Krise in der Stadt verschärft.
Abkommen mit der syrischen Übergangsregierung: Hoffnung und Enttäuschung
Die SDF waren in den vergangenen Jahren der engste Partner der US-geführten Antiterror-Koalition im Kampf gegen die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS). Die Allianz wird vor elf Jahren in der Schlacht um Kobane geschmiedet. Zu dieser Zeit stürmen die Fanatiker des IS scheinbar unaufhaltsam voran.
In Kobane wird ihr Vormarsch gestoppt. Kurdische Truppen leisten Ende 2014 erbitterten Widerstand. Mit US-amerikanischer Luftunterstützung gelingt es den Kurden im Januar 2015, die Terroristen zurückzudrängen. Der IS verliert den Nimbus der Unbesiegbarkeit. Es ist der Beginn des Endes des Terrorkalifats.
In Kobane sind auf einem gewaltigen Gräberfeld Tausende Männer und Frauen bestattet, die in den vergangenen Jahren im Kampf gegen den IS gefallen sind. „Ich hoffe, dass ihre Opfer nicht vergebens waren“, sagt Amgiyan am Telefon. Sie ist enttäuscht über das Abkommen. „Viele hier in Kobane verstehen nicht, warum wir uns ergeben, anstatt zu kämpfen.“ Rashad Mustafa Dikan sieht es anders: „Das Abkommen ist gut für die Menschen, wenn es hilft, das Töten zu beenden.“ Er ist nach dem Islamisten-Ansturm vor elf Jahren zum Christentum konvertiert und jetzt Priester.
Bei der Belagerung Kobanes sollen zehntausende Kämpfer unter dem Banner der Übergangsregierung im Einsatz sein, berichtet ein Sprecher der SDF. Es ist eine breite Allianz verschiedener Milizen, unter ihnen auch solche, die in der Vergangenheit schwere Menschenrechtsverletzungen begangen haben. Nach Angaben der SDF werden sie von türkischen Spezialkommandos unterstützt. Der SDF-Sprecher ist überzeugt, dass unter den Belagerern auch zahlreiche IS-Terroristen sind, die Rache für die Niederlage vor elf Jahren nehmen wollen. Der SDF-Sprecher warnt: „Wenn sie Kobane erobern, wird es Massaker und ethnische Säuberungen geben.“ Die bange Frage ist: Hat die Übergangsregierung ihre Kämpfer im Griff?
Es gibt Nachrichten, die alle hier beunruhigen
Während an den Frontabschnitten in Qamischlo und Hasake nach dem Abkommen die Waffen schweigen, soll es bei Kobane auch am Montag noch immer vereinzelt Gefechte geben. Die Lage sei extrem instabil, heißt es. Zugleich soll eine Sicherheitsdelegation des syrischen Innenministeriums die Stadt am Montag besucht haben, um weitere Schritte mit den SDF zu koordinieren. Die rote Linie für die Kurden: „Es darf kein Militär der Übergangsregierung in die Stadt hinein“, so ein Sprecher der Selbstverwaltung.
In Qamischlo machen sich Fatima Muslim As und ihre Familie große Sorgen, nicht nur um Kobane, die Stadt, aus der sie stammen, sondern vor allem um Masud. Mit elf Familienmitgliedern leben sie seit Tagen im Klassenraum einer heruntergekommenen Schule. Ein stinkender Kerosinofen wärmt den Raum, von dessen Wänden der Putz bröckelt, an den Seiten lagern Matratzen und durchweichte Kartons mit Lebensmitteln.
Fatima Muslim As zeigt ein Bild auf ihrem Telefon. „Das ist mein Enkel, sie haben ihn mitgenommen, wir wissen nicht, wo er ist.“ Masud Delil Abdul-Qadir ist gerade einmal 16. Er hat für die SDF gekämpft, ist in Gefangenschaft geraten. Seine Mutter Aisha Hussein hat ein Video im Internet gefunden, das offensichtlich von Soldaten der Übergangsregierung gefilmt wurde. Es zeigt ihren Sohn zusammen mit anderen Gefangenen auf der Ladefläche eines Pick-ups. Die Soldaten schlagen die Gefangenen, beschimpfen sie als „kurdische Schweine“. Hussein ist verzweifelt. „Können Sie mir helfen, ihn zu finden?“
In den Tagen zuvor sind in kurdischen Medien Nachrichten veröffentlicht worden, die alle hier beunruhigen. In Aleppo sollen vier kurdische Zivilisten im Gefängnis zu Tode gefoltert worden sein, die zuvor von Regierungstruppen nach den Kämpfen festgenommen worden waren. Ohnedies misstrauen viele Kurden Ahmed al-Scharaa und seinen Gefolgsleuten nicht, dem Mann, der noch vor wenigen Jahren gemeinsame Sache mit der Terrororganisation Al Kaida machte..
Al-Scharaa hat den Kurden jetzt zwar weitgehende Rechte und Schutz zugesichert, nennt sie Brüder und Schwestern. „Aber auch Saddam Hussein hat uns als Brüder bezeichnet. Zehn Jahre später hat er Tausende Kurden ermordet, lebendig begraben und vergasen lassen“, sagt ein aus der kurdischen Autonomieregion im Irak stammender Helfer, der nach Qamischlo gekommen ist. In den vergangenen Tagen sind erste kleinere Hilfskonvois der UN aus Aleppo nach Kobane gekommen. Auch am Montag hält die Blockade Kobanes an.
