Syrien am Scheideweg: „Alle hier haben Angst, dass der IS wiederkommt“
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Wenn es dunkel wird in Qamischlo, brennen an den Kreuzungen und an den Kreisverkehren Feuer. Rauch wabert durch die Straßen. Bewaffnete Männer, viele von ihnen blutjung und in ziviler Kleidung, die Gesichter oft vermummt, kontrollieren Autos und laufen Patrouille. Sie wollen ihre Nachbarschaften schützen. In der Nacht könnten Schläferzellen des „Islamischen Staates“ (IS) zuschlagen, befürchten sie. Einer der jungen Männer trägt eine Kalaschnikow, die deutlich älter als er selbst ist. „Wir sind bereit, wenn sie kommen“, sagt er. Seine Freunde rufen „Her biji Kurdistan!“. Hoch lebe Kurdistan.
Im Norden Syriens eskaliert Anfang Januar ein lange schwelender Konflikt zwischen der Übergangsregierung in Damaskus und den kurdisch dominierten Demokratischen Streitkräften Syriens (SDF). Nach heftigen Gefechten mit Dutzenden Toten und Verletzten nehmen Truppen der Übergangsregierung mehrheitlich von Kurden bewohnte Stadtviertel in der Millionenstadt Aleppo ein, danach Tabqa und Rakka, Städte mit einer arabischen Bevölkerungsmehrheit, die bisher die SDF kontrolliert hat. Arabische Stämme, die bislang unter dem Banner der SDF kämpften, haben die Seiten gewechselt. Jetzt stehen die Truppen der Übergangsregierung vor den kurdischen Kernsiedlungsgebieten.
Der erneute Gewaltausbruch in Syrien zeigt, wie instabil die Lage im Land ein Jahr nach dem Sturz des Langzeitdiktators Assad ist. Die Übergangsregierung um Präsident Ahmed al-Scharaa hat zwar zugesichert, die Rechte von Minderheiten zu schützen. Aber viele Alawiten, Christen, Drusen oder Kurden sind zutiefst verunsichert, schließlich haben jetzt in Damaskus Islamisten das Sagen, die noch vor wenigen Jahren mit der Terrororganisation al-Qaida verbündet waren. Die Vision der Männer um al-Schaara von einem arabisch dominierten Zentralstaat, in dem die Scharia Grundlage der Rechtsprechung ist, ist für manchen eine Schreckensvorstellung.
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Zehntausende sind in den vergangenen Tagen geflohen
Die Ereignisse der vergangenen Monate haben das Misstrauen weiter geschürt. Im vergangenen Jahr starben Hunderte Alawiten und Drusen bei Kämpfen und Massakern im Westen und Süden des Landes. Jetzt scheint das Ende der kurdisch dominierten Selbstverwaltung im Norden Syriens eingeläutet zu werden. Nach verschiedenen gescheiterten Verhandlungen ist es zu Kämpfen gekommen, beide Seiten bezichtigen sich der Provokation und Eskalation.
Truppen der Übergangsregierung haben Kobane eingekesselt, eine Stadt an der türkischen Grenze, in der vor elf Jahren Kurden erfolgreich Widerstand gegen die Fanatiker des Islamischen Staates leisteten. Die Schlacht um Kobane war der Ausgangspunkt für eine langjährige Allianz zwischen Kurden und der US-geführten Antiterror-Koalition, die jetzt Geschichte ist. Die US-Amerikaner haben ihre Unterstützung für die Kurden beendet. Sie setzen jetzt auf al-Scharaa.
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Ciwan stammt aus Afrin im Nordwesten Syriens. Jetzt steht er mit seinem kleinen Sohn auf dem Hof einer Schule in Derik, er sieht müde aus. „Ich verstehe das nicht. Die Kurden haben so lange gemeinsam mit der Koalition gekämpft. Wir haben so viele Opfer gebracht. Jetzt lassen sie uns fallen.“ Seine Familie und er sind schon zum dritten Mal vertrieben worden. Die Schule ist ein Zufluchtsort, wie alle Schulen in Derik und anderen Städten in den Kurdengebieten, wie Moscheen und Verwaltungsgebäude. Zehntausende Menschen sind in den vergangenen Tagen vor den Kämpfen geflohen.
Die Angst vor der Rückkehr des IS ist allgegenwärtig
Heute verteilt hier die Barzani Charity Foundation, eine Hilfsorganisation aus der kurdischen Autonomieregion im benachbarten Irak, Lebensmittel, Decken und Matratzen an die Geflüchteten. Nachts ist es bitterkalt, vor wenigen Tagen hat es geschneit. Ilham Omar Sido, 55, trägt eine Matratze in den Klassenraum, in dem sie mit ihren beiden Brüdern und den beiden Nichten lebt. Vier Tage war sie unterwegs, bis sie in Derik angekommen ist. Auch sie ist aus Rakka geflohen, auch für sie ist es die dritte Flucht. „Sie haben Menschen getötet, überall wurde geschossen.“
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Ilham Omar Sido befürchtet, dass jetzt der Islamische Staat wieder aufersteht. Rakka war bis zur Befreiung durch die SDF im Jahr 2017 die syrische Hauptstadt des Terrorkalifats. „Alle hier haben Angst, dass der IS wiederkommt. Die Araber in der Stadt haben alle Beziehungen zum IS gehabt. Sie haben uns sehr schlecht behandelt. Jetzt haben sie alle ihre Waffen wieder herausgeholt.“
Gefängnisse erobert: Konnten IS-Terroristen fliehen?
Nahezu alle Menschen in der Kurdenregion, mit denen man in diesen Tagen spricht, teilen die Befürchtung Sidos, dass der IS vor einer Renaissance stehen könnte. Bei ihrem Vormarsch haben die Regierungstruppen drei Gefängnisse unter ihre Kontrolle gebracht, in denen Tausende IS-Gefangene inhaftiert sind, außerdem das Camp al-Hol, in dem etwa 14.000 Angehörige von IS-Kämpfern untergebracht sind.
Khalid Ibrahim geht davon aus, dass im Zuge der Kämpfe zahlreiche Terroristen fliehen konnten. „Zwischen 1000 und 1500 Kämpfer sind befreit worden. Alles sehr gefährliche Leute.“ Ibrahim ist Mitglied des auswärtigen Ausschusses der Selbstverwaltung und verantwortlich für die Terrorismus-Angelegenheiten. Wie viele andere Kurden ist er überzeugt, dass die Übergangsregierung zumindest Sympathien für die IS-Kämpfer hat und sie als Gleichgesinnte versteht. Damaskus dementiert jedoch, dass eine nennenswerte Zahl IS-Kämpfer freigekommen ist.
Noch steht die größte Haftanstalt für IS-Gefangene in Hasake unter kurdischer Kontrolle. Dort sind zahlreiche ausländische IS-Kämpfer inhaftiert, darunter auch mehrere Deutsche. Auch das Lager al-Roj wird noch von Kurden bewacht. Die Kurden hätten viele Wachen an die Front abziehen müssen.
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„Alle Bemühungen, den IS zu bekämpfen, sind gescheitert“
Die US-Amerikaner haben jetzt begonnen, ausländische IS-Gefangene in den Irak zu transportieren. Insgesamt sollen 7000 Terroristen ins Nachbarland gebracht werden. 500 sollen bereits verlegt worden sein, berichtet Ibrahim. Der Funktionär ist wütend. „Der IS ist zurückgekommen, er ist stärker als zuvor. Alle Bemühungen, den IS zu bekämpfen, sind gescheitert.“
Eine Gruppe, die besonders unter den Gräueltaten des IS gelitten hat, ist die religiöse Minderheit der Jesiden. In einem unscheinbaren Gebäude an einer verschlammten Straße in Amude arbeitet „Emma“, eine Organisation, die sich um jesidische Mädchen und Frauen kümmert, die 2014 aus der irakischen Shingal-Region verschleppt und als Sexsklavinnen verkauft wurden. Noch heute gelten mehr als 2000 Frauen als vermisst.
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Am späten Dienstabend gellen in Qamischlo Schüsse durch die Nacht. Fast eine Dreiviertelstunde lang, abgefeuert werden sie aus Sturmgewehren und schwereren Waffen. Es hört sich an, als tobe eine Schlacht. Tatsächlich dürfte es eine Reaktion auf eine Vereinbarung sein, die die Übergangsregierung in Damaskus mit der Führung der SDF getroffen haben soll. Es heißt, man habe sich darauf verständigt, die Sicherheit in Qamischlo und Hasake dem syrischen Innenministerium zu überlassen. Die Kurden sollen demnach nur noch wenige Städte kontrollieren, die SDF in die syrischen Streitkräfte eingegliedert werden. Es wäre das Ende vom Traum eines autonomen syrischen Kurdistans.
